{"id":103090,"date":"2023-06-14T11:56:52","date_gmt":"2023-06-14T11:56:52","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=103090"},"modified":"2023-10-09T19:53:55","modified_gmt":"2023-10-09T19:53:55","slug":"die-unsichtbare-natur-spricht-in-sichtbaren-gestalten","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/die-unsichtbare-natur-spricht-in-sichtbaren-gestalten\/","title":{"rendered":"Die unsichtbare Natur spricht in sichtbaren Gestalten"},"content":{"rendered":"<p>\u2013 mit eigenen Augen \u2013 \u2026 und zeichnen das rasch auf. (Vielleicht ist der Kosmos ja eine wilde M\u00f6hre.) Dass die wilde M\u00f6hre ein Kosmos ist, das ist ja offensichtlich.<\/p>\n<p>Es fasziniert, dass wir immer tiefer in den Weltraum zu blicken verm\u00f6gen. Denn darin vibriert die Frage: Woher kommen wir?\u00a0 Die Entfernungen werden nach Lichtjahren berechnet. 300 000 km in der Sekunde legt ein Photon zur\u00fcck. Unvorstellbar. Die Lichtgeschwindigkeit definiert die Grenze der Zeit. Dort drau\u00dfen \u2013 oder dort drinnen \u2013 existieren Milliarden Galaxien, Milliarden von Lichtjahren entfernt. Die \u00e4lteste, vom Teleskop erfasste, ist ca. 13,5 Milliarden Lichtjahre weit entfernt. Also mal knappe 500 000 Millionen Lichtjahre von Urimpuls weg.<\/p>\n<p>Nebenbei: Etwas in meinem Sprachzentrum sperrt sich, das Mysterium des Urbeginns auf einen geistlosen Krach-Bumm-Dumm-Urknall zu reduzieren. Au\u00dferdem konnte da nichts knallen. Es gab weder einen Echoraum noch Ohren. Viel eher d\u00fcrfte eine tiefe, sch\u00f6pferisch ausgereifte, satte Stille geherrscht haben, die aus sich das Licht und damit die Zeit gebar \u2013 \u201eEs werde Licht\u201c \u2013 f\u00fcr das Auge und: \u201eAm Anfang war das Wort\u201c \u2013 f\u00fcr das Ohr, die nach zig Milliarden Jahren endlich entwickelt waren, um zu sehen und zu h\u00f6ren. Denn im Licht und im Wort sind Klang, Geist und Bewusstsein enthalten. Mit dem Vers:<\/p>\n<blockquote><p><em>W\u00e4r nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne k\u00f6nnt es nie erblicken; l\u00e4g nicht in uns des Gottes eigne Kraft, wie k\u00f6nnt uns G\u00f6ttliches entz\u00fccken? <\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>bringt es J.W. von Goethe auf den Punkt. Gottes eigene Kraft, das ist wohl das Bewusstsein, das sich als Licht und Raum in der Zeit manifestiert und im Menschen zu sich selbst erwacht.\u00a0 Den teleskopverst\u00e4rkten Blick sehnsuchtsvoll zum Ursprung hin zu richten, ist eine bewusste Ausrichtung.<\/p>\n<p>Auch der alte indische Sch\u00f6pfungsmythos, nach dem der schlafende Vishnu mit jedem Atemzug das All ein- bzw. ausatmet, ist fantasievoller als ein Urknall, und nach dem heutigen Stand der Wissenschaft, die eine Ausdehnung und Zusammenziehung des Weltalls f\u00fcr m\u00f6glich h\u00e4lt, auch realistisch. Jeder lebendig machende Atemzug ist somit eine aktuelle Neusch\u00f6pfung des Universums. Als ich in Indien einen Tempel mit seinem m\u00e4chtigen Ziegeldach bestaunte, enth\u00fcllte mir ein Priester, dass das Dach aus ebensovielen Dachziegeln bestehe wie ein Mensch Atemz\u00fcge am Tag mache. Bei ca. 18 pro Minute, 1080 pro Stunde, sind das 25 920 Atemz\u00fcge am Tag. So viele Ziegel habe das Dach, sagte er. Ich habe nicht nachgez\u00e4hlt, sondern ihm lieber geglaubt. In so vielen Jahren reist die Sonne einmal durch den ganzen Tierkreis \u2013 das wird als Platonisches Jahr bezeichnet.