{"id":107567,"date":"2024-02-12T07:00:00","date_gmt":"2024-02-12T07:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/logon_article\/truman-after-show-the-truth-interview\/"},"modified":"2024-02-11T20:46:17","modified_gmt":"2024-02-11T20:46:17","slug":"truman-after-show-the-truth-interview","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/truman-after-show-the-truth-interview\/","title":{"rendered":"Truman nach der Show &#8211; das wahre Interview"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dieses Interview ist eine Fiktion, die auf dem Film Die Truman Show basiert. Der Redakteur trift Truman 24 Jahre, nachdem er entdeckt hat, dass er in einer k\u00fcnstlichen Welt lebt und beschlie\u00dft, dort auszubrechen.<\/strong><br \/>\n<!--more-->Der Redakteur Ray trift Trumann 2022 auf den Filmfestspielen in Canne f\u00fcr ein Interview.<\/p>\n<p>Cannes, 26\/05\/2022<\/p>\n<p>Ray: Hallo Truman.<\/p>\n<p>Truman: Hallo Ray.<\/p>\n<p>R: Wir sind hier bei der Gala des Festivals*, im japanischen Garten der Villa Champfleuri, der in voller Bl\u00fcte steht, ein wundersch\u00f6ner Ort. Als ich mich f\u00fcr die Anreise fertig machte, sagte mir eine innere Stimme, dass du auch da sein w\u00fcrdest.<\/p>\n<p>T: Ja, als ich das Plakat mit der Treppe und der kleinen T\u00fcr f\u00fcr das Festival sah, dachte ich: Die haben mich nicht vergessen. Mal sehen, was noch \u00fcbrig ist. Und dann rief mich Thierry (Fr\u00e9maux)* an, um mich einzuladen. Er war derjenige, der die Idee f\u00fcr das Plakat hatte.<\/p>\n<p>R: Als ich T. Burbank auf der Liste der geladenen G\u00e4ste f\u00fcr die Gala gesehen habe, bin ich fast durchgedreht! Du hast deinen Namen nicht ge\u00e4ndert?<\/p>\n<p>T: Nein, ich habe ihn nicht ge\u00e4ndert. Ich habe nicht das Bed\u00fcrfnis, mich zu verstecken.<\/p>\n<p>R: Du hast die Truman-Show vor 24 Jahren durch die Hintert\u00fcr verlassen. Ich nehme an, du hast seitdem noch wieder einen Schritt zur\u00fcck gemacht.<\/p>\n<p>T: Ja und nein. Ich habe in der &#8222;richtigen Welt&#8220; gelebt. Aber die Show ist noch nicht vorbei. Sie h\u00f6rt eigentlich nie auf. Die kleine T\u00fcr, ja, die am oberen Ende der Stufen des Plakats. Ich hatte vorhin ein langes Gespr\u00e4ch mit Thierry \u00fcber den Text, den er f\u00fcr die \u00f6ffentliche Pr\u00e4sentation des Plakats geschrieben hat.<\/p>\n<p>R: Moment, ich schaue gerade auf meinem Handy nach&#8230; hier ist er: &#8222;Schritte, die zur Enth\u00fcllung f\u00fchren. Eine poetische Feier des Unfassbaren und der Freiheit. Ein Aufstieg, um die Vergangenheit zu vergessen und sich auf das Versprechen einer Erneuerung zuzubewegen. Stimmst du dem nicht zu?<\/p>\n<p>T: Was ich erlebte, nachdem ich diese T\u00fcr ge\u00f6ffnet hatte, ist tausend Meilen von der Aussage dieser Beschreibung entfernt. Ich kann jedoch nicht bestreiten, dass da trotzdem etwas Wahres dahinter steckt. Ja, ich hatte eine tiefgreifende Erkenntnis. Ich experimentierte mit dem Unfassbaren und erlebte etwas, das man eine echte Freiheit nennen k\u00f6nnte. Was die Erneuerung betrifft, so habe ich den Eindruck, dass ich heute noch derselbe bin, der ich vor 24 Jahren war. Ein Wesen auf der Suche nach dem Sinn, auf der Suche nach seiner wahren Identit\u00e4t, wie ein Amnesiekranker, dessen einzige Erinnerungen Fragen sind: Wer bin ich? Was soll ich mit meinem Leben anfangen? Gibt es noch irgendwo Grenzen, auch wenn sie weit weg sind?