{"id":105872,"date":"2024-09-25T06:02:52","date_gmt":"2024-09-25T06:02:52","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=105872"},"modified":"2024-09-24T10:53:08","modified_gmt":"2024-09-24T10:53:08","slug":"wozu-den-umweg","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/wozu-den-umweg\/","title":{"rendered":"Wozu den Umweg?"},"content":{"rendered":"<p><em>Der Weg der Seele zum Geist gleicht dem aufw\u00e4rts f\u00fchrenden Weg der Kl\u00e4nge \u00fcber sieben Oktaven. Doch da gibt es ein Problem. Wer einen Sprung macht, kommt nicht am selben Ort an wie der, der langsam geht.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Weg der Seele zum Geist gleicht dem aufw\u00e4rts f\u00fchrenden Weg der Kl\u00e4nge \u00fcber sieben Oktaven. Doch da gibt es ein Problem. Wer einen Sprung macht, kommt nicht am selben Ort an wie der, der langsam geht.<\/p>\n<p>Wir sind als Menschheit so weit herangewachsen und bewusst geworden, dass wir einen weiteren Schritt in der Entwicklung gehen k\u00f6nnen. Wir stehen nun, so scheint mir, vor der Aufgabe, Seelen zu werden, die im Einklang mit dem Geist bewusst leben und wirken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich frage mich: Wie schnell oder wie langsam sollte dieser Prozess der Seelenentwicklung zum Geist hin erfolgen?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann man sagen: Es gibt ebensoviele Antworten darauf, wie es Menschen gibt. Das Tempo der Seelenentwicklung ist individuell verschieden.<br \/>\nAber: Fordert nicht die aktuelle Not der Menschheit, dass es so schnell wie m\u00f6glich geschieht?<\/p>\n<p>\u201eErleuchtung jetzt\u201c \u2013 k\u00f6nnte das nicht das Gebot der Stunde sein?<\/p>\n<p>Eine Antwort hierauf k\u00f6nnen wir vielleicht in der Musik finden. Der italienische Komponist Ferruccio Busoni sagte 1910:<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<blockquote><p><em>Kommt, folgt mir in das Reich der Musik.<br \/>\n<\/em><em>Hier ist das Gitter, das Irdisches vom Ewigen trennt. <\/em><\/p>\n<p><em>Habt Ihr die Fesseln gel\u00f6st und abgeworfen? <\/em><\/p>\n<p><em>\u2013 Nun kommt. \u2013 <\/em><\/p>\n<p><em>Es ist nicht so, als wenn wir in ein fremdes Land tr\u00e4ten; dort bald alles lernten und alles kennten, und dann \u00fcberraschte uns nichts mehr. <\/em><\/p>\n<p><em>Hier jedoch wird des Staunens kein Ende, und wir f\u00fchlen uns doch von Anfang an heimisch.<br \/>\n<\/em><em>Noch h\u00f6rt Ihr nichts, weil Alles t\u00f6nt.<br \/>\n<\/em><em>Dann beginnt Ihr schon zu unterscheiden. <\/em><\/p>\n<p><em>Lauscht, jeder Stern hat seinen Rhythmus und jede Welt hat ihren Takt.<br \/>\n<\/em><em>Und auf jedem Stern und jeder der Welten schl\u00e4gt das Herz jedes einzelnen Lebendigen anders, und nach seinem eigenen M\u00fcssen. <\/em><\/p>\n<p><em>Und alle Schl\u00e4ge stimmen \u00fcberein und sind ein Einziges und ein Ganzes. <\/em><\/p>\n<p><em>Euer inneres Ohr wird sch\u00e4rfer.<br \/>\n<\/em><em>H\u00f6rt Ihr die Tiefen und die H\u00f6hen? <\/em><\/p>\n<p><em>Sie sind unmessbar wie der Raum und unendlich wie die Zahl.<br \/>\n<\/em><em>Wie B\u00e4nder ziehen sich ungeahnte Skalen von einer Welt zur anderen, feststehend und ewig bewegt. <\/em><\/p>\n<p><em>Nun f\u00fchlt Ihr, wie Planeten und Herzen eins sind miteinander und nirgends ein Ende, nirgends ein Hemmnis sein kann.<\/em><\/p>\n<p><em>Jeder Ton ist ein Zentrum unermesslicher Kreise.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Sprache der Musik und die Sprache der Seele h\u00e4ngen eng zusammen. Erhebende Musik kann in uns eine Erinnerung an die reinen Zust\u00e4nde einer Geist-Seelenwelt mit ihrer vollkommenen Harmonie erzeugen. Unser Herz weitet sich und der Verstand wird wie von selbst still und klar.<\/p>\n<p>Es gibt nun eine eigenartige Erscheinung in der Musik, die uns der Beantwortung der gestellten Frage n\u00e4her bringen kann. Dazu hat mir mein Klavierlehrer vor vielen Jahren eine Geschichte erz\u00e4hlt:<\/p>\n<p>Zwei Musikern wird die Aufgabe gestellt, von einem tiefen Kontra-C<sub>1<\/sub> \u2013 wie der Ton aus dem Nebelhorn der <em>Queen Elizabeth<\/em> \u2013 zu einem ganz hohen c<sup>5<\/sup> \u2013 wie das Zirpen einer Grille \u2013 zu gelangen.<\/p>\n<p>Der erste, der Pragmatische, sagt: \u201eDa springe ich \u00fcber 7 Oktaven und bin schon da. Wo ist das Problem?