{"id":107940,"date":"2025-01-27T06:00:09","date_gmt":"2025-01-27T06:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=107940"},"modified":"2025-01-27T20:29:25","modified_gmt":"2025-01-27T20:29:25","slug":"sterben-um-zu-leben-und-leben-um-zu-sterben","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/sterben-um-zu-leben-und-leben-um-zu-sterben\/","title":{"rendered":"Sterben, um zu leben und leben, um zu sterben"},"content":{"rendered":"<p>Peer Gynt und der Knopfgie\u00dfer<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>Die Themen, die den Tod ber\u00fchren, haben in den letzten Jahrtausenden in der europ\u00e4ischen Geschichte eine intensive Wandlung erfahren. Zur Zeit der keltischen Hochkultur erfuhren die Menschen den Tod nicht als Barriere<\/em><\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Teil von ihnen war zu dieser Zeit noch hellsichtig. Sie verloren w\u00e4hrend ihrer irdischen Lebensphase nie ganz den bewussten Kontakt zu ihrem Ursprung.<\/p>\n<h3>Die Hellsichtigkeit und der Tod<\/h3>\n<p>Das Wissen der Druiden und die Geschichten der Barden erlebten die Menschen damals als Impulse, deren Resonanz sie in ihren tieferen Bewusstseinsschichten bewuss erfuhren. Die Riten und Geschichten entwickelten eine intensive F\u00fchrungskraft und halfen ihnen, die schwere Zeit der Kontraktion ihrer Seele in ihrem materiellen Kleid f\u00fcr die eigene Seelenentwicklung zu nutzen. Sie sahen in der irdischen Geburt eine schmerzhafte Kontraktion der Seele, die sich erst durch den Tod wieder aufl\u00f6ste und als eine entspannende Expansion der Seele erfahrbar wurde (s. dazu die Artikelfolge auf <a href=\"http:\/\/www.logon.media\">www.logon.media<\/a>, \u201eDas Leben der Kelten\u201c):<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Lebens in der Materie blieben die meisten Kelten sich ihres unsterblichen Ursprungs bewusst. Sie wussten, wo sie herkamen und wohin sie eines Tages zur\u00fcckkehren w\u00fcrden. Vielleicht musste sich diese Hellsichtigkeit irgendwann verfl\u00fcchtigen, damit sich der Weg in eine tiefere Dimension der Materie \u00f6ffnen konnte, der dem Menschen neue Erfahrungen wachsender Individualisierung versprach.<\/p>\n<p>Aus der geistigen Sonne, von der die Kelten zeugten, wurde nach und nach die physische Sonne, der Stern, um den sich die Erde dreht. Mit der Abnahme der Hellsichtigkeit wurde der Tod zu einer Barriere. Der Mensch verga\u00df bald nach der Geburt seinen Ursprung, und der Tod wurde zu einem angstbesetzten Die Intuition vermittelte immer noch etwas von der Faszination des Todes als Durchgang zu anderen Weltensph\u00e4re, aber die bewusste Kenntnis verfl\u00fcchtigte sich und wurde zunehmend durch Spekulationen ersetzt.<\/p>\n<p>In der abendl\u00e4ndischen Kultur wurde die Besch\u00e4ftigung mit der Endlichkeit und dem Tod zunehmend aus dem t\u00e4glichen Leben verbannt. In der Kunst und Literatur des Mittelalters tritt er als Sensenmann, das d\u00fcstere manchmal grinsende Skelett in Erscheinung, das pl\u00f6tzlich und ohne Vorwarnung kommt und die Lebensf\u00e4den zerschneidet.