{"id":109025,"date":"2024-07-05T06:00:25","date_gmt":"2024-07-05T06:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=109025"},"modified":"2024-07-04T18:23:50","modified_gmt":"2024-07-04T18:23:50","slug":"urvertrauen-oder-urangst","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/urvertrauen-oder-urangst\/","title":{"rendered":"Urvertrauen oder Urangst?"},"content":{"rendered":"<p><em>Als Jugendlicher erlebte der deutsch-schweizerische Philosoph Jean Gebser (1905-1973) etwas, das ihn sein Leben lang pr\u00e4gen sollte.<\/em><\/p>\n<p><em><!--more--><\/em><\/p>\n<p><em>Es floss sp\u00e4ter in das Werk ein, das ihn weltbekannt machte: Ursprung und Gegenwart, eine monumentale Geschichte des menschlichen Bewusstseins in seinen unterschiedlichen Strukturen. <\/em><\/p>\n<p>Oberfl\u00e4chlich betrachtet war Gebsers Erfahrung nicht ungew\u00f6hnlich; die meisten von uns haben sich irgendwann in einer \u00e4hnlichen Situation befunden. Aber die pl\u00f6tzliche Herausforderung, \u00fcber die andere nicht mehr viel nachgedacht h\u00e4tten, f\u00fchrte Gebser zu einer tiefgreifenden Einsicht.<\/p>\n<p>Was war passiert? Er musste im Schwimmunterricht von einem Sprungbrett springen, das sich hoch \u00fcber einem tiefen Wasser befand. Schwimmen zu lernen war in seiner Schule Pflicht, und f\u00fcr ihn ging es darum, das \u201eFreischwimmer-Abzeichen\u201c zu erhalten. Dazu musste er von einem drei Meter hohen Sprungbrett springen und sich zehn Minuten lang \u00fcber Wasser halten. Zu der Zeit hatte der junge Gebser schon einige Begegnungen mit dem Wasser hinter sich. Als er ein Jahr alt war, f\u00fchrte eine Unachtsamkeit seiner Mutter dazu, dass er in der Badewanne fast ertrank. Und einige Jahre sp\u00e4ter rutschte er auf einer steilen Klippe aus und st\u00fcrzte beinahe in einen Fluss. Jetzt stand er also auf dem Sprungbrett; die anderen Jungen spornten ihn an und der Lehrer wartete. Bewusst und buchst\u00e4blich musste er sich in das hinabst\u00fcrzen, was ihn Jahre zuvor traumatisiert hatte.<\/p>\n<p>In diesen wenigen Momenten, ehe er den ersten von vielen weiteren \u201eSpr\u00fcngen ins Ungewisse&#8220;, die noch kommen sollten, wagte, kristallisierte sich in ihm etwas heraus, das sp\u00e4ter zu einer leitenden Erkenntnis seiner Arbeit werden sollte. \u201eErst Jahrzehnte sp\u00e4ter wurde mir bewusst\u201c, so schrieb er in seinen unvollendet gebliebenen autobiographischen Notizen Die schlafenden Jahre, \u201edass ich damals die Furcht vor dem Ungewissen verlor, und dass in mir selbst ein Vertrauen zu reifen begann, welches sich sp\u00e4ter bestimmend auf meine ganze Lebenshaltung auswirken sollte: das Vertrauen in die Kr\u00e4ftequellen des Daseins, der unverstellte Zugang zu ihnen, jene innere Sicherheit, die wahrscheinlich nur dann ganz zur Wirkung kommen kann, wenn es uns gelingt, das, was wir tun, nicht um unserer selbst willen zu tun.&#8220;[i]<\/p>\n<p>Diese Zuversicht angesichts gro\u00dfer Ungewissheiten bildete die Grundlage f\u00fcr Gebsers Begriff des \u201eUrvertrauens&#8220;, eines tiefen Gef\u00fchls des Aufgehobenseins und der Akzeptanz des Lebens. Das Gegenst\u00fcck dazu bildet die \u201eUrangst&#8220;, die unterschwellige Angst, die unsere Haltung gegen\u00fcber der Welt meist pr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Sie ist uns sehr vertraut, diese Angst, dieses tiefe Unbehagen, das der Philosoph S\u00f8ren Kierkegaard als die Grundsituation des Menschseins bezeichnete. Sie wurde von Martin Heidegger und den nachfolgenden Existentialisten aufgriffen. Es handelt sich nicht um eine Angst vor irgendetwas Bestimmtem, sondern um eine frei schwebende Angst. Der Philosoph Leszek Kolakowski sprach vom Leben im \u201eGef\u00fchl der allumfassenden Krise, deren Ursachen sich uns nicht erschlie\u00dfen &#8230;&#8220;. Zun\u00e4chst war der Begriff der Urangst ungewohnt, doch dann wurde er Teil des allgemeinen Sprachgebrauchs. Im Englischen gibt es das deutsche Wort Angst sogar als Verb: \u201ewe can \u201aangst\u2019 about something\u201c. Mag sie klein sein oder gro\u00df, eine gewisse Sorge begleitet uns fast immer.