{"id":105629,"date":"2024-06-22T06:00:32","date_gmt":"2024-06-22T06:00:32","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=105629"},"modified":"2025-04-07T15:37:42","modified_gmt":"2025-04-07T15:37:42","slug":"tanz-als-ausdruck-universeller-gesetze","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/tanz-als-ausdruck-universeller-gesetze\/","title":{"rendered":"Tanz als Ausdruck universeller Gesetze"},"content":{"rendered":"<p><em>Nicht nur die ber\u00fchmten Lehrer und Philosophen der \u201eheidnischen\u201c Antike \u2013 Sokrates, Plato und Pythagoras \u2013 pflegten mit ihren Sch\u00fclern rituelle T\u00e4nze aufzuf\u00fchren.<\/em> <!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe title=\"Spotify Embed: Tanz als Ausdruck Universeller Gestze\" style=\"border-radius: 12px\" width=\"100%\" height=\"152\" frameborder=\"0\" allowfullscreen allow=\"autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/open.spotify.com\/embed\/episode\/19HNJuSH1oEZAZHR8c2MRn?si=64s4-0s6RyqCkIS75mAsPQ&amp;utm_source=oembed\"><\/iframe><\/p>\n<p>Nach einer \u00dcberlieferung in den apokryphen Johannesakten, dem sogenannten \u201eTanzhymnus\u201c, tanzte Jesus beim letzten Abendmahl mit seinen J\u00fcngern. Ihr individuelles Erleben weitete sich zu einem gemeinschaftlichen und transzendenten Erleben, zu einer Erfahrung universeller Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten.<\/p>\n<p>Unser ganzes Leben ist Rhythmus und Klang. Rhythmus und Klang durchweben das Universum und bestimmen auf vielf\u00e4ltige Weise unser Dasein auf Erden. \u201e\u2026 als heilige F\u00fc\u00dfe vollkommener T\u00e4nzer Staub aufwirbelten, wurde die Erde\u2026\u201c, hei\u00dft es im <em>Rigveda<\/em>, der \u00e4ltesten heiligen Schrift Indiens.<\/p>\n<p>Die Veden berichten, dass die Welt aus einem Urklang entstand und alle Materie in bestimmten Rhythmen schwingt. Dem griechischen Philosophen Pythagoras zufolge wurde die Welt durch Klang bzw. Harmonie aus dem Chaos hervorgerufen. Die Beziehungen der Planeten zueinander setzte er in Proportion zu den musikalischen Intervallen. Jeder Himmelsk\u00f6rper sendet einen ihm eigenen Ton aus und wirkt so mit an der Harmonie der Sph\u00e4ren.<\/p>\n<p>In diese kosmischen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten ist der Mensch als Mikrokosmos hineingestellt. Sie spiegeln sich in ihm bis hin zu den Proportionen des menschlichen K\u00f6rpers wider. Wie die Planeten, so sendet auch jeder Mensch einen ihm eigenen archetypischen Klang aus. Philosophen fr\u00fcherer Zeitalter verglichen den Menschen mit einem Monochord, einem Musikinstrument mit einer einzigen Saite, die sich von der Erde bis zum \u00e4u\u00dfersten Ende des Zodiakus erstreckt.<\/p>\n<p>So k\u00f6nnen Menschen, die \u2013 mehr oder weniger bewusst \u2013 Zugang erhalten zu bestimmten Gebieten der geistigen Welt, in denen sie Impressionen und Inspirationen geistiger Gesetze und Harmonien erleben, das dort Wahrgenommene nicht nur mittels der Musik, sondern auch durch entsprechende Bewegungsformen in der materiellen Welt zum Ausdruck, sozusagen \u201eauf die Erde\u201c bringen. Der menschliche K\u00f6rper erweist sich dabei als ein wundervoll geeignetes Instrument. Was Ludwig van Beethoven in seinen an Goethe adressierten Betrachtungen \u00fcber die Musik \u00e4u\u00dferte, gilt in gleichem Ma\u00dfe f\u00fcr die Tanzkunst: \u201eEs geh\u00f6rt Rhythmus des Geistes dazu, um Musik in ihrer Wesenheit zu fassen, sie gibt Ahnung, Inspiration himmlischer Wissenschaften, und was der Geist sinnlich von ihr empfindet, das ist die Verk\u00f6rperung geistiger Erkenntnis.