{"id":101709,"date":"2024-02-20T09:00:56","date_gmt":"2024-02-20T09:00:56","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=101709"},"modified":"2024-02-20T10:15:55","modified_gmt":"2024-02-20T10:15:55","slug":"auf-der-suche-nach-dem-goldenen-klang","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/auf-der-suche-nach-dem-goldenen-klang\/","title":{"rendered":"Auf der Suche nach dem \u201aGoldenen Klang&#8216;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Gral ist Licht und Klang &#8211; Klang des Lichtes und Licht des unh\u00f6rbaren Klanges des Ursprungs. Er ist der Ort, wo die Zeit zum Raum wird &#8230;<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong><em>&#8230; und wo es m\u00f6glich ist, mit dem \u201adritten Ohr\u2019 der Harmonie der Sph\u00e4ren zu lauschen.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>(Ein phonosophisches Fragment<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>)<\/p>\n<p>Die Suche nach dem Gral ist die Suche nach dem Herzen des Klanges, nach dem Klang der Leere: einem Klang aus unerschaffenem Licht: dem \u201aLicht-Klang\u2018, dem \u201aGoldenen Klang\u2018\u2026<\/p>\n<p>In einer Passage des 1. Aktes vom letzten Musikdrama Richard Wagners fragt Gurnemanz Parsifal, wer ihm den Bogen gab, mit dem er den Schwan t\u00f6tete. Parsifal antwortete, dass er den sich selbst schuf, um \u201evom Forst die wilden Adler zu verscheuchen\u201c. Darauf sagte Gurnemanz: \u201eDoch adelig scheinst du selbst und hochgeboren\u201c. Hier macht Wagner ein symboltr\u00e4chtiges Wortspiel, das zun\u00e4chst \u00fcbersehen werden k\u00f6nnte: Ein klangliches Verh\u00e4ltnis zwischen \u201aAdler\u2018 und \u201aadelig\u2018 wird hergestellt. Der Adler steht symbolisch f\u00fcr das K\u00f6nigliche und das Sonnenhafte; der Adler kann mit seinen Augen direkt in die Sonne, die Quelle des Lichtes, die Wahrheit schauen. Die Eule ist hingegen ein Nachtvogel, der Vogel von Athene, der G\u00f6ttin, die aus dem Kopf von Zeus geboren wird. Die Rationalit\u00e4t, das Gehirn, ist ein Instrument mit lunarer Qualit\u00e4t, ein Organ, das \u2013 wie der Mond \u2013 trotz seiner schillernden Funktionalit\u00e4t keine eigene W\u00e4rme ausstrahlt. Um lebendige Gedanken zu erzeugen, muss das Gehirn das Licht des Herzens widerspiegeln. Es ist kein Zufall, dass in verschiedenen mystischen Traditionen repetitive Gebets- und Meditationsformen zu finden sind: der Mantra-Yoga in den Vedas und bei den Hindus, der Dhikr bei den Sufis, die \u00dcbung des Nembutsu im Amitabha-Buddhismus. \u00dcber die Wiederholung von Formeln versucht man, den Kopf in Gleichtakt mit dem Herzen zu bringen, wodurch ein ununterbrochenes Bewusstsein der Gegenwart des G\u00f6ttlichen erreicht werden soll. Auch in der christlichen Tradition gibt es solche Praktiken: Man denke an die Litaneien, an das Rosenkranzgebet oder das \u201aJesusgebet\u2018 der Ostchristen, besonders im Hesychasmus<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Das \u201aJesusgebet\u2018, auch \u201aHerzensgebet\u2018 genannt, besteht in der stetigen Reiteration des Satzes \u039a\u03cd\u03c1\u03b9\u03b5 \u1f38\u03b7\u03c3\u03bf\u1fe6 \u03a7\u03c1\u03b9\u03c3\u03c4\u03ad, \u03a5\u1f31\u1f72 \u0398\u03b5\u03bf\u1fe6, \u1f10\u03bb\u03ad\u03b7\u03c3\u03cc\u03bd \u03bc\u03b5 \u03c4\u1f78\u03bd \u1f00\u03bc\u03b1\u03c1\u03c4\u03c9\u03bb\u03cc\u03bd (griech.: Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner), im Rhythmus des Atems.