<\/p>\n<h3>Peer Gynt und der Knopfgie\u00dfer<\/h3>\n<p>Eine interessante Variante des Sensenmannes ist in der nordischen Sagenwelt der Knopfgie\u00dfer, wie ihn Hendrik Ibsen in seinem norwegischen Nationalepos Peer Gynt in kurzen Dialogen am Ende seiner Dichtung darstellt. Hier beschreibt Ibsen eine in Teilen andere Sicht auf das Sterben und Leben, als es in der Symbolik des Sensenmannes sichtbar wird. Peer Gynt wird oft als der \u201eFaust des Nordens\u201c bezeichnet. Faust ist in Goethes Dichtung der Gelehrte, der sich mit den wesentlichen Wahrheiten des Menschen und der Natur besch\u00e4ftigt, sie f\u00fcr sich \u00f6ffnen m\u00f6chte. Sein Bewusstsein kann aber seiner Sehnsucht nach Wahrheit nicht gen\u00fcgen und so erf\u00e4hrt er durch den Erdgeist Zur\u00fcckweisung\u00a0 und bekommt zur Antwort:<\/p>\n<blockquote><p>Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir.<\/p><\/blockquote>\n<p>Peer Gynt ist von Anfang an der Prahler und Hochstapler, der die Menschen bel\u00fcgt, betr\u00fcgt und hintergeht. Er entf\u00fchrt auf der Hochzeit eines Bauernsohnes in seinem Dorf die Braut, Solveig. Sie folgt ihm in die Berge, um aber schon bald wieder von ihm versto\u00dfen zu werden, w\u00e4hrend er sich mit den Bergtrollen einl\u00e4sst. Die kurze, intensive Begegnung mit Solveig reicht aber daf\u00fcr aus, dass sich ein Teil seiner Seele mit ihr verbindet. Er zieht fort in die Welt, w\u00e4hrend sie seine Seele in einem der Ewigkeit zugewandten Leben besch\u00fctzt und darauf wartet, dass er zur\u00fcckkommt.<\/p>\n<h3>Ein Leben, zwei Biographien<\/h3>\n<p>Peer tr\u00e4umt von einem reinen Leben mit Solveig, wird aber noch vor Beginn ihrer gemeinsamen Zukunft durch die Faszination des irdischen Lebens weggesp\u00fclt. Es lockt ihn die ganze Faszination der irdischen Vielfalt und rei\u00dft ihn mit sich fort. Das \u201eEwige\u201c, \u201eReine\u201c, was ihn in seiner Jugend mit Solveig verband, verblasst und stirbt jeden Tag St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck. Er hat sich aber vor Beginn seiner Reise in die weite Welt mit Solveig verbunden und so bleibt ein kleiner Teil von ihm bei ihr, bleibt als lebendiger Keim in ihrem Herzen unvergessen.<\/p>\n<p>Solveig lebt seine \u201ezweite Biographie\u201c. So gibt es zwei Biographien, zwei Lebensarchitekturen, die zusammengeh\u00f6ren, Solveig und Peer. Peer geht seinen Lebensweg in die Welt hinein, in ihm verblasst die Ewigkeit, und Solveig lebt und \u201estirbt\u201c zur selben Zeit in die Ewigkeit hinein, in ihr verblasst die Welt. Sie ist am Ende ihres Lebens blind und wartet auf den, der sich in die Zeit verloren hat. Sie singt jeden Tag ihr Lied und bewahrt so Peers Unsterblichkeit in ihrem Herzen.<\/p>\n<h3>Der Knopfgie\u00dfer fordert die Seele<\/h3>\n<p>Peer Gynt kehrt eines Tages, verarmt und alt, nach Norwegen zur\u00fcck. Er befindet sich, durch seine Erinnerung getrieben, auf dem Weg zu Solveig und damit auch zu dem Teil, der in seiner Jugend noch lebendig war, als er unvorbereitet dem Knopfgie\u00dfer begegnet, jener gerichtlichen Instanz, die den Auftrag hat, ihn zu holen. Der Knopfgie\u00dfer erkl\u00e4rt ihm die drei M\u00f6glichkeiten, die jedem Menschen am Ende seines Lebens offen stehen. Er kann zu den Heroen der Menschheit geh\u00f6ren, wenn er gro\u00dfe Taten zum Wohle der Menschheit begangen hat, das w\u00fcrde ihn vor dem Schmelzl\u00f6ffel des Knopfgie\u00dfers bewahren. Den Reisepass zum \u201eBlauen\u201c, also in den Himmel, h\u00e4tte er dann schon in der Tasche. Wer auf der anderen Seite gro\u00dfe S\u00fcnden begangen hat, darf in die H\u00f6lle. Er w\u00e4re ebenfalls vor dem Schmelzl\u00f6ffel sicher, behielte also in jedem Fall seine im Leben erworbene Individualit\u00e4t und w\u00fcrde in einem neuen Leben nicht von vorne anfangen. Wer aber weder das eine erworben, noch das andere vorzuweisen hat, endet im Ausschusstopf, kommt in den Schmelzl\u00f6ffel des Knopfgie\u00dfers und wird bar jeder Individualit\u00e4t umgeschmolzen. Aus der Substanz darf dann ein Mensch, als \u201eneuer Knopf\u201c, als neues Gepr\u00e4ge, sein Gl\u00fcck in der Welt suchen.