\u201c<\/p>\n<p>Auch Tanzdarbietungen k\u00f6nnen, \u00e4hnlich wie Musik, stark auf den Menschen einwirken. In der heutigen westlichen Welt sind wir geneigt zu vergessen, dass Tanz nicht nur der Unterhaltung und dem sinnlichen Vergn\u00fcgen dienen kann, sondern dar\u00fcber hinaus einer Erhebung des Geistes und einer Verfeinerung des Empfindungsverm\u00f6gens. Dieses archaische Wissen wurde zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte von verschiedenen Kulturen und Religionen zu rituellen Zwecken genutzt.<\/p>\n<p>Tanz kann reine Lebensfreude ausdr\u00fccken und bewirken, kann sich Zugang verschaffen zu verh\u00e4rteten und entt\u00e4uschten Herzen, die schmerzbeladene Seele tr\u00f6sten und die Ahnung von einem h\u00f6heren Lebens- und Weltenplan in ihr wachrufen.<\/p>\n<h4>Ein intuitives Eindringen in die Geheimnisse der Welt<\/h4>\n<p>Jenseits seiner wechselhaften, subjektiven Zust\u00e4nde spiegelt der menschliche K\u00f6rper Kosmogramme und archetypische Strukturen. Im Sakraltanz bildet der T\u00e4nzer bzw. die T\u00e4nzerin geometrische Figuren und die Ordnung und Harmonie des Kosmos ab. Solche Figuren sind zum Beispiel auf einen Mittelpunkt bezogene Kreist\u00e4nze, verschiedene Kreuzformen oder die Spirale. Kosmische Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten werden aber nicht lediglich dargestellt, sondern die dargestellten Symbole werden zu lebendigen Sinnbildern geistigen Potenzials. Sie erm\u00f6glichen uns nicht nur ein eher intuitives Eindringen in die Geheimnisse der Welt und des menschlichen Wesens, sondern sie k\u00f6nnen \u2013 im T\u00e4nzer wie im Betrachter \u2013 einen tiefgr\u00fcndigen Prozess innerer Wandlung ausl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Wohl die bekannteste Darstellung einer sakralen Tanzhandlung zeigt die indische Gottheit <em>Shiva<\/em> als kosmischen T\u00e4nzer. Die Gestalt des T\u00e4nzers ist in ein kreisendes Rad hineingestellt. Das Rad symbolisiert die unserer Naturordnung zugrunde liegende Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit des st\u00e4ndigen Wechsels von Werden und Vergehen, der aufeinander folgenden Reinkarnationen.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Die Aura des Gottes Shiva ist umgeben von einem machtvollen Feuerkreis. Sein Tanz zeigt den Weg der \u00dcberwindung von Raum und Zeit. Es ist der Todestanz der niederen Natur, ein Tanz der Transformation hin zum Licht der g\u00f6ttlichen Natur. Er ist Ausdruck der uralten spirituellen Wahrheit, dass die niedere Natur, das Ego in seiner Ichzentralit\u00e4t, sterben muss, ehe der g\u00f6ttliche Mensch in vollem Glanze auferstehen kann.<\/p>\n<p>Shivas rechter Fu\u00df ist auf den D\u00e4mon der Gebundenheit und der Unbewusstheit gestellt und zeigt die \u00dcberwindung von Maya, der Kraft der T\u00e4uschung, die die Seele in der verg\u00e4nglichen Welt der Erscheinungen gefangen h\u00e4lt. Shiva selbst ist als \u00dcberwinder dargestellt, auf der H\u00f6he seines Kopfes sind Fl\u00fcgel bzw. ein Strahlenkranz zu sehen \u2013 Sinnbild der vom Geist erleuchteten Seele. Shiva ist unber\u00fchrt vom st\u00e4ndigen Wechselspiel von Geburt und Tod. Sein Tanz der Zerst\u00f6rung dient der Rettung und Erneuerung der Welt. In zwei von seinen