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>In seiner Autobiographie erz\u00e4hlt Carl Gustav Jung von der Begegnung mit Ochwi\u00e4 Biano (\u201aGebirgs-See\u2018), dem spirituellen H\u00e4uptling der Taos pueblos, w\u00e4hrend seiner Amerikareise im Jahr 1924. Ochwi\u00e4 Biano sagte ihm: \u201eSieh\u2018, wie grausam die Wei\u00dfen aussehen. Ihre Lippen sind d\u00fcnn, ihre Nasen spitz, ihre Gesichter sind von Falten gefurcht und verzerrt, ihre Augen haben einen starren Blick, sie suchen immer etwas. Was suchen sie? Die Wei\u00dfen wollen immer etwas, sie sind immer unruhig und rastlos. Wir wissen nicht, was sie wollen. Wir verstehen sie nicht. Wir glauben, dass sie verr\u00fcckt sind\u201c. Jung fragte ihn, warum er so etwas behauptete. Und der Indianer entgegnete: \u201eSie sagen, dass sie mit dem Kopf denken. [\u2026] Wir denken hier\u201c, sagte er, indem er auf sein Herz deutete. Jung versank \u201ein langes Nachsinnen\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>\u2026<\/p>\n<p>Die Gralsgeschichten spielten f\u00fcr Carl Gustav Jung von Jugend an eine gro\u00dfe Rolle. Er las sie zum ersten Male, als er f\u00fcnfzehn Jahre alt war. Der starke Eindruck dieser Lekt\u00fcre sollte ihn nie mehr loslassen. In seinen sp\u00e4ten Jahren gab er zu, dass nur die R\u00fccksicht auf die Arbeit seiner Frau Emma \u2013 die die Erforschung dieses Themas als ihre Lebensaufgabe ansah \u2013 ihn daran gehindert habe, die Gralssage in seine Untersuchung der Alchemie einzubeziehen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Das Buch von Emma Jung, Die Gralslegende in psychologischer Sicht, konnte dank der Arbeit von Marie-Louise von Franz posthum erg\u00e4nzt und ver\u00f6ffentlicht werden.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Parsifal, adelig wie ein Adler, ist ein Sonnenheld. Seine Geschichte ist ein initiatischer Weg, eine graduelle Wiederfindung des verborgenen Sinnes der Dinge, des Selbst.<\/p>\n<p>Parsifal t\u00f6tet den Schwan. In ihm ist der Drang zum T\u00f6ten nichts \u201aB\u00f6ses\u2018, sondern ein animalisch-ludischer (verspielter) Instinkt. So handeln beispielsweise Katzen und andere Raubtiere: Sie greifen an, was sich bewegt. Parsifal hat keine Scheu, sofort seine Tat zuzugeben, als Gurnemanz ihn fragt, ob er es gewesen ist, der den heiligen Schwan erlegt hat: \u201eGewiss! Im Flug treff\u2018 ich, was fliegt!\u201c, sagt er stolz mit jugendlichem Ungest\u00fcm. Aber dann, mit einer Reihe von bedr\u00e4ngenden Fragen, setzt Gurnemanz einen Selbsterkenntnisprozess in Gang: Gnoti seauton. Als der Blick des sterbenden Schwanes Parsifal trifft, wird er davon so ergriffen, dass er seinen Bogen zerbricht und die Pfeile von sich wegschleudert. Und als sp\u00e4ter Gurnemanz, nachdem er ihm das heilige Mahl der Gralsritter und den leidenden Amfortas gezeigt hatte, ihn fragt: \u201eWei\u00dft du, was du sahst?\u201c, schweigt Parsifal und \u201efasst sich krampfhaft nach dem Herzen und sch\u00fcttelt dann ein wenig sein Haupt\u201c. Das Herz ist wie eine Vase, ein Athanor, ein alchemistischer Ofen, in dem das \u201aMagnum Opus\u2018 sich vollbringt: Das Leid wird in Gold transmutiert, in auszustrahlende Liebe.<\/p>\n<p>Die Erkenntnis ereignet sich durch die Erfahrung \u2013 erst des Leidens, dann des Eros (durch die duftenden \u201aBlumen-M\u00e4dchen\u2018 und Kundry, die versucht, die Rolle seiner Mutter Herzeleide einzunehmen). Im Blick des sterbenden Schwanes bekommt Parsifal eine Vorahnung des kosmischen Leides, in das \u2013 der buddhistischen Auffassung nach \u2013 alle Wesen impliziert sind. Die erotische Erfahrung ist ebenfalls etwas Tragisches, etwas Tragisch-Dionysisches. Lust und Schmerz sind vermischt. Die Vereinigung des M\u00e4nnlichen und des Weiblichen: ein Mysterium Tremendum.