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte es auch anders sein, als dass in jedem kleinsten Geschehen das gro\u00dfe Ganze atmet, denn es ist ein Kosmos, in den das Teleskop hineinblickt und aus dem es letztlich auch selbst besteht, ebenso wie die Spezialisten, die es fertigten. Wie schon erw\u00e4hnt: der Blick richtet sich zwangsl\u00e4ufig in die Vergangenheit. Diese Tatsache, dass wir in die Vergangenheit schauen, je tiefer der Blick ins Universum dringt, bedeutet, dass wir die kosmische Wirklichkeit, wie sie aktuell ist, nicht erkennen, sondern das, was sich vor Milliarden Lichtjahren ereignet hat.<\/p>\n<p>Angenommen, die Galaxien w\u00fcrden sich mit Lichtgeschwindigkeit wieder zusammenziehen und ihrem Ausgangspunkt n\u00e4hern, wir k\u00f6nnten das nicht erkennen. Doch alles, was je geschehen ist und sichtbar wurde, ist im Licht gespeichert.<\/p>\n<p>Noch ein anderes Ph\u00e4nomen wird hier deutlich: die Besonderheit des Planeten Erde in seiner, relativ zu diesen gigantischen Dimensionen, winzigen Kleinheit. Manche sprechen angesichts dieser Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse desillusioniert von einem Staubkorn. Auch mit diesem desillusionierenden Begriff f\u00fcr unsere Erde ist mein Sprachzentrum nicht einverstanden. Er stimmt auch nicht. Die Erde ist kein Staubkorn! Wenn schon klein, dann bitte kein Staubkorn, sondern ein Same. Ein winziger Same, ja, wie der eines Mammutbaumes oder einer K\u00f6nigskerze, aus dem gro\u00dfe, lebendige Welten wachsen, weil die Photonen \u2013 das Licht \u2013 in die verdichtete Energie, die Materie, hineinsterben und so die Gestalten und Wesen kreieren und erhalten, die sich in vielf\u00e4ltiger Weise begegnen, durchdringen, erg\u00e4nzen, gegeneinander ringen und miteinander kooperieren. So, dass sich in all diesen Geschehnissen, die wir Wachstum nennen, die unbegrenzte Dimension von Licht und Raum in der begrenzten und begrenzenden Materie ausdr\u00fcckt, in dem wundervollen Reichtum der Arten auf der Erde, nat\u00fcrlich einschlie\u00dflich uns Menschen. Im Kleinen offenbart sich das Gro\u00dfe, oder genauer: das Ganze. Willst du dich am Ganzen erquicken, So musst du das Ganze im Kleinsten erblicken, sagte J.W. von Goethe.<\/p>\n<p>In uns Menschen kommt dieses kosmische Geschehen bewusst zu sich selbst. Im Wachstum wird etwas wach \u2013 es k\u00f6nnte deshalb auch Wachtum hei\u00dfen \u2013 n\u00e4mlich das sch\u00f6pferische Bewusstsein als ein Wahrnehmungsorgan, das zugleich die inneren und \u00e4u\u00dferen Vorg\u00e4nge beobachtet, erlebt, interpretiert und gestaltet. Das Bewusstsein ist unvergleichlich viel komplexer als das faszinierende James Webb Teleskop, doch auch viel selbstverst\u00e4ndlicher, weil es nicht projektiert, konstruiert und gemacht wurde, sondern von Natur aus gegeben und geschenkt ist.<\/p>\n<p>Alles, was uns nat\u00fcrlich gegeben ist und somit selbstverst\u00e4ndlich wird \u2013 wie das Sehen, das H\u00f6ren, und eben das Bewusstsein \u2013 teilt sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter in ein intellektuelles, rein rational-mentales, begriffliches Wissen. Der umfassendere Teil des Bewusstseins, in dem auch das Staunen angesiedelt ist, sickert \u00fcber einen Gew\u00f6hnungsprozess ins Unterbewusste. Das Unbewusste macht ohnehin den Gro\u00dfteil unserer Existenz aus. Nicht nur das Universum besteht zu zwei Dritteln aus sogenannter dunkler Materie