vier H\u00e4nden h\u00e4lt <em>Shiva Nataraja<\/em> (= Shiva, der K\u00f6nig des Tanzes) symbolische Gegenst\u00e4nde wie eine sanduhr\u00e4hnliche Trommel (ihr zweifacher Ton erschafft die Welt der Gegens\u00e4tze) und eine Flamme (sie symbolisiert die Macht des durch den Geist entflammten sch\u00f6pferischen Ausdrucks). Die dritte Hand ist zum Himmel gerichtet, die vierte weist abw\u00e4rts zum erhobenen linken Fu\u00df, der den Ausweg aus der Gefangenschaft im Kreislauf der Verg\u00e4nglichkeit zeigt. Auch Krishna ist in der indischen Mythologie eine tanzende und musizierende Gottheit.<\/p>\n<p>Die Inder wie auch die Griechen des Altertums glaubten, dass die G\u00f6tter das Tanzen erfunden und die Menschen gelehrt haben. T\u00e4nze wurden ihnen zu Ehren aufgef\u00fchrt. In den orphischen Mysterien war Gottesdienst eine durch Musik und Tanz gestaltete heilige Handlung. Beim Betrachten der Tanzhandlung erlebten die Zuschauer innerlich die Anwesenheit der Gottheit.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Anders als wir dies von der christlichen Tradition her kennen, waren die Griechen der Auffassung, dass sich den Menschen das G\u00f6ttliche am meisten durch Abwendung vom Leid, durch Hinwendung zur Freude, zur Musik und zu festlichen Tanzritualen erschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Auf diese Weise k\u00f6nnen sich die Menschen mit der Welt des G\u00f6ttlichen und mit dem ihnen selbst innewohnenden Gott verbinden. Kosmische Energien und Schwingungen k\u00f6nnen in menschliche Bewegungsformen umgesetzt werden.<\/p>\n<p>Auch die sch\u00f6nste und erhabenste Kunst ist niemals ein vollkommener Ausdruck des G\u00f6ttlichen. Doch kann sie im Menschen eine \u00d6ffnung f\u00fcr g\u00f6ttliche Kr\u00e4fte bewirken.<\/p>\n<p>Von dem Sufi-Mystiker Rumi sind die folgenden Worte \u00fcberliefert:<\/p>\n<blockquote><p><em>Wenn es mir eines Tages m\u00f6glich sein sollte,<br \/>\n<\/em><em>nur einen Augenblick bei dir zu sein, o mein Herr,<br \/>\n<\/em><em>und ich h\u00e4tte die Welt unter meinen F\u00fc\u00dfen,<br \/>\n<\/em><em>so finge ich in Begeisterung zu tanzen an.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Das Ziel des Drehtanzes der Derwische ist die Reinheit des Herzens und die Vereinigung mit Gott. Er wird in einer Drehbewegung um die eigene Achse entgegen dem Uhrzeigersinn getanzt. Die Arme, die zun\u00e4chst gekreuzt sind, entfalten sich seitlich, wobei die rechte offene Handfl\u00e4che nach oben weist und die Kr\u00e4fte des Himmels empf\u00e4ngt, die durch das Herz und die Finger der nach unten zeigenden linken Hand zur Erde geleitet werden. Die langen schwarzen Umh\u00e4nge, die die Dunkelheit der verg\u00e4nglichen Welt symbolisieren, werden zu Beginn des Tanzes abgeworfen, darunter kommen strahlend wei\u00dfe Gew\u00e4nder (die Farbe des g\u00f6ttlichen Lichtes) zum Vorschein. Nach Auffassung der Sufis sind die heiligen Tanzhandlungen eine tiefgreifende innere Erfahrung, sowohl f\u00fcr den T\u00e4nzer wie auch f\u00fcr den Betrachter und Zuh\u00f6rer der begleitenden Musik. Die Beteiligten verlassen nach Beendigung der rituellen Darbietung den geweihten Ort gel\u00e4utert und verwandelt und tragen das Empfangene in die Welt.