<\/p>\n<p>Zentral im Wagners \u201aB\u00fchnenweihfestspiel\u2018 ist der Begriff \u201aMitleid\u2018 (im Sinne Schopenhauers, nach dem nur das Mitleid es vermag, den Egoismus zu \u00fcberwinden und sich mit einem anderen Wesen zu identifizieren). Parsifal ist der \u201areine Tor\u2018: Er ist gewiss ein Tor, aber seine Torheit ist (auch) Reinheit des Herzens. Die letzte Wirklichkeit kann lediglich von den Schuldlosen oder von denjenigen, die in sich die Leere (kenosis) geschaffen haben und kultivieren, wahrgenommen werden. Am Ende des Individuationsprozesses ist Parsifal \u201adurch Mitleid wissend\u2018.<\/p>\n<p>Wagners Parsifal ist ein liturgisches Spiel, ein Drama der Erkenntnis par excellence. Der Wagnersche Klang, namentlich im Sp\u00e4twerk, ist m\u00e4chtig, verf\u00fchrerisch, eroto-magisch. Er hat die F\u00e4higkeit, sich in die Psyche auf z\u00e4rtlich-giftige Weise tief einzuschleichen. Die Kraft dieser Musik ist mit keiner anderen vergleichbar. Wagners Klangkunst hat die Gabe der Transmutation.<\/p>\n<p>Das Ziel der Kunst, wenn es eines gibt, ist die Metamorphose, die innere Transformation. Und diese bedingt auch die \u00e4u\u00dfere Verwandlung: andere Himmel, andere Erden \u2026 Mit Wagner wird die Parsifal-Geschichte und damit die Gralssage ein Drama der \u201aErkenntnis durch den Klang\u2018 (phonosophia). Wer sich diesem Werk ernsthaft widmet, wird wahrscheinlich ersch\u00fcttert sein und dazu gezwungen, sich psychophysisch neu zu gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Auf meinen phonosophischen Weg wurde ich unter anderen von zwei Pers\u00f6nlichkeiten gef\u00fchrt, deren Namen die Anfangsbuchstaben G und S tragen. Der erste ist Giuseppe Sinopoli (1947-2001); der zweite hei\u00dft Giacinto Scelsi (1905-1988). Beide sind in Rom, im Cimitero del Verano, beerdigt. Beide erkannten die Musik als \u201aGro\u00dfen Weg\u2018, als Weg zur metaphysischen Erkenntnis: als etwas zugleich Spirituelles und Sinnliches, Expressivit\u00e4t und Gnosis; ephemer und verg\u00e4nglich, verk\u00f6rpert die Musik eine m\u00e4chtige Ambiguit\u00e4t. Bereits in der Antike hat man die Macht der Musik und generell des Klanges erkannt. Man denke an Orpheus, an Amphion, an die Mauern von Jericho, an Arion, an Pythagoras, an die Ethos-Lehre von Damon, die auch bei Plato eine entscheidende Rolle spielt (siehe seine Dialoge Politeia und Nomoi), an die Affektenlehre des Barocks, an die romantische Musikphilosophie \u2026 bis hin zur Kymatik von Hans Jenny. Zweifellos k\u00f6nnen die T\u00f6ne eine Wirkung nicht nur auf den Geisteszustand von Menschen und Tieren, sondern auch auf die sogenannte \u201atote Materie\u2018 aus\u00fcben: sie k\u00f6nnen Steine versetzen, kleine Partikel tanzen lassen und Formen erzeugen \u2026 Die Musik hat letztendlich die F\u00e4higkeit, das Herz zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Was ist aber das Herz? Rein anatomisch ein Organ, das Blut durch den ganzen K\u00f6rper flie\u00dfen l\u00e4sst; es wird traditionell auch gesehen als Ort des F\u00fchlens, des Gem\u00fcts, der Emotionen. Das Herz ist aber viel mehr: Es ist ein Wahrnehmungsorgan. Herz bedeutet nicht einfach \u201ag\u00fctige Gef\u00fchle\u2018. Es handelt sich eher um einen Raum, einen kosmischen Resonanzraum: eine \u201aH\u00f6hle\u2019, ein Ort, in dem \u2013 um es mit den alten Indern zu sagen \u2013 Atman und Brahman sich treffen. Hier, an diesem verborgenen Punkt, im Kleinsten, in einem \u201aSenfkorn\u2019, wird aller Weltraum erzeugt. Das Selbst (Atman), im Herzen verborgen, ist das unsichtbare Geflecht, in das hinein der Raum verwoben ist. Im Inneren des Herzens sind eine Flamme und ein Klang. Klang als meditierendes Feuer \u2026 (das Seinsgef\u00fchl). \u201eWir tr\u00e4umen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht. \u2013 Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft\u201c (Novalis, Bl\u00fcthenstaub, 16. Fragment). Die Intuitionen des jungen Friedrich von Hardenberg (Novalis) sind \u2013 wegen ihrer Abgr\u00fcndigkeit \u2013 mit denen der vedischen Menschen vergleichbar.