{"id":109077,"date":"2025-03-10T06:00:04","date_gmt":"2025-03-10T06:00:04","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=109077"},"modified":"2025-03-12T18:12:04","modified_gmt":"2025-03-12T18:12:04","slug":"wenn-ihr-nicht-werdet-wie-die-kinder","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/wenn-ihr-nicht-werdet-wie-die-kinder\/","title":{"rendered":"Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder\u2026\u00a0\u00a0"},"content":{"rendered":"<p><em>Die spielerische Weisheit des heiligen Narren<\/em><br \/>\n<!--more--><em>Kinder spielen sich ihre Welt. Im Spiel ist alles m\u00f6glich, wird alles in sein Gegenteil verkehrt. Im Spiel geschieht Lockerung, das Aufl\u00f6sen von Identifikationsmustern. Es entsteht eine \u00d6ffnung f\u00fcr die Qualit\u00e4t der \u201eNull\u201c, f\u00fcr das nicht-identifizierte Dasein. Kinder und heilige Narren unterschiedlichster Gestalt haben uns in der Menschheitsgeschichte den humorvollen Pfad lebendigen Daseins gelehrt<\/em><\/p>\n<p>Meine Enkelkinder sind zu Besuch. \u00dcber den gesamten Wohnzimmerteppich erstreckt sich das verzweigte Schienennetz einer Brio-Holzeisenbahn. Ein Bahnhof, ein Stellwerk, diverse Kr\u00e4ne, Bahn\u00fcberg\u00e4nge und Br\u00fccken vervollst\u00e4ndigen die Spiellandschaft. Lena und Maila sind gerade damit besch\u00e4ftigt, ein Kinderkrankenhaus aus Holzbausteinen aufzubauen, einen Operationsraum mit einem gro\u00dfen OP-Tisch, dann mehrere Krankenzimmer mit ca. 20 Krankenbetten.<\/p>\n<p>\u201eEs k\u00f6nnte ja mal einen Unfall geben\u201c, erkl\u00e4rt Maila. Und schon setzt sich der Zug in Bewegung. Lena hat alle Zugwaggons mit Playmobil-Figuren vollgestopft. In der zweiten Kurve st\u00f6\u00dft der hintere Teil des Zuges vor einen Br\u00fcckenpfeiler und kippt aus den Gleisen. Das Ungl\u00fcck nimmt seinen Lauf. Die Kinder telefonieren aufgeregt miteinander und bestellen einen Rettungszug, der schlie\u00dflich auf dem Nachbargleis vorf\u00e4hrt und die verletzten Personen zum Krankenhaus transportiert. \u201eOpa, kannst du ein Kind spielen, das sich den Arm gebrochen hat?\u201c Ich muss mich auf die Wohnzimmercouch, den \u201eOP-Tisch\u201c legen. Die Kinder verst\u00e4ndigen sich in Sekundenschnelle, wer jetzt die Not\u00e4rztin und wer die Krankenschwester ist. Sie ziehen sich wei\u00dfe Kittel an. Die Lage ist ernst, aber die Kinder k\u00f6nnen sich das Lachen kaum verbei\u00dfen. Nach einer Beruhigungsspritze wird ein \u201eGipsverband\u201c angelegt. Lena wickelt \u2013 nur unterbrochen von gen\u00fcsslich verabreichten Bet\u00e4ubungsspritzen \u2013 immer neue Mullbinden um meinen Unterarm, meinen Oberarm, schlie\u00dflich auch um meine Beine. Auf Opas Kopf werden von den grinsenden M\u00e4dchen zum Schluss noch zwei dicke Pflaster platziert, auch wenn dieser protestiert, dass er doch nur den Arm gebrochen hat.<\/p>\n<p>Kinder spielen sich ihre Welt, spielen sich ihr Leben. Welch zauberhafte \u00a0Landschaften entstehen dort! Wie einfach ist es f\u00fcr Kinder, sich ma\u00dfgeschneiderte Rollen zurechtzubasteln, um sie im n\u00e4chsten Augenblick gegen eine ganz andere Identit\u00e4t einzutauschen! Wie einfach ist es f\u00fcr sie, sich selbst Regeln und Vorschriften auszudenken, die stets nur kurzen Bestand haben. Im Spiel bleibt alles in Verwandlung. Aus Katastrophe wird Rettung. Aus bitterem Ernst wird ansteckende Fr\u00f6hlichkeit. Auf feindseligen Kampf folgt eine \u00fcberraschende Vers\u00f6hnung. Auf pl\u00f6tzlichen Tod folgt z\u00fcgige Auferstehung. Im Spiel ist alles m\u00f6glich. Eine ganze Welt innerer Unendlichkeit, gegenw\u00e4rtig, immer neu formbar.