<\/p>\n<p>Ihr Gegenteil, das Urvertrauen, das der junge Gebser fand, als er, wie der Schriftsteller Joseph Conrad es formulierte, \u201ein das zerst\u00f6rerische Element&#8220; eintauchte, in das unbekannte und sehr tiefe Wasser, ist weniger verbreitet. Vertrauen in alles, was auch kommen mag, ist Mangelware in unserer Zeit, und diejenigen, die ein gewisses Ma\u00df davon besitzen, werden von anderen, die es nicht besitzen, normalerweise f\u00fcr dumm oder naiv gehalten. Aber so wie die Urangst keine spezielle Ursache und keinen erkennbaren Grund hat, war das Vertrauen, das der junge Gebser erlebte, als er vom Sprungbrett sprang, nicht auf etwas Bestimmtes bezogen. Es war kein Vertrauen in den Bademeister, der ihn h\u00e4tte retten k\u00f6nnen oder in seine Klassenkameraden, sondern in die Quellen des Lebens selbst. Es war ein Vertrauen, dass das Leben es gut mit uns meint, auch wenn wir daf\u00fcr keine Beweise besitzen, sondern viele Umst\u00e4nde eher das Gegenteil zu beweisen scheinen.<\/p>\n<p>In den Jahren, die auf seinen Sprung ins Unbekannte folgten, hatte Gebser mehr als nur tiefes Wasser zu bef\u00fcrchten. Man k\u00f6nnte, metaphorisch gesprochen, sagen, dass sich \u201etiefes Wasser\u201c f\u00fcr ihn bald \u00fcber einen gro\u00dfen Teil Europas erstreckte. Seine Familie litt in den fr\u00fchen 1920er Jahren unter einer finanziellen Krise. Die Beziehungen zwischen seinen Eltern waren nicht gut, und 1922 starb Gebsers Vater an den Folgen eines Selbstmordversuchs. Der junge Gebser war gezwungen, die Schule zu verlassen und Arbeit zu finden. Das gelang ihm in einer Bank, aber er war dort nicht mit dem Herzen dabei, und so machte er erneut einen Sprung, lehnte die ihm angebotene, gut bezahlte Stelle in der Bank ab und st\u00fcrzte sich zusammen mit einem Freund in ein kurzlebiges Verlagsprojekt. (Gebser war auch Dichter, obwohl er sp\u00e4ter als Philosoph bekannt wurde,)<\/p>\n<p>Von den sp\u00e4ten 1920er Jahren bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs f\u00fchrte er ein Wanderleben, das ihn quer durch Europa trug. Immer, wenn er sich irgendwo niedergelassen hatte, wagte er sich erneut ins Unbekannte, kurz ehe die Gefahr zuschlug. Im Jahr 1929 verlie\u00df er Deutschland, als Hitlers Nazis ihren Aufstieg zur Macht begannen. In Spanien, w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs, entkam er Francos Faschisten, kurz bevor seine Wohnung bombardiert wurde. An der franz\u00f6sischen Grenze wurde er fast erschossen, aber es gelang ihm gerade noch, sie zu \u00fcberqueren. \u00c4hnliches kann man von seinem Freund, dem spanischen Dichter Federico Garcia Lorca, nicht sagen: er wurde von den Nationalisten erschossen. Weniger Jahre sp\u00e4ter, als die Nazis, deren Aufstieg er ein Jahrzehnt zuvor miterlebt hatte, ganz Europa bedrohten, gelang es Gebser, die Grenze von Frankreich, das bald fallen w\u00fcrde, zu \u00fcberqueren, kurz ehe sie geschlossen wurde. Er erreichte die Schweiz, wo er zusammen mit anderen Exilanten blieb und den weiteren Verlauf der Katastrophe abwartete.