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Es gibt einen besonderen Terminus, der nicht in den Veden und auch nicht in den Upanishaden zu finden ist, sondern in den tantrischen Schriften: an\u00e2hata\u201b. Er weist auf den unh\u00f6rbaren Ur-Klang hin, den die Vedantiker \u201aBrahman nirguna\u201b nannten. In tantrischen Texten, beginnend mit Abhinavaguptas Tantraloka, erscheint der Begriff \u201aan\u00e2hata\u201b zu ersten Mal (\u201aungeschlagener\u201b, metaphysischer Klang \u2013 ohne Ursache) als Gegensatz zu \u201a\u00e2hata\u201b (\u201ageschlagener\u201b, also materieller, h\u00f6rbarer Klang).<\/p>\n<p>Interessanterweise ist \u201aan\u00e2hata\u201b ebenfalls der Name, mit dem man in der Yoga-Tradition das \u201aHerzchakra\u2018 bezeichnet: dort, im okkulten Herzensraum, manifestiert sich die Urschwingung \u2013 als Atman.<\/p>\n<p>Diesen Begriffen steht nicht nur Jean-Claude Eloy nahe (ein K\u00fcnstler, der mich sehr inspiriert hat und dem ich mein Buch Musica Cosmogonica gewidmet habe \u2013 nicht zuletzt, weil ein Werk von ihm An\u00e2hata hei\u00dft \u2026), sondern auch der bereits erw\u00e4hnte Giacinto Scelsi. Der Titel eines seiner Jugendwerke, Chemin du c\u0153ur, antizipiert seinen sp\u00e4teren Weg als Komponist. Aber Scelsi verstand sich eigentlich nicht als \u201aKomponist\u2018, sondern als einfacher \u201aPostbote\u2018 des Jenseits.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Bekannt ist er f\u00fcr seine \u201amusica su una sola nota\u2018 (Musik \u00fcber eine einzelne Note). Mit ihr versuchte er, statt zu \u201akomponieren\u2018 (cum-ponere: T\u00f6ne zusammensetzen), das Herz des Klanges zu erreichen, um die in ihm enthaltene kosmogonische Energie zu manifestieren. Mit seiner Musik machte Giacinto Scelsi Reisen in die Mitte des Klanges.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Scelsi erz\u00e4hlte gern Zen-Geschichten. Eine seiner Lieblingsgeschichten war die von der Laus: Ein junger Mann w\u00fcnschte sich, Bogenschie\u00dfen zu lernen, und so ging er zu einem Meister. Der Meister sagte ihm: \u201eJa, ich kann dir das Bogenschie\u00dfen beibringen, aber zuallererst sollst du lernen, das Herz einer Laus zu sehen\u201c. \u201eWie bitte?\u201c, fragte der junge Mann, \u201edas Herz einer Laus? Wie ist das m\u00f6glich?\u201c \u201eEs ist sehr einfach\u201c, antwortete der Meister, \u201edu brauchst nur zwei St\u00f6cke in die Erde zu stecken und zwischen ihnen eine Schnur zu spannen. Dann setzt du eine Laus auf die Schnur und legst dich auf den Boden und betrachtest sie, wie sie hin- und herspringt\u201c. \u201eAber wie lange soll ich das tun?\u201c, fragte der junge Mann. \u201eEine sehr lange Zeit \u2026\u201c, erwiderte der Meister. Der junge Mann tat gehorsam, was der Meister von ihm verlangte: Er betrachtete aufmerksam die Laus, die allm\u00e4hlich in seiner Wahrnehmung immer gr\u00f6\u00dfer wurde. Nach langer Beobachtung sah er unversehens etwas, das pulsierte: den Herzschlag der Laus.