<\/p>\n<h3><strong>Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder \u2026<\/strong><\/h3>\n<p>In Matth\u00e4us 18,3 sagt Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. (*1). Der indische Philosoph und Dichter Rabindranath Tagore \u00fcbersetzt dieses Bibelwort mit folgenden Worten: Gott ehrt uns, wenn wir arbeiten, aber er liebt uns, wenn wir spielen. (*2).<\/p>\n<p>Erscheint diese Aussage Rabindranath Tagores nicht als paradox, ja geradezu verr\u00fcckt in der heutigen Zeit? Unsere Welt ist bis aufs Letzte durchrationalisiert und durchgetaktet. Eigentlich ist da wenig Spielraum, wenig Raum zum lebendigen Erproben von kreativen Lebensentw\u00fcrfen, die mutig und in heiterer Gelassenheit \u201ebespielt\u201c werden.<\/p>\n<p>Aber der gro\u00dfe Transformationsprozess in jedem Einzelnen und auf dem Planeten Erde beinhaltet genau diese gewaltige Herausforderung:<\/p>\n<blockquote><p>die Identifikation mit unserer Person, die Identifikation mit unseren Idealen, die Identifikation mit uns \u201eangenehmen\u201c Gef\u00fchlen zu lockern, das Schwarz-Wei\u00df-Denken unserer gegens\u00e4tzlichen Standpunkte allm\u00e4hlich zu \u00fcberwinden und uns zu \u00f6ffnen f\u00fcr gemeinsame Ebenen des Bewusstseins, f\u00fcr Seelenebenen der Liebe und des Mitgef\u00fchls.<\/p><\/blockquote>\n<p>Kinder sind in ihren ersten Lebensjahren noch sehr innig mit dem Urgrund verbunden, mit dem Offenen, mit der sch\u00f6pferischen Lebenskraft des Nicht-Festgelegten. Alles kann so und im n\u00e4chsten Moment auch wieder ganz anders sein. Wir als Erwachsene aber haben Tausende von verfestigten Krusten des konditionierten Verstandes \u00fcber diesem heiteren, offenen Urgrund entstehen lassen. Und jetzt verheddern wir uns in unseren Bewertungsmustern.<\/p>\n<p>Im Spiel jedoch n\u00e4hern wir uns der Sph\u00e4re des \u201eUrbewusstseins\u201c, der Sph\u00e4re der \u201eNon-Dualit\u00e4t\u201c an:<\/p>\n<blockquote><p>Das Ur-Bewusstsein ist jenseits von Wechsel und Nicht-Wechsel. Wenn unsere wahre Natur verwirklicht ist, wird offensichtlich, dass Stille und L\u00e4rm (\u2026)vom Geist erschaffene Gegens\u00e4tze sind. Alles ist schon enthalten in der uranf\u00e4nglichen Stille. Die Bewegung der Welt ist identisch mit Unbewegtsein. Sei still und erkenne, sei in Bewegung und erkenne. Alles ist tanzende Leere. (*3).<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Tao Teh King hei\u00dft es: Das Schwere ist die Wurzel des Leichten; die Ruhe ist der Meister der Bewegung.\u201c (*4)<\/p>\n<h3><strong>Der Mythos des heiligen Narren<\/strong><\/h3>\n<p>Eine verh\u00e4rtete, auf pers\u00f6nliche Identifikation, auf Rationalisierung und Zweckbestimmtheit ausgerichtete Welt braucht einen Gegenspieler, einen Aufr\u00fcttler, einen \u201eVerr\u00fcckten\u201c, einen Clown. In allen Menschheitskulturen existiert der \u201eNarr\u201c als Gegenentwurf, als Ausdruck lebendigen, unberechenbaren, spielfreudigen, unbestechlichen, freien Menschseins. In der Historie hat er viele Formen angenommen.