<\/p>\n<p>Durch all dies wuchs in Gebser die Einsicht in das, was er Jahrzehnte zuvor bei seinem ersten Sprung ins Ungewisse gefunden hatte. Das Urvertrauen, das ihm bei seinem ersten Sprung geholfen hatte, leitete ihn auf seinem Weg durch die immer gef\u00e4hrlicher werdenden sozio-politischen Str\u00f6mungen, die den Kontinent durchzogen. W\u00e4hrend seiner Zeit in Spanien empfing er die zentrale Intuition f\u00fcr sein Werk, dessen Ausarbeitung er sich in den folgenden Jahrzehnten widmete. Er sammelte Beweise f\u00fcr die Idee, dass sich das menschliche Bewusstsein seit seinem ersten Auftreten vor vielen Jahrtausenden in verschiedenen Schritten mutiert hat und nun, im fr\u00fchen 20. Jahrhundert, eine erneute Mutation begann. Es war eine \u201eblitzartige Einsicht\u201c, die er w\u00e4hrend der Arbeit an einer Studie \u00fcber Rilkes Lyrik erhielt.<\/p>\n<p>Es ist interessant, dass Rilkes Poesie eine solche Wirkung auf Gebser hatte. Auch Rilke wusste von dem, was Gebser Urvertrauen nannte. In einem Text mit dem Titel Erlebnis I versuchte Rilke, ein eigenartiges Gef\u00fchl zu beschreiben, das ihn 1912 w\u00e4hrend eines Aufenthaltes auf Schloss Duino (an der norditalienischen Adriak\u00fcste) \u00fcberkam, wo er die Inspiration zu seinen Duineser Elegien erhielt. Er ging auf dem Gel\u00e4nde des Schlosses spazieren und stie\u00df auf einen kurzen, strauchartigen Baum, der sich genau auf seiner Schulterh\u00f6he verzweigte. Rilke lehnte sich in das Ge\u00e4st und f\u00fchlte sich bemerkenswert entspannt, \u201eeingeruht\u201c, wie er schreibt. Bald geriet er in eine Art mystischen Zustand. \u201eEs war, als ob aus dem Innern des Baumes fast unmerkliche Schwingungen in ihn [Rilke] \u00fcbergingen.&#8220; Ber\u00fchrungen, die er normalerweise nicht wahrgenommen h\u00e4tte, drangen in sein Bewusstsein und er f\u00fchlte sich so, als sei er \u201eauf die andere Seite der Natur geraten\u201c, in ihre Innerlichkeit, ihre Innenwelt. Alles, was er betrachtete, schien ihn auf eine Einsicht hinzuweisen, auf eine Bedeutung, die kurz davor stand, sich ihm zu offenbaren. Bei anderer Gelegenheit \u00fcberkam ihn eine tiefe Ruhe und Stille und er f\u00fchlte, dass \u201ealles mit mir im Einklang war&#8220; und er einen Raum betreten hatte, der so \u201eungest\u00f6rt wie das Roseninnere&#8220; war [ii].<\/p>\n<p>Aus diesem gro\u00dfen Frieden heraus, diesem \u201eengelhaften Raum, in dem man ganz still ist&#8220;, entstand die kraftvolle poetische Vision des Engels der Elegien. Der Engel war \u201eschrecklich&#8220;, das hei\u00dft furchterregend und ungeheuerlich, doch seine Botschaft an den Dichter war, dass es seine Aufgabe sei, die Dinge der Erde zu \u201eloben&#8220;, die gew\u00f6hnlichen, allt\u00e4glichen Dinge. Er solle nicht von unaussprechlichen Geheimnissen singen \u2013 die kannte der Engel schon \u2013, sondern von der einfachen und doch unbegreiflich wundersamen Existenz von \u201eHaus, Br\u00fccke, Brunnen, Tor, Krug, Obstbaum, Fenster &#8230;&#8220;. Denn sie so auszusprechen, wie es der Dichter es tut, steigert ihr Sein auf eine Weise, die, w\u00fcrde er stumm bleiben, sie nicht erreichen w\u00fcrden. Dies ist das \u201eLob trotzdem&#8220;, von dem Rilke in seinen Sonetten an Orpheus sang, ein \u201eJa&#8220; zum Leben, das trotz aller Leiden und Schmerzen im Herzen des Dichters aufsteigt. Ein \u201eJa\u201c trotz aller Ungewissheiten, das in demselben Vertrauen wurzelt, das Gebser bei seinem Sprung vom Sprungbrett entdeckte und das ihm auf seinem Weg durch die weiteren Krisen des Lebens half.