{"id":107873,"date":"2024-10-27T19:18:44","date_gmt":"2024-10-27T19:18:44","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=107873"},"modified":"2024-11-13T19:50:20","modified_gmt":"2024-11-13T19:50:20","slug":"brief-an-den-tod","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/brief-an-den-tod\/","title":{"rendered":"Brief an den Tod"},"content":{"rendered":"<p><em>Manchmal habe ich Angst vor dir, weil du mir das wegnehmen k\u00f6nntest, was mir ans Herz gewachsen ist, was ich lieb gewonnen habe und ich habe schreckliche Angst vor dem Schmerz, &#8230;<\/em><!--more--><\/p>\n<p><em>&#8230; den dieser Abschied verursachen k\u00f6nnte. Und doch bist du mein gr\u00f6\u00dfter Lehrmeister, und Sterben ist mein Lebenssinn.<\/em><\/p>\n<p><iframe title=\"Spotify Embed: Brief an den Tod\" style=\"border-radius: 12px\" width=\"100%\" height=\"152\" frameborder=\"0\" allowfullscreen allow=\"autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/open.spotify.com\/embed\/episode\/1ecIAkE1XwNQtYEVHAYEgu?si=Ay_aAFYZTvGe9EVhv7YQwQ&amp;utm_source=oembed\"><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lieber Tod,<\/p>\n<p>Du bist mein wertvollster Lehrer, ein treuer Begleiter seit meiner Geburt, meine letzte Bestimmung in diesem Leben und meine Inspiration f\u00fcr das Leben.<\/p>\n<p>Viele, wenn nicht sogar die meisten, haben schreckliche Angst vor dir, und meistens bin ich einer von ihnen. Du nimmst uns, was wir lieben, du zerst\u00f6rst, was wir aufgebaut haben, du r\u00fcttelst an unseren Bindungen &#8230; und ich werde dich nicht anl\u00fcgen: Es tut h\u00f6llisch weh. Die meisten von uns sind \u00fcberzeugt, diesen Schmerz kaum \u00fcberleben zu k\u00f6nnen. Deshalb sprechen wir nicht gerne \u00fcber dich. Du machst uns Angst. Es gibt ein Leben vor und nach dem Verlust, es ist ein Wendepunkt, ein Wendepunkt auch der Erkenntnis. Ein Krisenmoment, den wir mit aller Kraft zu vermeiden versuchen.<\/p>\n<p>Aber du bringst auch Befreiung, und manchmal Erleichterung. Wenn das Leben unertr\u00e4glich wird, bist du die T\u00fcr zu einem besseren Ort, unsere geheime Fahrkarte f\u00fcr die Flucht. Wir Menschen haben eine sehr subjektive Sicht auf dich. Wenn du Dinge wegnimmst, die wir loswerden wollten, applaudieren wir dir. Wenn du einen Menschen mitnimmst, der lange Zeit gelitten hat, danken wir dir. Aber wenn du uns Dinge oder Menschen nimmst, an denen wir festhalten, verabscheuen wir dich, wir verfluchen dich. Und wir f\u00fcrchten dich.<\/p>\n<p>Wir wollen dein Herr sein, wir wollen, dass du unsere Regeln befolgst. Aber du beugst dich nicht und du gew\u00e4hrst keine Gef\u00e4lligkeiten. Mit dir kann man nicht verhandeln. Wenn die Zeit reif ist, dann nimmst du, was gehen muss. Du schaffst Raum f\u00fcr etwas Neues.<\/p>\n<p>Manchmal habe ich Angst vor dir, weil du mir das wegnehmen k\u00f6nntest, was mir ans Herz gewachsen ist, was ich lieb gewonnen habe &#8230; und ich habe schreckliche Angst vor dem Schmerz, den dieser Abschied verursachen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Und doch bist du mein gr\u00f6\u00dfter Lehrmeister, und Sterben ist mein Lebenssinn.<\/p>\n<p>Als ich in diese Welt hineingeboren wurde, wurde ich in Anhaftung, in &#8222;Knechtschaft&#8220;, in Abh\u00e4ngigkeit geboren. Aber: Mein Wachsen ist auch mein Sterben. Mit deiner Hilfe kann ich jeden Tag eine neue Bindung loslassen, jeden Tag eine neue Schnur l\u00f6sen, einen Gedanke mit mehr Abstand betrachten &#8230; Jeden Tag kann ich ein wenig leichter atmen, mehr Weite sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Je mehr ich mich als dein Sch\u00fcler engagiere, desto weniger f\u00fcrchte ich deine Herrschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>&#8222;Der Tod trennt nicht, der Tod eint, das Leben ist das, was uns gewaltsam trennt.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Heinrich Heine<\/p>\n<p>Als ich in dieses Leben kam, nahm ich eine k\u00f6rperliche Gestalt an; ich wurde in einen fleischernen Anzug gekleidet, der mich von allen anderen trennt. Pl\u00f6tzlich war ich ein Gegen\u00fcber, eine eigene, oft sehr einsame Existenz, eine Identit\u00e4t, die auf Trennung aufbaut.