<\/p>\n<p>Der Knopfgie\u00dfer m\u00f6chte wissen, ob Peer Gynt sein Leben lang er selbst gewesen ist. Nur wer er selber gewesen ist, ob im Guten oder im B\u00f6sen, bleibt von dem Schmelzl\u00f6ffel verschont. In dem weiteren Dialog zeigt sich, dass Peer Gynt den Schmelzl\u00f6ffel, diese Entindividualisierung, mehr f\u00fcrchtet als die H\u00f6lle. Lieber m\u00f6chte er als Peer in der H\u00f6lle hundert Jahre verbringen, als in dem Schmelzl\u00f6ffel des Knopfgie\u00dfers seinen Tod ohne Wiederkehr zu erfahren.<\/p>\n<h3>Die Essenz der Lebenserfahrung<\/h3>\n<p>Sein Selbst als Essenz der Erfahrungen, in denen die Ewigkeit seine Anwesenheit in der Zeit bezeugt, gilt es f\u00fcr ihn zu verteidigen. Die Monade, das geistige Selbst, macht sich auf der Leinwand der Materie sichtbar und geht mit ihr eine Verbindung ein. Das Ewige erzeugt in der Verbindung mit der Materie eine Historie. Daraus entsteht ein Selbst, das versucht, Unsterblichkeit zu erlangen. Das ist aber nur m\u00f6glich, wenn es sich mit seinem monadischen Ursprung wieder vereinen kann. Alles, was sich nicht \u00fcber ein bestimmtes Niveau erhebt, muss wieder vergehen. Die Qualit\u00e4t der Essenz eines Lebens, so erkl\u00e4rt der Knopfgie\u00dfer, ist nun Grundlage f\u00fcr seine Entscheidung, am Ende des Lebens die Seele f\u00fcr den Schmelzl\u00f6ffel zu fordern. Der Knopfgie\u00dfer fragt:<\/p>\n<blockquote><p>Peer, bist du immer du selbst gewesen, warst du immer nur Peer?<\/p><\/blockquote>\n<h3>Sei du du selbst<\/h3>\n<p>Peer Gynt ist offenbar nicht genug \u201eer selbst\u201c gewesen. Aber die Dichtung zeigt noch einen weiteren Weg auf. Er hat sich nie mit dem Tod und der Qualit\u00e4t seines Lebens auseinandergesetzt und wird nun am Ende seines Lebens mit seinen Taten konfrontiert. Seiner eigenen Sterblichkeit suchte er immer zu entfliehen und er vermied sowohl seiner dunklen Seite, seinem irdischen Wesen, zu folgen, als auch sich seiner hellen, dem himmlischen Wesen hinzugeben. So war sein Leben lau und soll nun im Schmelzl\u00f6ffel sein Ende finden. Nur eine Frage dr\u00e4ngt sich Peer auf, die er dem Knopfgie\u00dfer stellt:<\/p>\n<blockquote><p>Eine Frage nur noch.<br \/>\nWas ist dieses \u201esei du du selbst&#8220; im Grunde?<\/p>\n<p>Der Knopfgie\u00dfer:<br \/>\nEine seltsame Frage, zumal im Munde<br \/>\nvon einem, der j\u00fcngst erst \u2013<\/p>\n<p>Peer Gynt:<br \/>\nSo antworte doch!<\/p>\n<p>Der Knopfgie\u00dfer:<br \/>\nDu selbst sein hei\u00dft: dich selbst ert\u00f6ten.<br \/>\nDoch du brauchst vielleicht noch ein deutlicher Bild? \u2013<br \/>\nDes Meisters Willen als wie ein Schild<br \/>\nan seines Lebensschwerts Griff sich l\u00f6ten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Peer kann dem Knopfgie\u00dfer weder ein Register seiner Wohltaten noch seiner S\u00fcnden vorweisen. Ihm bleibt nur die unbewusste Verbindung zu Solveig aus seiner Jugendzeit. Sie hat den \u201eReisepass zum Blauen\u201c in der Tasche. Der dritte Weg, dieses \u201esei du du selbst\u201c liegt am Ende in der Vereinigung von Solveig und Peer durch das Band einer bedingungslosen Liebe und Hingabe, mit der beide fest miteinander verbunden sind.