<\/p>\n<p>Dieses Vertrauen oder, anders ausgedr\u00fcckt, das Fehlen von Angst angesichts von Ungewissheiten, kann in scheinbar aussichtslosen Situationen auftauchen und durch Unerwartetes geweckt werden. Als Korrespondent f\u00fcr eine britische Zeitung w\u00e4hrend des Spanischen B\u00fcrgerkriegs kam der Schriftsteller Arthur Koestler dem Tod so nahe wie Gebser, aber f\u00fcr ihn dauerte dies viel l\u00e4nger. Koestler wurde von den Faschisten verhaftet \u2013 er hatte eine kommunistische Vergangenheit \u2013 und verbrachte mehr als drei Monate im Gef\u00e4ngnis in der Erwartung, jeden Moment erschossen zu werden. Jeder Tag konnte sein letzter sein. Schlie\u00dflich wurde er entlassen.<\/p>\n<p>In seiner Autobiografie berichtet Koestler, dass er, um sich die Zeit zu vertreiben, mit einem abgebrochenen St\u00fcck Eisenfeder aus seinem Bett mathematische Formeln an die Wand kratzte (es war ihm verboten zu schreiben, er erhielt weder Bleistift noch Papier).<\/p>\n<p>Als es ihm gelang, den Beweis des Euklid, dass die Anzahl der Primzahlen unendlich ist, auf die Wand zu kratzen, geschah etwas Merkw\u00fcrdiges. [iii]<\/p>\n<p>Koestler geriet beim Betrachten der Formel in einen Zustand der Entr\u00fcckung, in dem er alles um sich herum verga\u00df. Wie kam es dazu? Die Formel enthielt eine \u201ebedeutungsvolle und umfassende Aussage \u00fcber das Unendliche&#8220;. Warum war das so wichtig? Weil sie das Unendliche zu etwas Konkretem und Realem machte und damit aus seiner Abstraktion heraushob. Es zeigte sich als eine Realit\u00e4t, an der Koestler Anteil erhielt. Sie war da, direkt vor seinen Augen, an der Gef\u00e4ngnismauer.<\/p>\n<p>Koestler schreibt, er habe den \u201eDuft der Ewigkeit&#8220; geschmeckt und den K\u00f6cher gesp\u00fcrt, aus dem der \u201ePfeil im Blau des Himmels&#8220; stammt. Er konnte sich nicht daran erinnern, wie lange er sich in dieser Verzauberung befand und vor sich hinmurmelte: \u201eDas ist perfekt \u2013 perfekt&#8220;. Eine nagende Erinnerung riss ihn schlie\u00dflich aus seiner Trance, ein \u201etrivialer Umstand, der die Vollkommenheit des Augenblicks tr\u00fcbte\u201c. Worin bestand er? Er erinnerte sich daran, dass er sich ja im Gef\u00e4ngnis befand und jeden Moment erschossen werden konnte. Und der Gedanke erf\u00fcllte ihn: \u201eNa und? Ist das alles? Hast du nichts Schlimmeres zu bef\u00fcrchten?&#8220;[iv]<\/p>\n<p>Koestlers Begegnung mit der Unendlichkeit hinterlie\u00df bei ihm das Gef\u00fchl, dass sein Ich aufgeh\u00f6rt hatte zu existieren, in dem Sinne, dass es irrelevant geworden war. Der Schleier war von den Dingen gefallen und er hatte einen Blick auf die \u201ewirkliche Wirklichkeit&#8220; geworfen, die sich dahinter befindet. In \u201edie verborgene Ordnung der Dinge \u2026, die normalerweise durch Schichten von Belanglosigkeiten verdeckt wird&#8220;. Er nannte diese Realit\u00e4t \u201edie unsichtbare Schrift&#8220;, eine Art Geheimcode, der sich in solch besonderen Momenten entschl\u00fcsselt. Die ganze Spannung, dass seine Hinrichtung bevorstand, war wie weggeblasen; er erlebte eine tiefe Katharsis, einen \u201eFrieden, der allen Verstand \u00fcbersteigt&#8220;. Eine \u201eheitere und angstverdr\u00e4ngende Nachwirkung blieb zur\u00fcck, die noch tagelang anhielt&#8220;.<\/p>\n<p>Wir brauchen nicht in die Situation zu gelangen, wie Koestler in einer Zelle zu sitzen und darauf zu warten, erschossen zu werden. Oder wie Gebser auf einem Sprungbrett zu stehen und mitsamt unseren \u00c4ngsten hinunterspringen zu m\u00fcssen, Aber so wie sie leben wir in einer Zeit tiefer Unruhe und Unsicherheit, und die Angst, die sie und ihre Zeitgenossen kannten, ist auch uns nicht fremd. Man wird sogar sagen k\u00f6nnen, dass die Angst weltweit zugenommen hat: Sie bezieht sich auf den Klimawandel und reicht hin zu sozialen Unruhen, Kriegen, Pandemien und vielem anderen. Die