<\/p>\n<p>Till Eugenspiegel stellt die braven B\u00fcrger in ihrem Geiz, in ihrem Machtstreben und ihrer Dummheit blo\u00df. Hans Wurst ist der Depp, der d\u00fcmmer als der D\u00fcmmste ist und \u00fcber den man einfach lachen muss. Mulla Nasruddin verk\u00f6rpert den weisen Narren der arabisch-persischen Welt. Pierrot, der traurige Clown, und Harlekin, der schlaue T\u00f6lpel, haben in Frankreich und Italien eine lange Tradition. Der Zirkusclown mit der roten Nase entsteht im 18. Jahrhundert als Pausenclown. Und auch die Kirche gesteht dem Volk eine Zeit des Tabubruches zu, die Karnevalszeit, in der alle Regelungen und Gesetze \u2013 zumindest in kurzzeitiger Pause \u2013 au\u00dfer Kraft gesetzt sind.<\/p>\n<p>In der nordamerikanischen indigenen Kultur ist der sogenannte Heyoka nicht nur der Clown, auf den sich Erwachsene wie Kinder wegen seiner Sp\u00e4\u00dfe, seiner bizarren Kleidung, seiner komischen Gesichter und seines grenz\u00fcberschreitenden Spiels freuen. Er ist auch der universelle, weise und wohlwollende Narr, der zugleich Spieler, Heiler, Erzieher und Lebenslehrer ist. Er lehrt den Fluss des Seins. (*5)<\/p>\n<p>Der Heyoka-Clown ist von seiner sozialen Stellung her sowohl ein Zugeh\u00f6riger der Dorfgemeinschaft als auch ein \u201eoutlaw\u201c, ein von ihr Ausgesto\u00dfener. Von seinen Stammesmitgliedern erh\u00e4lt er den gr\u00f6\u00dften Respekt, denn seinen Auftrag, seine Vision hat er durch g\u00f6ttliche Berufung erhalten. Der Heyoka hat jede Angst vor Schuld, Strafe und Isolation \u00fcberwunden, auch die Angst vor Schmerzen, Krankheit und Tod. Im Sch\u00f6pfungsmythos der Jicarilla-Apachen ist er es, der die Menschen aus dem Dunkel der Erde ans Licht der Sonne f\u00fchrt:<\/p>\n<p>Alles, was er in seinem Spiel tut, zielt darauf ab, die Menschen zum Lachen zu bringen, damit sie sich selbst sp\u00fcren und von festgefahrenen Einstellungen und Konzepten loslassen. Er dreht die Rituale um oder \u00fcbertreibt sie ma\u00dflos. Er tut alles, um die Selbstgef\u00e4lligkeit und Vorurteile seiner Mitmenschen aufzudecken, um mit Lachen zu heilen und zu ermutigen. Er ist der unachtsame, heillose Fresssack, der \u201eHanoclown\u201c der Hopi-Indianer, der ohne Manieren und mit viel Genuss Wassermelonen in sich stopft. Er stolpert \u00fcber die eigenen F\u00fc\u00dfe. Er ist einf\u00e4ltig und naiv und posaunt seine \u00c4ngste und seine Meinung in die Welt hinaus (\u2026). Er kann in die Welt der Anderen steigen, in ihre Verbohrtheiten und Verr\u00fccktheiten. Er mimt sie liebevoll und bringt selbst den Leidenden dazu, \u00fcber das eigene Leid zu lachen. Er bringt das Lachen und die Lebenslust und festigt das nat\u00fcrliche Sein und die Verbundenheit im Stamm zum G\u00f6ttlichen. Er hilft abwegige und unverbundene Einstellungen zu bannen und wird als Wandler, Verb\u00fcndeter und Vermittler zwischen den Welten angesehen. (*5)<\/p>\n<h3><strong>Der Weg der wahrhaftigen \u201eNull\u201c<\/strong><\/h3>\n<p>Der Narr, der T\u00f6lpel, der Taugenichts \u2013 diese Gestalten sind \u201eNullen\u201c, sie haben keine Macht. Sie wirken durch Anziehung, durch die F\u00e4higkeit, die Menschen ihrer Kultur zum Lachen zu bringen, durch die Bereitschaft, mit Wahrheiten zu schockieren. Der Tor bleibt authentisch. Er entfremdet sich nicht durch aufgezwungene Rollenidentifikationen. Er geht das Wagnis des \u201eNarrensprungs\u201c ein, er wagt es, den Weg des Herzens und der wahrhaftigen Null zu gehen. Er lebt in der absoluten Gegenwart, er nimmt mit allen Sinnen wahr, vor allem mit dem Unsinn. Sein Scheitern ist seine h\u00f6chste Lust.