<\/p>\n<p>Peer n\u00e4hert sich seiner Gef\u00e4hrtin, die ein Leben lang auf ihn gewartet hat und wirft sich ihr zu F\u00fc\u00dfen. Mit dieser bedingungslosen Reue auf der einen Seite und der bedingungslosen Annahme einer Seele, die ein Leben lang auf ihn gewartet hat, springt Peer dem Knopfgie\u00dfer aus seinem Schmelzl\u00f6ffel.<\/p>\n<p>Edvard Grieg l\u00e4sst in seiner symphonischen Bearbeitung des Epos an dieser Stelle Glockengel\u00e4ut ert\u00f6nen. In der Symphonie \u00f6ffnet sich in der Musik ein Tor zu einem neuen Leben.<\/p>\n<p>Jeder Mensch tr\u00e4gt die beiden Wesensz\u00fcge Peer und Solveig in sich. Der eine wendet sich sehnsuchtsvoll der Ewigkeit zu, w\u00e4hrend der andere versucht, sich in der Welt auszuleben. Und Jeder Mensch versucht, eingezw\u00e4ngt in das irdische Leben, beiden Seiten Rechnung zu tragen. Der griechische Philosoph Pythagoras forderte, an der Wiege der abendl\u00e4ndischen Kultur, in seinen Lebensregeln:<\/p>\n<blockquote><p>Bedenke t\u00e4glich, dass du sterblich bist.<\/p><\/blockquote>\n<p>Als Konsequenz davon erkl\u00e4rte Angelus Silesius:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWer nicht stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<h3>Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit<\/h3>\n<p>Gerade dieses Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit und dieses \u201eSei du du selbst\u201c hat sich in den letzten 2000 Jahren verfl\u00fcchtigt, hat den westlichen Teil der Menschheit zunehmend in eine Oberfl\u00e4chlichkeit abgleiten lassen und dem Knopfgie\u00dfer das Feld f\u00fcr die Verwertung am Lebensende \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Das Bewusstsein von der eigenen Sterblichkeit ist zu einer Faszination gegen\u00fcber den medialen Inszenierungen in Nachrichten, Filmen und Computerspielen degeneriert. So lassen Menschen jeden Abend millionenfach in ihren eigenen vier W\u00e4nden auf den Bildschirmen Menschen sterben, ohne dass sie sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen \u2013 und stehen ihr dann am Ende vollkommen unvorbereitet gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Vielleicht kann eine sich andeutende neue Hellsichtigkeit dem Menschen auch w\u00e4hrend seines Lebens in der Materie das Bewusstsein der eigenen Unsterblichkeit wieder bewusster machen. Dann w\u00e4hre sicher eine starke Ver\u00e4nderung des Zeitgeistes die Folge.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/ibsen\/peergynt\/peer53.html\">Henrik Ibsen: Peer Gynt<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":108017,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-107940","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/107940","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/108017"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=107940"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=107940"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=107940"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=107940"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}