<\/p>\n<p>Die christlichen abendl\u00e4ndischen Kirchen hatten in den vergangenen Jahrhunderten wenig Sinn f\u00fcr das spirituelle Potenzial ritueller Tanzhandlungen. Sie reagierten meist mit heftiger Ablehnung und mit Verboten. W\u00e4hrend bei den Israeliten und in den urchristlichen Gemeinden unter dem Einfluss kleinasiatischer Kulte sakrale T\u00e4nze weit verbreitet waren, wollte sich die Kirche sp\u00e4ter von heidnischen Gebr\u00e4uchen und von den \u201eKetzern\u201c, den gnostischen Christen, die den kultischen Tanz nach antikem Vorbild praktizierten, distanzieren. T\u00e4nzerische Darbietungen oder bildhafte Darstellungen von Tanzszenen blieben daher in der Folgezeit im christlichen Abendland eher Ausnahmeerscheinungen.<\/p>\n<h4>Auch Jesus tanzte mit seinen J\u00fcngern<\/h4>\n<p>Doch pflegten nicht nur die ber\u00fchmten Lehrer und Philosophen der \u201eheidnischen\u201c Antike \u2013 Sokrates, Plato und Pythagoras \u2013 mit ihren Sch\u00fclern rituelle T\u00e4nze aufzuf\u00fchren. Nach einer \u00dcberlieferung in den apokryphen <em>Johannesakten<\/em>, dem sogenannten \u201eTanzhymnus\u201c, tanzte Jesus beim letzten Abendmahl mit seinen J\u00fcngern. Er lie\u00df einen Kreis bilden, trat in ihre Mitte und begann einen Hymnus zu singen:<\/p>\n<blockquote><p><em>Die Gnade tanzt.<br \/>\n<\/em><em>Fl\u00f6ten will ich,<br \/>\n<\/em><em>tanzet alle. \u2013 Amen.<\/em><\/p>\n<p><em>Ein Klagelied anheben will ich,<br \/>\n<\/em><em>die Trauergeb\u00e4rde vollf\u00fchret alle. \u2013 Amen.<\/em><\/p>\n<p><em>(Die) eine Achtheit<br \/>\n<\/em><em>\u00a0lobsingt mit uns. \u2013 Amen.<\/em><\/p>\n<p><em>Die zw\u00f6lfte Zahl<br \/>\n<\/em><em>tanzt in der H\u00f6he. \u2013 Amen.<\/em><\/p>\n<p><em>Dem All<br \/>\n<\/em><em>kommt es zu, in der H\u00f6he zu tanzen. \u2013 Amen.<br \/>\n<\/em><em>Wer nicht tanzt, erkennt nicht,<br \/>\n<\/em><em>was sich begibt. \u2013 Amen.<\/em><\/p>\n<p><em>Wenn du aber Folge leistest<br \/>\n<\/em><em>meinem Reigen, sieh dich selbst<br \/>\n<\/em><em>in mir, dem Redenden,<\/em><em><br \/>\nund wenn du gesehen hast, was ich tue,<br \/>\n<\/em><em>schweige \u00fcber meine Mysterien.<br \/>\n<\/em><em>Der du tanzt, erkenne,<br \/>\n<\/em><em>was ich tue, weil dein ist<br \/>\n<\/em><em>dieses Leiden des Menschen,<br \/>\n<\/em><em>das ich leiden muss. [\u2026]<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Und zum Schluss der Tanz-Zeremonie:<\/p>\n<blockquote><p>\u00a0<em>Ich h\u00fcpfte,<br \/>\n<\/em><em>du aber begreife das Ganze,<br \/>\n<\/em><em>und wenn du es begriffen hast, sage:<\/em><em><br \/>\nEhre sei dir, Vater! \u2013 Amen.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Nachdem Jesus so mit den J\u00fcngern getanzt hatte, verlie\u00df er sie.<\/p>\n<p>Die rituelle Tanzhandlung wird hier als ein Weg gezeigt, universelle Wahrheiten und erhabene Mysterien f\u00fcr den Menschen in der Nachfolge Christi jeweils entsprechend seinem Seins- und Bewusstseinszustand erkennbar und erfahrbar zu machen, ohne das g\u00f6ttliche Mysterium dadurch zu entweihen oder seiner letztlichen Unergr\u00fcndlichkeit zu berauben.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Vorganges der Kreuzigung offenbart sich Jesus \u2013 so die <em>Johannesakten<\/em> \u2013 dem Johannes auf dem \u00d6lberg in der innerlich-seelisch erlebten Vision eines Lichtkreuzes und teilt ihm mit:<\/p>\n<p>\u201eNichts von dem also, was sie \u00fcber mich sagen werden, habe ich gelitten, aber auch jenes Leiden, das ich tanzend dir und den \u00dcbrigen gezeigt habe, will ich ein Mysterium genannt wissen. Denn was du bist, siehst du, das habe ich dir gezeigt. Was aber ich bin, das wei\u00df allein ich, sonst keiner.