und dunkler Energie \u2013 das sind Dimensionen, die weder dem Teleskop noch dem Mikroskop zug\u00e4nglich sind \u2013 sondern auch unser K\u00f6rper. Diese gewaltigen Leistungen \u2013 die etwa unser Herz, das t\u00e4glich ca. 10000 Liter Blut durch die Blutbahnen schickt und wieder einsaugt, oder das Gehirn mit seinen unz\u00e4hligen, gleichzeitigen Aktivit\u00e4ten auf kleinstem Raum, die auch die Nerven- und Muskelaktivit\u00e4ten koordinieren, vollbringen \u2013 w\u00fcrden jeden planenden, rationalen Ich-Verstand ma\u00dflos \u00fcberfordern, m\u00fcsste dieser das K\u00f6rpergeschehen organisieren. Gegen das, was in uns permanent an Atemprozessen, W\u00e4rmehaushalt, Druckausgleich und Verdauungsvorg\u00e4ngen geregelt wird, damit es einen einigerma\u00dfen ausbalancierten Zustand erm\u00f6glicht, den wir als Basis unseres Daseins erfahren, ist die Verkehrsplanung der Bundesbahn eine Marginalie. (Und wir erleben ja, wie schwierig das ist.) Die (unbewussten) nat\u00fcrlichen Prozesse, die unser Leben organisieren, arbeiten ohne unser bewusstes Zutun. Sie sind das Ergebnis Jahrmillionen alter Erfahrungen und intelligenter zielorientierter Bildeprozesse, die aus wenigen Grundelementen immer komplexere Organismen und Wesen erm\u00f6glichen. Und wieder hat es Goethe treffend zusammengefasst:<\/p>\n<blockquote><p><em>Je vollkommener das Gesch\u00f6pf wird, desto un\u00e4hnlicher werden seine Teile.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Wie die Lichtgeschwindigkeit die Grenze der Zeit ist, so ist das Ma\u00df die Grenze des Wachstums. Ab einer bestimmten Menge wird ein Mehr zum Verlust. Wer satt ist, kann nicht noch mehr essen, ohne dass das schadet. Was die Kraft der Grenzen (Doczi) nicht achtet, wuchert ins Ma\u00dflose und l\u00f6st geistbezogene Qualit\u00e4t in entgrenzte Masse auf, die letztlich die eigene Basis zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Dort wo sich die unbegrenzte Energie in der begrenzten und begrenzenden Materie \u00e4u\u00dfert, entstehen die vielf\u00e4ltigen Gestalten der Natur, in der sich \u2013 in harmonischen Proportionen \u2013 die Einheit in Sch\u00f6nheit offenbart. Sch\u00f6nheit ist das Erscheinen des Unendlichen in endlicher Gestalt. Dort hat auch die Kunst ihre Werkstatt.<\/p>\n<blockquote><p><em>Wenn du das Unsichtbare erkennen willst, musst du so tief als m\u00f6glich in das Sichtbare eindringen<\/em><\/p>\n<p>(Kabbala)<\/p><\/blockquote>\n<p>war das Motto des KUNST KLOSTER-Zeichen-Seminars in der Konferenzst\u00e4tte Bad M\u00fcnder, das im Zusammenhang mit einer Konferenz zur LEBENsKUNST stattfand.<\/p>\n<p>Die Instrumente f\u00fcr dieses Eindringen und Erkunden des Sichtbaren waren zun\u00e4chst ein schlichtes leeres Blatt und ein Bleistift.<\/p>\n<p>Beim Zeichnen der Natur m\u00fcssen die so selbstverst\u00e4ndlich scheinenden und begrifflich leicht zu erfassenden Dinge visuell \u00fcbersetzt werden. Solches Zeichnen kann kein geistloses Abzeichen sein, sondern wird die \u00dcbersetzung des Sichtbaren in einen Erkenntnisprozess. Dabei ver\u00e4ndern sich die Dinge. Vom Vorbild werden sie \u00fcber das Abbild zum Sinnbild, vom Sinnbild zum Symbol eines R\u00e4tsels, das sich hinter einer Spiegelmauer aus Deutung und Gew\u00f6hnung verbirgt und das mit uns in Kontakt treten kann. Denn die Natur h\u00e4lt Ausschau nach Augen, die sie sehen. Durch das Zeichnen werden die Gestalten der Natur wie eine visuelle Partitur, von einem genialen Sch\u00f6pfer geschrieben, erkannt. Die Hand erspielt und interpretiert dann mit einfachen bildnerischen Instrumenten, wie dem Bleistift, m\u00f6glichst werkgetreu, was dem Augensinn im Licht \u2013 unerh\u00f6rtes \u2013 begegnet.