<\/p>\n<p>Ist die Liebe st\u00e4rker als alles andere? K\u00f6nnen alle Wunden geheilt werden? Gibt es die Freiheit wirklich? Diese Fragen habe ich mir 24 Jahre lang gestellt und bis jetzt nicht wirklich Antworten bekommen.<\/p>\n<p>R: Und was ist mit dir passiert, nachdem du die T\u00fcr ge\u00f6ffnet hast?<\/p>\n<p>T: Die Ateliers haben sich um mich gek\u00fcmmert. Sie fanden ein sch\u00f6nes Haus in Yosemite f\u00fcr mich. Dort gab es ein nettes kleines Team, das mir half, mich in der neuen Welt zurechtzufinden. Sie waren sehr zuvorkommend, besonders Elliot, der Koch. Er kam einmal in der Woche zum Kochen. Wir haben gekocht und geredet. Das war sehr hilfreich f\u00fcr mich. Sp\u00e4ter erz\u00e4hlte er mir, dass er auch Psychiater sei. Seine Ehrlichkeit brachte uns n\u00e4her zusammen. Ich wollte meine Frau Meryl aus jener Zeit nicht mehr sehen. Sie war ohnehin depressiv und in einer Anstalt. F\u00fcr sie war es schwieriger als f\u00fcr mich. Wir haben uns durch Anw\u00e4lte scheiden lassen.<\/p>\n<p>A: Und Christoph?<\/p>\n<p>T: Ich war jahrelang sehr w\u00fctend auf ihn. Er wurde zu einem Alptraum, der mich nachts heimsuchte. Zum Gl\u00fcck habe ich dann dank der Filmstudios Lauren wiedergefunden. Sie hat mir sehr geholfen. 2004 haben wir geheiratet und sind nach New Orleans gezogen, weit weg von LA. Jonathan wurde 2005 geboren. Er ist heute 17 Jahre alt und bereitet sich auf eine Krankenpflegerausbildung vor.<\/p>\n<p>R: Jonathan? Das erinnert mich an einen meiner Lieblingsfilme, Jonathan Livingstone die M\u00f6we.<\/p>\n<p>T: Sein zweiter Vorname ist Livingstone.<\/p>\n<p>R: Es scheint, als h\u00e4tte der Atem der Freiheit seinen Weg in dein Leben gefunden.<\/p>\n<p>T: Es ist so eine starke Sehnsucht in mir. Ich kann sie nicht ignorieren; es ist die ultimative Anti-Amnesie! Ja, wie du sagst, es ist ein Atemzug, au\u00dferhalb der Zeit, der Identit\u00e4ten und Irreealit\u00e4ten aufl\u00f6st, der Vergangenheit und Zukunft hinwegfegt, in einem Moment, der keinen Anfang und kein Ende hat. Vielleicht ist dies die Ank\u00fcndigung der Erneuerung?<\/p>\n<p>R: Hast du dich auch beruflich weiter entwickelt?<\/p>\n<p>T: Auf keinen Fall! (lacht) Ich habe einen Job bei einer kleinen Versicherungsgesellschaft in der Gegend von Treme gefunden. Aber dort hatten die Menschen nichts zu versichern, au\u00dfer ihrem Elend. Das war im Juni 2005, drei Monate nachdem Jonathan geboren wurde. Am 30. August wurde New Orleans vom Hurrikan Katrina heimgesucht, der alles verw\u00fcstete. Wir lie\u00dfen alles hinter uns. Als wir in Annapolis, Maryland, ankamen, hatte das Auto kein Benzin mehr. Ich rief die Studios zu Hilfe. Sie fanden noch am selben Tag eine Wohnung f\u00fcr uns! Wir waren zwar in Sicherheit, aber auch traumatisiert. Der Alptraum von Christoph kam zur\u00fcck und suchte mich nachts heim. Lauren konnte mich nicht mehr beruhigen. Ich begann mich f\u00fcr Okkulte Praktiken zu interessieren. Ich wollte verstehen, was da passiert. Ich probierte alle Arten von seltsamen Praktiken aus. Die Zeit war schwierig, Jonathan schlafwandelte. Lauren war ver\u00e4ngstigt. Sie ging mit Jonathan zu einer Tante, die eine Farm in Montana hatte. Ich blieb allein zur\u00fcck, mit meinen Alptr\u00f6umen und meinen st\u00e4ndig klingelnden Uhren. Auf Anraten eines Freundes aus einem esoterischen Kreis ging ich nach Indien. Und dort, mit einem Schlag, war es eine wirkliche Erkenntnis. Nach einigen Begegnungen mit Westeurop\u00e4ern inmitten einer mystischen Reise, wurde ich einem Guru vorgestellt, der einen Ashram leitete.