\u201c<\/p>\n<p>Durch die Tanzhandlung k\u00f6nnen die J\u00fcnger also letztlich nur die Wahrheit ihres eigenen gelebten spirituellen Weges erfahren und andere m\u00f6glicherweise zu einer \u00e4hnlichen Erfahrung anregen. In diesem gesungenen und getanzten Hymnus bewegen sich die J\u00fcnger kreisend um Christus als ihrem Zentrum, sie folgen der Melodie seiner Fl\u00f6te und seinen Bewegungsanweisungen. Ihr individuelles Erleben weitet sich zu einem gemeinschaftlichen und transzendenten Erleben, zu einer Erfahrung universeller Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten. Denn es tanzen \u201edie Gnade\u201c, \u201edie Acht\u201c (ein Ewigkeitssymbol), und oben tanzt \u201edie Zw\u00f6lf\u201c (ein Sinnbild f\u00fcr den kosmischen Tierkreis). Nur diejenigen, die sich tanzend mit dem Christus in der Mitte vereinigen, werden dieser Offenbarung des g\u00f6ttlichen Mysteriums teilhaftig. Die G\u00fcltigkeit dieser transformierenden Erfahrung wird von den J\u00fcngern bekr\u00e4ftigt, indem sie wiederholt im Chor \u201eAmen\u201c singen: So sei es.<\/p>\n<p>Die rituelle Tanzhandlung ist freilich ein Gleichnis. Sie ist die <em>Darstellung<\/em> eines Heilsgeheimnisses, eines innerseelischen Verwandlungsprozesses \u2013 ein Stimulans, aber nicht dieser Prozess selbst. So ermahnt Johannes seine Mitbr\u00fcder, nachdem er ihnen von seiner Vision auf dem \u00d6lberg erz\u00e4hlt hat: \u201eDa wir also, Br\u00fcder, die Gnade des Herrn geschaut haben und seine Liebe zu uns, wollen wir, die wir Erbarmung von ihm erfahren haben, ihn anbeten, nicht mit den Fingern und den M\u00fcndern und der Zunge noch \u00fcberhaupt mit einem leiblichen Organ, sondern mit der seelischen Einstellung. [\u2026]\u201c <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p><strong>Ein erneutes Beleben einer uralten Tradition<\/strong><\/p>\n<p>Das Wissen um Formen spiritueller Musik und Traditionen des Sakraltanzes geriet zunehmend in Vergessenheit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts versuchten dann esoterische Lehrer, an archaische rituelle Tanztraditionen anzukn\u00fcpfen. So suchte beispielsweise Rudolf Steiner mit Hilfe der <em>Eurythmie<\/em> nach einer \u201eErneuerung der alten Tempeltanzkunst durch\u00a0 eine neue Raumbewegungskunst\u201c, um auf diese Weise \u201eetwas hineinzustellen in die Welt, das aus dem Geistigen, aus den spirituellen Gesetzen des Weltendaseins selbst entnommen ist.\u201c (R. Steiner in einem Vortrag anl\u00e4sslich einer eurythmischen Auff\u00fchrung 1918). Gurdjieff strebte mit seinen <em>Sacred Dances<\/em> <a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> nach neuen Wegen, dem modernen Menschen durch geeignete k\u00f6rperliche Ausdrucksformen bestimmte kosmische und spirituelle Wahrheiten vermittelbar und erfahrbar zu machen. Peter Deunov entwickelte 1934 bis 1942 in Bulgarien die Tanzform der <em>Paneurhythmie, <\/em>die das Ziel hatte, durch eigens hierf\u00fcr komponierte Musik und rhythmische Bewegungen den Menschen in Harmonie zu bringen mit der Natur, dem Universum und mit Gott. Der Mensch soll durch die Entfaltung seiner inneren Kr\u00e4fte und seines Bewusstseins aus der materiellen Welt in die geistige Welt gef\u00fchrt werden. Im Zyklus \u201ePentagramm\u201c beispielsweise formieren die T\u00e4nzer sich zum Symbol des \u201ekosmischen Menschen\u201c.