<\/p>\n<blockquote><p>Dann vergesse ich die alte dramatische Mimesis<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>-Diskussion \u00fcber Schein und Sein.<\/p>\n<p>Vergesse, dass alles nur Illusion und T\u00e4uschung sei und eitel und Haschen nach Wind.<\/p>\n<p>Vergesse, dass alles nur ein sinnloser Zufall w\u00e4re, der sich auf ein dutzend Teilchen reduzieren lasse, und alles andere unsere Deutung sei, weil wir es nicht ertr\u00fcgen, in einem zuf\u00e4lligen, gottlosen und sinnlosen Sein zu existieren.<\/p>\n<p>Vergesse, dass es in manchen Religionen f\u00fcr K\u00fcnstler, die sich ketzerisch ans Sch\u00f6pferische wagen, extra H\u00f6llen g\u00e4be.<\/p>\n<p>Vergesse, dass die moderne Kunst den Naturalismus l\u00e4ngst erfolgreich \u00fcberwunden hat.<\/p>\n<p>Vergesse, dass die Sch\u00f6nheit und die Natur missbraucht und zerzweckt werden f\u00fcr die uners\u00e4ttliche Gier egomanischer Interessen.<\/p>\n<p>Vergesse, dass sie zur Kulisse verniedlicht werden, um Bed\u00fcrfnisse f\u00fcr Produkte zu wecken, die niemand braucht &#8230;<\/p>\n<p>vergesse, vergesse, vergesse.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich sehe die g\u00f6ttliche Manifestation, das Unsichtbare im Sichtbaren und zeichne, was ich sehe. Nur das. Dabei geschieht von selbst: beseligende, n\u00e4hrende, sinnstiftende Freude. Gebet. Preisung. Dankbarkeit. Und dann ist da ein Sturz \u2026 ein Flug \u2013 hinaus ins Innerste.<\/p>\n<p>\u00dcber das teleskopgleiche Hineingehen in die Tiefe der Erscheinung und das mikroskopisch genaue Erkunden der Form, Farbe, Rhythmen und Strukturen der Gestalt dringt der forschende Sinn \u00fcber das Sichtbare zum Ursprung vor. Es \u00f6ffnet sich eine neue sch\u00f6pferische Wahrnehmung \u2013 von innen her. Sie erkennt die pure Lebendigkeit im ALL, in Allem, das ein vielgestaltiges Ganzes ist \u2013 und in einer wilden M\u00f6hre am Wegesrand den Kosmos offenbart.<\/p>\n<p>Wenn sich das menschliche Bewusstsein mit dem g\u00f6ttlichen Bewusstsein verbindet, geschieht eine Verschmelzung zwischen Zeit und ewiger Gegenwart. Jedoch nicht nur so, dass der zeitlich individuelle Tropfen sich dann \u2013 endlich erl\u00f6st vom karmischen Filz \u2013 selig im unendlichen Nirwana-Ozean aufl\u00f6st, sondern auch so, dass sich der gesamte Ozean in jedem individuellen Tropfen bewusst offenbart.<\/p>\n<blockquote>\n<hr \/>\n<\/blockquote>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Mimesis: nachahmende Darstellung der Natur im Bereich der Kunst<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":103091,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110062],"tags_english_":[],"class_list":["post-103090","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-art-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/103090","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/103091"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103090"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103090"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=103090"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=103090"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}