<\/p>\n<p>F\u00fcr Scelsi war diese Geschichte vielsagend im Zusammenhang mit seiner Erfahrung mit dem Klang. Wenn man f\u00fcr lange Zeit aufmerksam auf einen einzigen Ton h\u00f6rt, beginnt dieser zu wachsen und immer gr\u00f6\u00dfer zu werden. Der H\u00f6rer beginnt, sich von ihm als einem \u201arunden Klang\u2019 umh\u00fcllt zu f\u00fchlen und entdeckt, dass der einzelne Ton ein ganzer Kosmos sein kann, der voll von Melodien, Rhythmen, Harmonien, Farben, Polyphonien und Abgr\u00fcnden ist. Nur derjenige, der das Herz des Klanges erreicht, ist ein wahrer Musiker, meinte Scelsi; sonst ist man nur ein guter Handwerker, aber kein K\u00fcnstler. Dies erinnert an einen Satz des Heiligen Franz von Assisi: \u201eWer mit seinen H\u00e4nden arbeitet, ist ein Arbeiter. Der, der mit seinen H\u00e4nden und mit seinem Kopf arbeitet, ist ein Handwerker. Derjenige aber, der mit seinen H\u00e4nden, seinem Kopf und seinem Herzen arbeitet, ist ein K\u00fcnstler\u201c.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Giacinto Scelsi war davon \u00fcberzeugt, seit Jahrtausenden \u2013 im Laufe verschiedener Reinkarnationen \u2013 von einer Palme begleitet zu werden. Von seiner Wohnung in Rom in der Via di San Teodoro 8 aus, direkt am Forum Romanum, sah er diese wahlverwandte Palme, und er pflegte sie in t\u00e4glicher Meditation lange Zeit konzentriert zu beobachten. Die Palme, die wie der Adler ein Sonnensymbol ist, kann auch als Abbild des Klanges angesehen werden. Von ihrer Mitte, die eine Art Grundton darstellt, gehen die Zweige mit den Bl\u00e4ttern aus, die mit den Obert\u00f6nen vergleichbar sind: Sie bewegen sich, wenn der Wind weht.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche \u00dcberlegungen sind auch im Fall der Struktur einer Sonnenblume mit ihren gegenl\u00e4ufigen Spiralen, die sich durchdringen, m\u00f6glich. Alexander Lauterwasser, der die Arbeit von Hans Jenny im Bereich der Kymatik fortf\u00fchrte, konnte durch seine tiefgr\u00fcndige Auseinandersetzung mit den Klangfiguren im Wasser anregende \u00dcberlegungen \u00fcber die Morphogenese, das Geheimnis der Geburt der Form, entwickeln: Man kann \u201edie linksdrehenden und l\u00e4ngeren Spiralarme in Zusammenhang bringen mit einer von au\u00dfen nach innen gehenden Bewegung und die rechtsdrehenden k\u00fcrzeren mit einer von innen nach au\u00dfen gehenden, vergleichbar den Atembewegungen, oder der Systole und Diastole des pulsierenden Herzens. Bei genauerer Betrachtung wird man nun unweigerlich erkennen, dass sich die einzelnen Sonnenblumenkerne genau an den Stellen befinden, wo sich diese beiden polaren Bewegungen durchdringen und \u00fcberlagern. Wenn man nun bedenkt, was eigentlich ein Samenkorn darstellt \u2013 n\u00e4mlich die M\u00f6glichkeit f\u00fcr zuk\u00fcnftige Lebendigkeit \u2013, dann offenbart sich einem eines der vielleicht tiefgr\u00fcndigsten Geheimnisse des Lebendigen: Nur da, wo es gelingt, diese zwei Urgesten \u2013 von innen nach au\u00dfen und von au\u00dfen nach innen \u2013 zu integrieren und zu harmonisieren, nur dort kann in der Welt etwas Neues, ein Zukunftsimpuls Raum finden, ankommen, beginnen, sich zu verk\u00f6rpern und zu entfalten [\u2026]\u201c. Und Lauterwasser f\u00e4hrt fort: \u201eSollte die Wirbelgestalt des Herzens vielleicht eine Chiffre daf\u00fcr sein, dass das Herz neben seiner Aufgabe der Rhythmisierung des gesamten Blutkreises eine Art Wahrnehmungsorgan darstellt? Aber wof\u00fcr?<\/p>\n<p>Schon im Embryo sind genau in der Region, wo sich sp\u00e4ter das Herz ausbildet, pulsierende Schwingungen t\u00e4tig: an jenem, bereits von Aristoteles beschriebenen \u201aspringenden Punkt\u2018. Das bedeutet zugleich, dass der Pulsschlag lange vor dem als mechanisches \u201aPumporgan\u2018 vorgestellten Herzen da ist und seine Wirksamkeit entfaltet\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>.<\/p>\n<p>Erst der Puls, dann das leibliche Organ.