<\/p>\n<p>Nachdem der urspr\u00fcngliche enge Zusammenhang zwischen Wissenschaft, Religion und Kunst weitgehend verloren gegangen war, begann vor etwa 100 Jahren eine intensive Suche nach zeitgem\u00e4\u00dfen Wegen, um die Einheit dieser drei Bereiche wiederherzustellen. War die Kunst nach Auffassung fr\u00fcherer Zeitepochen der unmittelbare Ausdruck des Waltens ewiger, g\u00f6ttlicher Gesetze in der Natur, deren Durchgr\u00fcnden und Erleben den sie nachbildenden K\u00fcnstler mit tiefer Dankbarkeit und Demut erf\u00fcllte, so ist die Kunst dem heutigen Verst\u00e4ndnis und der heutigen Aus\u00fcbung nach prim\u00e4r der Ausfluss der subjektiven Befindlichkeit des K\u00fcnstlers als einsamem Individuum, das sich einer Welt aus Myriaden einzelner, fragmentarischer Erscheinungsformen und Informationsinhalte gegen\u00fcbersieht, die es h\u00e4ufig als sinnlos und bedrohlich erlebt.<\/p>\n<p>Zeitgen\u00f6ssische Tanzdarbietungen, die sich darin ersch\u00f6pfen, den Menschen als entseeltes, maschinenhaftes Wesen inmitten eines kalten, anonymen Kollektivs darzustellen, dessen Bewegungsabl\u00e4ufe durch ein mechanisches bzw. digital gesteuertes R\u00e4derwerk angetrieben werden, k\u00f6nnen nur einen sehr begrenzten Aspekt der Wirklichkeit zeigen und wohl kaum befreiende und regenerative Wege f\u00fcr die Menschheit er\u00f6ffnen.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Wir stehen am Beginn eines neuen Zeitalters. Alte Glaubenssicherheiten, jahrhundertelang g\u00fcltige Ideologien und gesellschaftliche Institutionen sowie \u00e4sthetische Ideale geraten ins Wanken und entsprechen immer weniger den Erfordernissen der modernen \u00c4ra. Auf dem Gebiet von Kunst, Wissenschaft und Religion wird geradezu fieberhaft nach neuen Erkenntnissen und Ausdrucksformen gesucht, die dem Bewusstsein, der Empfindungsweise und den k\u00f6rperlichen Bed\u00fcrfnissen des heutigen Menschen besser gerecht werden. Im Zuge dieser Bem\u00fchungen werden auch uralte Heilslehren und Heilungsmethoden sowie archaische Kunstformen wiederentdeckt und neu bewertet.<\/p>\n<p>Kennzeichen der heutigen Zeit sind einerseits blinder Lebensrausch und Vergn\u00fcgungssucht, ein \u00fcbertriebener K\u00f6rperkult, Ichbezogenheit und gro\u00dfe Daseinsangst. Aus dem Unbehagen am modernen Leben fl\u00fcchten viele Menschen in extreme Anschauungen und Verhaltensweisen. In diesem Lichte betrachtet mag es fragw\u00fcrdig erscheinen, ob der moderne westliche Mensch, dessen Bewusstsein in hohem Ma\u00dfe mit seinem grobstofflichen K\u00f6rper identifiziert ist, die uralte Idee eines sakralen Tanzes als Ausdruck wahrhaftigen spirituellen Lebens im Dienste des ihm innewohnenden g\u00f6ttlichen Prinzips noch verstehen und w\u00fcrdigen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Andererseits besteht auch bei vielen ein sehr ernsthaftes Interesse f\u00fcr ganzheitliche Formen des Lebens und der Spiritualit\u00e4t, in denen die K\u00f6rperlichkeit des Menschen nicht abgetrennt und ausgeschlossen bleibt, sondern harmonisch integriert werden kann. Zugleich sind eine Abkehr vom passiven Stillsitzen und vom kritiklosen Hinnehmen dogmatischer Lehrsysteme und ein wachsendes Bed\u00fcrfnis nach individueller, kreativer Auseinandersetzung und Mitgestaltung zu beobachten.