letzten Jahre haben eine schwindelerregende Vielzahl von Krisen mit sich gebracht, die viele von uns mit einem Gef\u00fchl der Hilflosigkeit zur\u00fccklassen. Es gibt das tiefe Gef\u00fchl, dass die Dinge auseinanderfallen, dass die Welt sich in einer Geschwindigkeit ver\u00e4ndert, bei der ihre Bewohner nicht mehr mithalten k\u00f6nnen. Gebser gelangte genau deshalb zu der Erkenntnis, dass das menschliche Bewusstsein dabei ist, eine weitere Mutation zu durchlaufen und die bisherige Bewusstseinsstruktur, die der rationalen, wissenschaftlichen, \u201emodernen&#8220; Welt, zusammenbricht, um Platz zu machen f\u00fcr eine neue, die Gebser die \u201eintegrale\u201c nannte.<\/p>\n<p>Auf sie kann ich hier nicht n\u00e4her eingehen. Aber was Gebser als die neu entstehende Form des Bewusstseins vor sich sieht, hat als Essenz das Urvertrauen, das er an jenem Tag auf dem Sprungbrett erlebte. Viele Jahre sp\u00e4ter erfuhr er es erneut, w\u00e4hrend seiner Reise nach Indien, und zwar in Sarnath, dem Ort, an dem der Legende nach Buddha seine erste Predigt gehalten hatte. Gebser schrieb, dass er die Erfahrung hier mit der \u201ekristallenen Klarheit des Alltags&#8220; machte, aber dass sie zugleich eine \u201eVerkl\u00e4rung und Durchstrahlung durch das Unbeschreibliche\u201c war. Er spricht von einem \u201e\u00fcberirdischen, durchsichtigen Licht&#8220;, das einen \u201estillen Jubel&#8220; ausl\u00f6ste, der sein Urvertrauen wieder weckte und ein \u201eWissen um die Unverwundbarkeit&#8220; mit sich brachte. [v] Seit dieser Erfahrung, so sagt er, sei \u201ealles an seinem richtigen Platz&#8220;. Und so wie es Koestler erfuhr, w\u00e4hrend er in seiner Zelle wartete, so erlebte auch Gebser, dass sein Ich, das allt\u00e4gliche sorgengeplagte Ich, zur Nebensache geworden war. Es war nicht verschwunden. Aber es war, samt seiner Sorgen, nicht mehr wichtig.<\/p>\n<p>Vielleicht k\u00f6nnen wir uns mit dem Wissen tr\u00f6sten, dass das Urvertrauen, von dem Gebser getragen wurde, auch f\u00fcr uns da ist, wenn wir uns den aktuellen unsicheren Zeitumst\u00e4nden stellen. Hoffen wir, dass es uns genug Vertrauen schenkt, uns ihm anzuvertrauen, wenn es sich einstellt.<\/p>\n<hr \/>\n<p>[i] Jean Keckeis, In Memoriam Jean Gebser, in: Jean Gebser, The<\/p>\n<p>Ever-Present Origin, trans. Noel Barstad und Algis Mickunas, Athens,<\/p>\n<p>OH: Ohio University Press, 1985, S. xvii.<\/p>\n<p>Jean Gebser, Gesamtausgabe, Novalis Verlag, Schaffhausen 1986, Bd. 7, S. 363 (Die schlafenden Jahre)<\/p>\n<p>[ii] Rainer Maria Rilke, Duineser Elegien trans. J. B. Leishman und<\/p>\n<p>Stepen Spender, New York: W. W. Norton &amp; Company, 1939, S. 124-26.<\/p>\n<p>[iii] Primzahlen sind Zahlen, die nicht in ganze Zahlen teilbar sind, au\u00dfer durch 1 oder sich selbst. Die Zahlen 3, 5, 7 sind Primzahlen; es gibt keine Formel zur Ermittlung der h\u00f6chsten Primzahl.<\/p>\n<p>[iv] Arthur Koestler, The Invisible Writing, London: Macmillan Co,<\/p>\n<p>1969, S. 428-30.<\/p>\n<p>[v] Zitiert in Georg Feuerstein, Structures of Consciousness, Lower<\/p>\n<p>Lake, CA: Integral Publishing, 1987, S. 173.<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":109086,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-109025","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/109025","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/109086"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=109025"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=109025"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=109025"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=109025"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}