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend ich zu meiner eigenen Person heranwuchs, begann ich, Charaktereigenschaften, Meinungen, \u00dcberzeugungen und Werte zu sammeln, um mich als Person zu definieren. Aber diese Person, diese Identit\u00e4t, ist ein fortlaufender Prozess. Ich wachse fast t\u00e4glich aus meinem alten Ich heraus und in mein neues Ich hinein. Manchmal ist dieser Prozess so langsam und subtil, dass es sich fast so anf\u00fchlt, als ob das Leben eine Konstante w\u00e4re. Das Leben f\u00fchlt sich stabil an. Der Tod scheint weit weg zu sein. Das ist die \u00e4u\u00dfere Version von &#8222;im Leben angekommen sein&#8220;.<\/p>\n<p>Zu anderen Zeiten sp\u00fcre ich, wie ich meine alte Haut abwerfe und so schnell zu einem neuen Menschen heranwachse, dass ich von Wachstumsschmerzen geplagt werde. Und in diesen Wachstumsschmerzen ist auch Trauer zu sp\u00fcren. Ich trauere um die Person, die ich gewesen bin. Aber in meiner Trauer bin ich auch dankbar f\u00fcr die Lektion, dass ich, w\u00e4hrend ich um meine alte Gestalt trauere, erkenne, dass dies nie meine wahre Identit\u00e4t war. Dass alles, was uns trennt, verg\u00e4nglich ist, eine Illusion, ein tr\u00fcgerisches Gef\u00fchl der Sicherheit.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend mir die \u00e4u\u00dfere Version des &#8222;Im-Leben-angekommen-seins&#8220; durch die H\u00e4nde gleitet, gelange ich an einen tieferen Ort der Erkenntnis, ich komme im Tod, in dir an, in der Nicht-Identit\u00e4t.<\/p>\n<p>Im Leben wurde meine Aufmerksamkeit darauf gelenkt, zu erkennen, wer ich bin. Und auf dieser Suche nahm ich viele Identit\u00e4ten an. Aber w\u00e4hrend ich aus meinen alten H\u00fcllen herauswachse, lehrst du, geliebter Tod, mich, wer ich nicht bin. Du f\u00fchrst mich auf meiner Reise, in der ich die alten Identit\u00e4ten loslasse, du begleitest mich auf meinem Weg raus aus der Illusion.<\/p>\n<p>Ich sterbe t\u00e4glich, bewusst und freiwillig, und bereite mich auf den letzten \u00dcbergang vor &#8211; den physischen Tod. F\u00fcr diejenigen, die an das Materielle als die ultima ratio glauben, ist der physische Tod eine fundamentale Bedrohung, ein d\u00fcsterer Schrecken, die ultimative Zerst\u00f6rung. Er ist das Ende der Welt. Aber f\u00fcr mich ist der physische Tod &#8211; obgleich auch f\u00fcr mich das Ende der Welt, so wie ich sie kannte &#8211; ein Abenteuer, ein \u00dcbergang &#8211; das Sichtbarwerden von etwas, das schon die ganze Zeit da war &#8230; meiner wahren, ungebundenen Identit\u00e4t. Und ich hoffe, dass der \u00dcbergang, wenn ich meinen physischen K\u00f6rper loslasse, sanft und fast unbemerkt geschieht, weil meine Identit\u00e4t, mein Bewusstseinsmittelpunkt, nicht mehr im physischen Bereich liegt, weil ich im Sterben liegend den ultimativen Beweis der Trennung loslasse, den mir das Leben auf dieser Erde aufgezwungen hat, den K\u00f6rper, die materielle Verk\u00f6rperung der Getrenntheit.<\/p>\n<p>Indem ich t\u00e4glich sterbe, bewusst und aus freien St\u00fccken, bin ich im Leben vollst\u00e4ndig gestorben. Nicht mehr von dieser Welt, nicht mehr an diese Welt gebunden, entkleidet durch den Prozess des Sterbens, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck, bis nichts mehr \u00fcbrig ist, au\u00dfer dem, was wirklich ist, bin ich durch den Tod im Leben angekommen.<\/p>\n<p>Lieber Tod, Meister und Gef\u00e4hrte,<\/p>\n<p>ich danke dir f\u00fcr deine Lektionen. Danke, dass du mich gelehrt hast, wie ich durch dein Portal der Aufl\u00f6sung wirklich im Leben ankomme.<\/p>\n<p>Mit herzlichen Gr\u00fc\u00dfen, ein Mensch im \u00dcbergang.<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":108073,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110101,110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-107873","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-spiritsoul-de","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/107873","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/108073"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=107873"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=107873"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=107873"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=107873"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}