<\/p>\n<p>Sind wir nicht alle im Inneren solche Narren, wenn es um die Verbindung mit den Quellen des Lebens geht?<\/p>\n<p>In unserem Kern sind wir doch eigentlich \u201egesund\u201c, \u201ekerngesund\u201c, und das k\u00f6nnen wir erleben, wenn wir unsere Identifikationen, Meinungen und \u00dcberzeugungen lockern und loslassen k\u00f6nnen. Der Narr ermutigt uns, den eigenen Katastrophen und den eigenen Schatten geradewegs ins Auge zu schauen, uns zuzugestehen, dass wir \u201eeine Null\u201c sind.<\/p>\n<p>Die Null lebt dort, wo Widerspr\u00fcche nebeneinander existieren k\u00f6nnen, wo wir merken, dass auch wir gegens\u00e4tzlich und widerspr\u00fcchlich sind, eben \u00fcberhaupt nicht perfekt. Den Spiegel blank zu polieren, das bedeutet, sich durchl\u00e4ssig, ehrlich, einfach und biegsam zu machen, sich mit allen m\u00f6glichen Rollen anzufreunden, gerade auch mit denen, die uns gegen den Strich gehen. Dann k\u00f6nnen wir werden wie die Kinder, dann k\u00f6nnen wir \u201eheilige Clowns\u201c werden. Die Welt braucht sie n\u00f6tiger denn je!<\/p>\n<hr \/>\n<blockquote><p>[\u2026] Gott lass uns jeden tag auch heute dein licht sehen<br \/>\nlass uns nicht uns selbst verzwecken<br \/>\nund nur das notwendige das ernste tun<br \/>\nspiel mit uns gott und lass uns mit dir spielen<br \/>\nwie der wind auf dem wasser spielt im licht<br \/>\nwie das staunen und die neugier<br \/>\nauf dem gesicht des neunj\u00e4hrigen spielen<br \/>\nund die fr\u00fchlingsbl\u00fcten am stra\u00dfenrand<br \/>\nzusammengekehrt vom wind<br \/>\ngott lass uns jeden tag auch heute dein licht sehen<br \/>\nin einer kleinen pf\u00fctze am weg [\u2026]<br \/>\n<em>Dorothee S\u00f6lle (*6)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<p>*1 Lutherbibel 2017, Matth\u00e4us 18,3<\/p>\n<p>*2 Rabindranath Tagore, zitiert nach: Martina Rambusch-Nowak, Spielend Mensch sein vor Gott, <a href=\"https:\/\/www.rpi-loccum.de\/material\/pelikan\/pel4_20\/4_20_Rambusch-Nowak\">https:\/\/www.rpi-loccum.de\/material\/pelikan\/pel4_20\/4_20_Rambusch-Nowak<\/a><\/p>\n<p>*3\u00a0 Samadhi Teil 3 \u2013 Der weglose Pfad \u2013 Filmtext zum gleichnamigen Film von Daniel J. Schmidt und Tanja Mahar 2021 https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=wuEXrFO5_xs<\/p>\n<p>*4 Tao Teh King, Kapitel 26, zit. nach: Jan van Rijckenborgh und Catharose de Petri, Die Chinesische Urgnosis<\/p>\n<p>*5 David Gilmore, Die Wurzeln des Narren, <a href=\"http:\/\/www.davidgilmore.com\">www.davidgilmore.com<\/a><\/p>\n<p>*6\u00a0 aus:\u00a0 Dorothee S\u00f6lle, Loben ohne l\u00fcgen. Gedichte, (c) Wolfgang Fietkau Verlag, Kleinmachnow, S.108<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":109114,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101],"tags_english_":[],"class_list":["post-109077","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-spiritsoul-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/109077","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/109114"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=109077"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=109077"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=109077"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=109077"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}