\u201c<\/p>\n<p>Der zweite, der Bed\u00e4chtige, erkl\u00e4rt: \u201eDieser Oktavsprung ist mir zu hoch. Ich gehe \u00fcber die Quinten nach oben.\u201c Und er kommt bei einem Ton \u201eg&#8220; an.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Nach einer weiteren Quinte gelangt er zu einem \u201ed&#8220;. Und so geht er von Quinte zu Quinte h\u00f6her und h\u00f6her, bis er endlich nach 12 Spr\u00fcngen beim angestrebten c<sup>5<\/sup> angekommen ist.<\/p>\n<p>\u201eNa, da bist du ja endlich&#8220;, empf\u00e4ngt ihn der erste, \u201eich bin schon lange da.\u201c<\/p>\n<p>Aber jetzt gibt es eine Merkw\u00fcrdigkeit: Das c<sup>5<\/sup> des ersten, der \u00fcber die Direttissima geklettert ist, ist nicht dasselbe wie das des zweiten.<\/p>\n<p>Das c<sup>5<\/sup> des zweiten ist um fast 1\/4 Ton h\u00f6her als das des ersten. Dieser deutlich h\u00f6rbare Unterschied hat sogar einen Namen bekommen: das \u201epythagor\u00e4ische Komma&#8220;.<\/p>\n<p>Und noch etwas: Der zweite hat auf seinem Weg der Quinten-Spirale alle anderen T\u00f6ne der Tonleiter besucht, oder besser: Er hat sie auf seinem Wege <em>erzeugt<\/em>.<\/p>\n<p>So weit die Geschichte meines Klavierlehrers.<\/p>\n<p>Wie ist die abendl\u00e4ndische Musik mit dieser Situation umgegangen?<\/p>\n<p>Sie hat den \u201eOktavisten\u201c auf den Thron gesetzt, aber den \u201eQuinteng\u00e4nger\u201c ebenfalls ber\u00fccksichtigt. Er muss von seiner zus\u00e4tzlichen Tonh\u00f6he jeweils ein Quentchen ablassen, damit es zu den Oktaven wieder passt und alle Tonarten harmonisch klingen.<\/p>\n<p>Mit dieser \u201ewohltemperierten Stimmung\u201c h\u00f6ren wir seit 300 Jahren wunderbare Musik \u2013 und wir m\u00f6chten sie auch nicht missen. Diese wohltemperierte Stimmung hat sich weltweit durchgesetzt, so dass auch im fernen China Beethoven geliebt wird.<\/p>\n<p>Die beseelende Harmonie eines Konzerts entsteht durch das stimmige Wirken des Orchesterk\u00f6rpers \u2013 und durch die Zuh\u00f6rerschaft. Das eintr\u00e4chtige Zusammenwirken der beiden als <em>eine<\/em> Gemeinschaft kann \u00fcberirdische Harmonie f\u00fchlbar machen.<\/p>\n<p>Die Seelen-Harmonie in der Musik weist uns deutlich darauf hin, dass die Geist-Entwicklung der Seele zu einem Miteinander, zu einem eintr\u00e4chtigen Mitschwingen f\u00fchrt \u2013 f\u00fchren muss.<\/p>\n<p>Eine Einzel-Seelenentwicklung f\u00fchrt zu Dissonanzen. Den sich isoliert Hervortuenden ruft Beethoven zu recht zu: \u201cOh Freunde, nicht diese T\u00f6ne.&#8220; Wenn die Einheit dann wieder hergestellt ist, kann sich die Freude als \u201eG\u00f6tterfunke\u201c einsenken.<\/p>\n<p>Aber: Das \u201epythagor\u00e4ische Komma\u201c, dieser Spalt in der rationalen Ordnung, gibt zu denken. Ich empfinde dieses \u201eKomma\u201c im Ordnungsgef\u00fcge der T\u00f6ne wie einen Riss, der mich anzieht hindurchzuschauen.<\/p>\n<p>Er ist wie eine enge Pforte, wie ein Nulldurchgang.<\/p>\n<p>L\u00e4dt diese Pforte nicht dazu ein, durch sie hindurchzugehen?<br \/>\nWas erwartet uns auf der anderen Seite?<\/p>\n<p><em>Wartet<\/em> \u00fcberhaupt etwas auf der anderen Seite?<\/p>\n<p>Es gibt daf\u00fcr kein Wort daf\u00fcr, kein Bild, kein Gesetz &#8230;<\/p>\n<p>Die Alten sprachen von einer: unmittelbaren Gegenw\u00e4rtigkeit.<\/p>\n<p>Es ist still dort &#8230;,<br \/>\nDie Stille dauert an.<\/p>\n<p>Sie tr\u00e4gt alles, all die T\u00f6ne, allen Klang, den wir vernehmen,<\/p>\n<p>Soll das eine Antwort sein?.<br \/>\n<em>K\u00f6nnte<\/em> es eine sein?<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Zitiert in: Jochen Kirchhoff <em>Klang und Verwandlung<\/em>, K\u00f6sel-Verlag, M\u00fcnchen 1989<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0Eine Quinte bedeutet, die Saite des Grundtons um 1\/3 zu verk\u00fcrzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":112344,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[111042],"tags_english_":[],"class_list":["post-105872","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-science-de-2"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/105872","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/112344"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=105872"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=105872"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=105872"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=105872"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}