<\/p>\n<p>Er lehrte mich viele Dinge: \u00fcber das Leben, \u00fcber Wesen, \u00c4ngste, W\u00fcnsche, Heilkr\u00e4fte. Ich lernte, dass letztlich der Geist die Materie, den Raum und die Zeit beherrscht. Dass nicht wir uns mit dem Geist verbinden, sondern der Geist sich mit uns, wenn wir bereit sind&#8230; (Stille)&#8230; Ich habe viel geweint. Er nannte mich Truthman, den Wahrheitsmann. &#8222;Die Wahrheit ist der einzige Weg&#8220;, sagte er. Ich blieb fast ein Jahr im Ashram. Dann verk\u00fcndete er mir eines Tages: &#8222;Jetzt kannst du dorthin zur\u00fcckkehren, wo du hergekommen bist&#8220;. Das muss in vielerlei Hinsicht gemeint gewesen sein, aber ich nahm es ganz einfch r\u00e4umlich. Ich hatte nichts mehr, kein Geld und kein Gep\u00e4ck. Ich rief Elliot an, der mir ein Flugticket buchte. Ich landete in L.A. mit meiner orangefarbenen Tunika, mit einem sechs Monate alten Bart und langem Haar, das nach Weihrauch roch. Ich war jetzt ein anderer Mensch, aber wer war ich wirklich? Immer noch keine Antwort. Der Alptraum Christoph hatte den Ashram nicht gemocht. Ich hatte ihn in einer denkw\u00fcrdigen Yoga-Sitzung verjagt.<\/p>\n<p>R: Also zur\u00fcck nach LA im Jahr 2006, das ist ein gro\u00dfer Kontrast zu Indien, oder?<\/p>\n<p>T: Ich war bereit. Ich schnitt mein Haar und meinen Bart, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck, Zentimeter f\u00fcr Zentimeter, ohne Eile. Die Studios hatten f\u00fcr mich eine Wohnung im Norden von LA gefunden, auf einem H\u00fcgel mit Blick auf den Ozean. Es war ein Traum. Ich unternahm viele lange einsame Spazierg\u00e4nge, bei denen ich \u00fcber alles und nichts nachdachte. Elliot kam einmal in der Woche, freitags, f\u00fcr einen Eintopfabend vorbei. Genau wie fr\u00fcher. Eines Tages kam er mit Ben, einem Trainer f\u00fcr pers\u00f6nliche Entwicklung. Er suchte einen Assistenten. Ich sagte okay. Er bildete mich aus und ich begann mit ihm zu trainieren. Die Kunden mochten mich, und Ben sagte mir, ich sei sehr gut. Ich machte weiter. Ich bekam Vertrauen in mich selbst. Aber ich vermisste Lauren und Jonathan. Also besuchte ich sie in Montana. Ich mietete einen Bungalow auf einem Campingplatz f\u00fcr eine Woche. Jonathan und ich verstanden uns gut, aber Lauren war noch unentschlossen. Mir gefiel der Ort. Ich mietete eine Wohnung am Rande des Waldes. Ich wohne heute noch dort. Es ist ruhig, die Leute sind nett, es herrscht ein guter Geist der gegenseitigen Unterst\u00fctzung. Keiner der Menschen dort ist dem anderen Fremd. Dort dr\u00fcben bin ich nur Truman. F\u00fcr sie ist die Show vorbei. Ich habe mich wieder mit Lauren zusammengetan, aber wir behalten beide unsere Unabh\u00e4ngigkeit. Sie ist geistig sehr stark, aber sie hat auch viel durchgemacht. Sie ist meine gute Fee, sie ist diejenige, die mir die Augen und das Herz ge\u00f6ffnet hat, in Seahaven*.<\/p>\n<p>R: Das k\u00fcnstliche Paradies, das von du wei\u00dft schon wem f\u00fcr dich entworfen wurde? Du hast mir vorhin gesagt, &#8222;die Show ist nicht vorbei, sie h\u00f6rt vielleicht nie auf&#8220;. Was meinst du damit?