{"id":109034,"date":"2025-03-14T06:00:02","date_gmt":"2025-03-14T06:00:02","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=109034"},"modified":"2025-03-14T21:41:01","modified_gmt":"2025-03-14T21:41:01","slug":"der-zen-moench-und-der-derwisch","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/der-zen-moench-und-der-derwisch\/","title":{"rendered":"Der Zen-M\u00f6nch und der Derwisch&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Was wir sehen und empfinden, ist nicht alles. Es gibt ein Dahinter, ein Dar\u00fcber.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ein Zen-M\u00f6nch sprach zu einem Derwisch:<\/p>\n<blockquote><p>Ich bin so frei und losgel\u00f6st, dass ich nie mehr an mich selbst denke, nur noch an andere.\u00ab<br \/>\nDer Derwisch sagte: \u00bbUnd ich bin so objektiv, dass ich mich selbst betrachten kann, als w\u00e4re ich ein anderer Mensch; deshalb kann ich es mir leisten, auch an mich selbst zu denken. <a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Man kann dar\u00fcber lachen und sich fragen, ob die beiden noch bei Trost sind oder ihre Erleuchtung sie jeder Alltagssituation enthoben hat \u2013 oder ob sie sich nur bem\u00fchen, die Beschr\u00e4nktheit ihres Bewusstseinszustands hinter schlauen Phrasen zu verstecken. Auf jeden Fall l\u00f6sen sie mit ihren Worten Heiterkeit aus.<\/p>\n<p>Aber haben nicht beide Recht? Beide sagen die Wahrheit. Die Geschichte taucht in vielen Varianten mit unterschiedlichen Akteuren in etlichen Kulturen auf. Also muss etwas anderes, tieferes dahinterstecken. Ob es nun der dicke, lachende Buddha-Heilige ist, der in den Kaschemmen des alten China dem einfachen Volk die Koans des Zen nahebringt oder der Rabbi, der als Projektionsfigur j\u00fcdischen Humors herhalten muss oder der indische Heilige, der auf die Frage, warum er denn nur zwei Sch\u00fcler habe, das w\u00fcrde doch nun wirklich nicht den Aufwand lohnen, gelassen antwortete: \u00bbIrgendwann, irgendwann werden alle einmal kommen.\u00ab \u2013 sie alle sahen in die Welt von der Warte des augenzwinkernden Au\u00dfenstehenden, der gleichzeitig in der Welt und nicht in der Welt ist; sie alle begegnen den Fragen ihrer Zeitgenossen mit Nachsicht, Freude \u2013 und eben Heiterkeit. Und es ist nat\u00fcrlich, dass kluge Menschen auch einen Namen f\u00fcr das Koan der eingangs geschilderten Geschichte gefunden haben. Sie nennen es Tetralemma, in Anlehnung an das Dilemma, in dem wir uns befinden, wenn wir nicht wissen, was nun eigentlich richtig ist und f\u00fcr welche von zwei M\u00f6glichkeiten wir uns entscheiden sollen.<\/p>\n<p>Der ber\u00fchmte indische Heilige Nagarjuna, der im 2. Jh. als einer der Pioniere des Mahajana-Buddhismus gelebt hat, hat es auch durchdrungen. In seinem Kontext hei\u00dft das Ph\u00e4nomen catuskoti, es ist ein \u201eEntscheidungsvierkant\u201c. Er besagt: 1) Weder ist es so, 2) noch ist es anders, 3) noch ist es sowohl so, als auch nicht so und schlie\u00dflich 4) ist es weder so, noch nicht so.<\/p>\n<p>Man kann das als Haarspalterei oder blo\u00dfes Wortspiel betrachten. Aber deutet nicht die Tatsache, dass derartige Denkfiguren in so unterschiedlichen Kulturkreisen auftauchen, darauf hin, dass damit eine Wahrheit im Umgang mit der Welt und sich selbst angedeutet wird, die sich unserem m\u00fchseligen Lebensalltag entzieht?<\/p>\n<p>Das Wesentliche scheint mir in der Weltsicht zu liegen, dass das, was wir sehen und empfinden, nicht alles ist, dass es ein Dahinter, Dar\u00fcber oder schlicht eine Ebene gibt, die sich unserer vern\u00fcnftelnden Lebenseinstellung \u2013 die bekannterma\u00dfen ohnehin eine Illusion ist \u2013 entzieht.<\/p>\n<p>In der heiteren Gelassenheit steckt etwas v\u00f6llig anderes als ein resigniertes \u201eso what\u2026\u201c oder der Zynismus eines Menschen, der noch in den schlimmsten Situationen Witze \u00fcber andere (oder sich selbst) machen kann. Die gelassene Heiterkeit bezieht immer das eigene Selbst mit ein und ist wohlwollend. Eine solche Haltung setzt ihrerseits eine Distanz zu eben diesem eigenen Selbst voraus. Denn wie k\u00f6nnte ein Selbst gelassen \u00fcber die Welt nachdenken, wenn es nicht \u00fcber den Rand des eigenen Tellers samt dessen Inhalt hinausschaut? Darin steckt die situationsprengende Macht der Heiterkeit, davon geht ihre ansteckende und befreiende Wirkung aus. Goethe hat es auf den Punkt gebracht:<\/p>\n<blockquote><p>Ich liebe mir den heitern Mann<br \/>\nam meisten unter meinen G\u00e4sten:<br \/>\nWer sich nicht selbst zum besten haben kann,<br \/>\nder ist gewiss nicht von den Besten. <a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Heiterkeit ist nicht erlernbar, aber auch nicht angeboren. Sie ist geronnene Lebenserfahrung und gr\u00fcndet in einer Instanz unseres Wesens, die erst sichtbar wird, wenn wir mit unserem wissenden Ich etwas zur Seite r\u00fccken \u2013 man k\u00f6nnte diese Instanz sogar mit einer spirituellen Dimension in Verbindung bringen. Es geht also um mehr, als sich selbst nur einfach nicht so wichtig zu nehmen.<\/p>\n<p>Anspruchsvoll gesagt: es geht es ums Ganze oder, wie eine Stimme aus dem Osten es viel einfacher ausdr\u00fcckt:<\/p>\n<blockquote><p><em>Warum bist du ungl\u00fccklich? Weil 99,9 Prozent von allem, was du denkst und von allem was du tust, f\u00fcr dein Selbst ist \u2013 und da ist keins.<\/em> <a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a><\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\"><strong>[1]<\/strong><\/a> Aldinger, Marco (1992): Bewusstseinserheiterung. Freiburg: Verlag Marco Aldinger. S. 76.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\"><strong>[2]<\/strong><\/a> Goethe, Johann Wolfgang von (1982): Spr\u00fcche \u2013 Hamburger Ausgabe Band 1. M\u00fcnchen: dtv. S. 318.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\"><strong>[3]<\/strong><\/a> Wei, Wu Wei (2002): Ask the Awakened: The Negative Way. Boulder: Sentient Publications. S. 7. \u00dcbersetzung durch den Verfasser des Beitrags. Wei Wu Wei war das Pseudonym von Terence James Stannus Gray (1895-1986).<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":116534,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-109034","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/109034","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/116534"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=109034"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=109034"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=109034"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=109034"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}