<\/p>\n<p>Der Herzschlag entspricht den Bewegungen von Kontraktion und Expansion des Universums. Der Pulsschlag ist das Urzeichen des menschlichen Lebens. Als F\u00f6tus h\u00f6rt man f\u00fcr neun Monaten lang die kontinuierliche und laute Pulsation des m\u00fctterlichen Herzens. In diesem Sinne ist der Rhythmus das urt\u00fcmlichste Element, das archaischste Element der Musik. Der Pulsschlag geht weiter, bis zum Augenblick des Todes.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>\u201eWer ist der Gral?\u201c, fragt Parsifal. Gurnemanz antwortet: \u201eDas sagt sich nicht\u201c. Gleichungen, die als Ann\u00e4herungen gelten k\u00f6nnen:<\/p>\n<p>Gral = Selbst = Tao = Leere = Sein.<\/p>\n<p>Gral als Mitte der Welt oder Mitte des Seins, von dem alle Dinge sub specie aeternitatis, jenseits vom principium individuationis, erfahren werden k\u00f6nnen. Die Mitte ist jedoch \u00fcberall, wie unter anderen Giordano Bruno und Friedrich Nietzsche sagen \u2026 In unserem Herz tragen wir sie mit uns. Das Herz ist das Zentrum unseres Seins. Der Gral ist ein Herzsymbol, ein Symbol f\u00fcr das ungeborene Licht und den unerschaffenen Klang.<\/p>\n<p>Gral als Licht und Klang. Als Klang des Lichtes und als Licht des unh\u00f6rbaren Klanges des Ursprungs. Der Gral ist der Ort, wo die Transzendenz in der Immanenz erfahren werden kann; der Ort, wo die Zeit zum Raum wird und wo es m\u00f6glich ist, mit dem \u201adritten Ohr\u2019 der Harmonie der Sph\u00e4ren zu lauschen.<\/p>\n<p>Die Suche nach dem Gral ist die Suche nach dem Herzen des Klanges, nach dem Klang der Leere: einem Klang aus unerschaffenem Licht: dem \u201aLicht-Klang\u2018, dem \u201aGoldenen Klang\u2018\u2026<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Phonosophie: Erkenntnis durch Klang<br \/>\n<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Eine Form von Spiritualit\u00e4t, die im Mittelalter von orthodoxen byzantinischen M\u00f6nchen entwickelt wurde. Der Begriff ist von dem griechischen Wort hesychia (\u1f21\u03c3\u03c5\u03c7\u03af\u03b1 h\u0113sych\u00eda) abgeleitet, das \u201aRuhe\u2019 oder \u201aStille\u2019 bedeutet. Mit hesychia verbinden sich die Vorstellungen von Gelassenheit und innerem Frieden. Hesychasten machen die Erlangung und Bewahrung solcher Ruhe zum Ziel intensiver systematischer Bem\u00fchungen.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. Carl Gustav Jung, Erinnerungen, Tr\u00e4ume, Gedanken, aufgezeichnet und hrsg. von Aniela Jaff\u00e9, Walter Verlag: Z\u00fcrich und D\u00fcsseldorf 1971, S. 251.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Siehe ebenda, S. 218 f.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> = Studien aus dem C. G. Jung-Institut, Band XII, Rascher Verlag: Z\u00fcrich und Stuttgart 1960.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. Giacinto Scelsi, Der Traum 101, in: ders., Die Magie des Klanges. Gesammelte Schriften, Bd. 1, hrsg. von Friedrich Jaecker, K\u00f6ln 2013, S. 32.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Alexander Lauterwasser, Schwingung Resonanz Leben, AT Verlag: Aarau und M\u00fcnchen 2015, S. 127f.<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":101840,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[111042,111043],"tags_english_":[],"class_list":["post-101709","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-science-de-2","category_-wissenschaft"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/101709","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/101840"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=101709"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=101709"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=101709"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=101709"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}