<\/p>\n<p>Tanzen, Musizieren und verschiedene Arten des kreativen Gestaltens k\u00f6nnen als Ausdruck von auf einem spirituellen Weg gewonnenen Erkenntnissen und Erlebnissen ganz sicher zu mehr Lebensfreude, Authentizit\u00e4t wie auch zu einer Belebung von Erfahrungen in einer Gemeinschaft f\u00fchren. Das Wesentliche jedoch sind nicht die kreativen Formen, mit denen experimentiert werden kann, die sich bew\u00e4hren oder wieder verworfen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Wesentliche ist die Entfaltung der neuen Seele, die durch solche Formen angeregt werden kann.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Literaturhinweis:<\/p>\n<p>Hemenway, Priya: <em>Der geheime Code. Die r\u00e4tselhafte Formel, die Kunst, Natur und <\/em><\/p>\n<p><em>Wissenschaft bestimmt<\/em>, K\u00f6ln 2008<\/p>\n<p>Lander, H.M. und Zohner, M.-R.: <em>Meditatives Tanzen<\/em>, Stuttgart 1987<\/p>\n<p>Steiner, Rudolf: <em>Eurythmie. Die neue Bewegungskunst der Gegenwart<\/em>, Dornach 1986<\/p>\n<p>Wosien, Maria-Gabriele: <em>Tanzsymbole in Bewegung<\/em>, Linz 1994<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Der Mensch als Mikrokosmos ist umgeben von einer Aura, in der die Essenz aller Erfahrungen fr\u00fcherer Erdenleben aufgezeichnet ist, in der auch \u2013 leuchtenden Gestirnen an einem Firmament vergleichbar \u2013 alle im gegenw\u00e4rtigen Leben noch vorhandenen Bindungen und Begierden eine stark magnetische Wirkung auf den Menschen aus\u00fcben, so dass seine Aura h\u00e4ufig durch eine Vielzahl von Leidenschaften gef\u00e4rbt und verd\u00fcstert wird.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Interessanterweise bedeutete das griechische Wort \u201eEnthusiasmus\u201c \u2013 weit entfernt vom heutigen Gebrauch \u2013 urspr\u00fcnglich \u201eGottinnerlichkeit\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Im christlichen Einweihungsmysterium geht es darum, durch das Wirken der Christuskraft in uns den \u201eniederen Leib\u201c zu verwandeln, damit er \u201egleich werde seinem verkl\u00e4rten Leib\u201c. (Brief des Paulus an die Philipper) Im ersten Korintherbrief dr\u00fcckt Paulus dies, wie folgt, aus: \u201eSiehe, ich sage euch ein Geheimnis:<\/p>\n<p>\u2026wir werden alle verwandelt werden\u2026, denn das Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und das Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit.\u201c (1. Kor. 15, 51ff.)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> einer uralten \u00dcberlieferung, die der Armenier bei einer okkulten kleinasiatischen Bruderschaft kennen lernte und in den Westen brachte<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Die fragw\u00fcrdige Idealisierung des Transhumanismus, der Erschaffung eines neuen Menschentyps mit \u00fcbermenschlichen F\u00e4higkeiten, der eine Karikatur und Perversion des von g\u00f6ttlichen Kr\u00e4ften geleiteten Geistseelenmenschen darstellt, wird sich jedenfalls f\u00fcr die Menschen, die eine wahrhaftige Verbindung mit der geistigen Welt und ihren universellen Gesetzen erstreben, nicht als gangbarer Weg erweisen.<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":105758,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-105629","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/105629","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/105758"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=105629"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=105629"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=105629"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=105629"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}