{"id":108352,"date":"2024-03-29T07:00:44","date_gmt":"2024-03-29T07:00:44","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=108352"},"modified":"2024-03-28T07:00:53","modified_gmt":"2024-03-28T07:00:53","slug":"die-integration-des-nicht","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/die-integration-des-nicht\/","title":{"rendered":"Die Integration des \u2018Nicht\u2018"},"content":{"rendered":"<p>Der spirituelle Weg bedeutet nicht die blo\u00dfe Kultivierung unserer religi\u00f6sen Ideale, sondern der Weg geht mit Hilfe des Lichtes im Herzen durch die Finsternis.<!--more--><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><em>\u201eDrittens musst du frei sein vom \u2018Nicht\u2018. Man fragt, was in der H\u00f6lle brennt. Die Meister antworten alle: das tut der Eigenwille. Ich aber sage wahrheitsgem\u00e4\u00df, dass das \u2018Nicht\u2018 in der H\u00f6lle brennt. H\u00f6re dazu ein Gleichnis:<\/em><\/p>\n<blockquote><p><em>Man nehme eine gl\u00fchende Kohle und lege sie auf meine Hand. W\u00fcrde ich nun sagen, die Kohle brenne meine Hand, so t\u00e4te ich ihr sehr unrecht. Soll ich genau sagen, was mich brennt? Es ist das \u2018Nicht\u2018, denn die Kohle hat etwas in sich, was meine Hand nicht hat. Seht, eben dieses \u2018Nicht\u2018 brennt mich. H\u00e4tte meine Hand all das in sich, was die Kohle ist und leisten kann, dann h\u00e4tte sie ganz und gar die Natur des Feuers. N\u00e4hme einer dann alles Feuer, das je gebrannt hat, und sch\u00fcttete es auf meine Hand, es k\u00f6nnte mich nicht schmerzen. Ebenso sage ich: weil Gott und alle, die Gott anschauen, im seligen Zustand etwas in sich haben, was jene nicht haben, die von Gott getrennt sind, deshalb peinigt dieses \u2018Nicht\u2018 die Seele in der H\u00f6lle mehr als Eigenwille oder irgendein (wirkliches) Feuer. Ich sage wahrheitsgem\u00e4\u00df: so viel dir vom \u2018Nicht\u2018 anhaftet, so weit bist du unvollkommen. Deshalb (sage ich): wollt ihr vollkommen sein, dann m\u00fcsst ihr vom \u2018Nicht\u2018 frei sein.\u201c \u00b9<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Dies schrieb Meister Eckhart\u00b2 in einer Predigt, die er um 1311 verfasst hat. Dahinter steckt eine tiefe Erkenntnis. Denn wir sind nicht nur unvollkommen hinsichtlich des G\u00f6ttlichen, sondern auch unvollkommen an sich. In der Kindheit und Jugend bilden sich aufgrund der Erziehung und der gesellschaftlichen und kulturellen Pr\u00e4gung unsere subjektiven F\u00e4higkeiten und unsere Vorstellungswelt mit unseren \u00dcberzeugungen, die unser Selbstbewusstsein pr\u00e4gen, heraus. Es ist jedoch eine subjektive Vorstellungswelt, die immer einen Teil der Realit\u00e4t und des Lebens ausgrenzt, der uns unbekannt ist, den wir nicht kennen. Oft hat dies zur Folge, dass wir \u00fcber das Unbekannte, das Andersartige urteilen oder es abwehren m\u00fcssen, weil es uns Angst macht. Auch vor dem Unsch\u00f6nen, Schmerzhaften und Unangenehmen, dass uns leiden macht, fliehen wir gew\u00f6hnlich. Damit wird das \u2018Nicht\u2018, alles das, was wir nicht sind, was wir nicht kennen, zum Fallstrick f\u00fcr uns. Denn je mehr wir ausgrenzen, desto enger wird es in unserem Inneren. Je mehr wir fliehen, desto mehr hat das uns Unbekannte Macht \u00fcber uns.<\/p>\n<p>Erst wenn wir uns dem Fremden und Bedrohlichen \u00f6ffnen, uns damit konfrontieren, es zu verstehen lernen, ja, sogar einen Anteil davon in uns sp\u00fcren, k\u00f6nnen wir diese Kr\u00e4fte annehmen und sie durch uns hindurchflie\u00dfen lassen. Aber wie sollen wir das bewerkstelligen? Aus eigener Kraft wird es uns nicht gelingen. Jedoch in Verbindung mit unserem Herzen und unserer Seele k\u00f6nnen wir eine tragende Hilfe sp\u00fcren, die Kraft schenkt. Dadurch kann unser Herz zu einer gro\u00dfen Schale werden, in der alle Gef\u00fchle Platz haben, in der jegliche Freude, aber auch jegliches Leid, das Sch\u00f6ne sowie das Schreckliche integriert sind. Auf dieser Basis kann eine innere Stille in uns aufsteigen. Erst durch das Stillwerden in der F\u00fclle aller M\u00f6glichkeiten kann das G\u00f6ttliche eintreten, uns mit seiner Herrlichkeit erf\u00fcllen und sich in uns zu einem Bewusstseinsraum wandeln. Das \u2018Nicht\u2018, das zuvor einen gro\u00dfen Platz in uns eingenommen hat, ist nun mit der g\u00f6ttlichen Strahlung erf\u00fcllt. Dadurch m\u00fcssen wir vor der dunklen Seite der Welt nicht mehr fliehen, sondern das irdische Licht und die irdische Dunkelheit gehen im g\u00f6ttlichen Licht auf. Das Bedrohliche ist dadurch integriert und hat seine Macht \u00fcber uns verloren. Aus diesem Grund bedeutet der spirituelle Weg nicht die blo\u00dfe Kultivierung unserer religi\u00f6sen Ideale, sondern der Weg geht mit Hilfe des Lichtes im Herzen durch die Finsternis. Gerade durch das genaue Hinschauen und Annehmen des Fremden, Unangenehmen und Schrecklichen k\u00f6nnen wir Gott n\u00e4her kommen, wenn wir es schaffen, in der F\u00fclle der Erfahrungen loszulassen, still zu werden und uns dadurch f\u00fcr das Geistige zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>1) aus: Mieth, Dietmar (Hrsg.): <em>Meister Eckhart &#8211; Vom Atmen der Seele<\/em>, Philipp Reclam jun. GmbH &amp; Co. KG, Stuttgart 2014, S. 72<\/p>\n<p>2) Meister Eckhart wurde um 1260 in Hochheim geboren. Mit 17 Jahren trat er in den Orden der Dominikaner ein, wo er seine erste Ausbildung erhielt.\u00a0 Er befasste sich vor allem mit Augustinus, Thomas von Aquin, Scotus Erigena und den Neuplatonikern.\u00a0 Mit seinen zahlreichen Schriften und Predigten, in denen er sich dem g\u00f6ttlichen Urgrund, der Trinit\u00e4t, der inneren Reinigung und der Vorbereitung auf die Verbindung mit Gott widmet, z\u00e4hlt er zu den deutschen Mystikern. Von der Kirche der H\u00e4resie angeklagt starb er 1328 noch vor seiner Verurteilung in Avignon.<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":108362,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101],"tags_english_":[],"class_list":["post-108352","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-spiritsoul-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/108352","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/108362"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=108352"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=108352"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=108352"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=108352"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}