<\/p>\n<p>T: Das ist schwer zu erkl\u00e4ren. Es ist ein Zustand des Lebens, ein Zustand des Bewusstseins. Ich habe drei\u00dfig Jahre lang in einem geschlossenen, fiktiven Universum gelebt, das f\u00fcr mich die einzige Realit\u00e4t war. Eine m\u00e4chtige Kraft, die ich heute die Kraft der Wahrheit nenne, wurde in mir aktiviert, und ich entdeckte die T\u00e4uschung. Ich kam nat\u00fcrlich wieder heraus, aber ich habe den seltsamen Eindruck, dass ich an diesem Tag die Schwelle zu einer anderen, gr\u00f6\u00dferen T\u00e4uschung \u00fcberschritt, mit mehr Menschen darin, alles Trumans wie ich. Mit einem Mega-Christoph, der das Sagen hat, irgendwo da oben!<\/p>\n<p>R: Du suchst also immer noch nach einer Treppe? (lacht)<\/p>\n<p>T: Eine Treppe&#8230; Es gibt nicht nur Treppen. Es gibt auch Seile. Ich habe eines ergriffen, das Seil der Wahrheit. Solange ich es in der Hand halte, bin ich in der Show und auch nicht mehr in der Show.<\/p>\n<p>R: Ah, da ist es also, das Versprechen. Solange es Wahrheit gibt, gibt es Hoffnung&#8230; ?<\/p>\n<p>T: Das ist gut gesagt. Ja, es ist wahr, ich habe Hoffnung. Eine Hoffnung, die wie eine Erinnerung an die Zeit vor der Geburt, vor der Welt ist. Wie eine Erinnerung an eine Hoffnung auf ein Leben, in dem alles wahr ist.<\/p>\n<p>R: Nun, das ist eine reine Truthman-Reflexion. Ich mag es, das Interview mit dieser Erinnerung-Hoffnung zu beenden. Eine letzte Frage: Was war dein Lieblingsfilm auf diesem Festival?<\/p>\n<p>T: Ich glaube, das ist David Cronenbergs Film &#8222;Crimes of the Future&#8220;. David ist einer der wenigen Filmemacher, der das Unbewusste durch die Zeitungsberichte erforscht. Es ist ein Film, der zum Nachdenken \u00fcber den menschlichen Zustand anregt und vor den m\u00f6glichen Ausw\u00fcchsen des Transhumanismus warnt.<\/p>\n<p>R: Nun, Truman, vielen Dank, dass du so freundlich warst, dieses fast unangek\u00fcndigte Interview zu geben, und ich w\u00fcnsche dir eine gute Reise zur\u00fcck in deine Heimat.<\/p>\n<p>T: Ich danke dir f\u00fcr dieses Interview. F\u00fcr welche Zeitschrift schreibst du noch mal?<\/p>\n<p>R: F\u00fcr LOGON, ein Web-Magazin, das den Begriff der Wahrheit hinterfragt. Und ich denke, du warst ein idealer Gespr\u00e4chspartner (lacht)<\/p>\n<p>T: Also, ich werde mir dieses Web-Magazin jetzt mal genauer ansehen. Danke f\u00fcr den Tipp, Ray.<\/p>\n<hr \/>\n<p>* Cannes-Festival<\/p>\n<p>* Thierry Fr\u00e9maux: Festivaldirektor<\/p>\n<p>* Seahaven: Name der fiktiven Stadt in dem Film Die Truman Show<\/p>\n","protected":false},"author":914,"featured_media":98182,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110114],"tags_english_":[],"class_list":["post-107567","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-zeitgeist-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/107567","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/914"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98182"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=107567"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=107567"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=107567"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=107567"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}