{"id":100317,"date":"2023-11-14T09:00:12","date_gmt":"2023-11-14T09:00:12","guid":{"rendered":"https:\/\/logon.media\/?post_type=logon_article&#038;p=100317"},"modified":"2025-04-07T15:43:45","modified_gmt":"2025-04-07T15:43:45","slug":"das-feuer-des-prometheus-und-sein-sonnenhafter-ursprung","status":"publish","type":"logon_article","link":"https:\/\/logon.media\/de\/logon_article\/das-feuer-des-prometheus-und-sein-sonnenhafter-ursprung\/","title":{"rendered":"Das Feuer des Prometheus und sein sonnenhafter Ursprung"},"content":{"rendered":"<p><em>Das Feuer des Prometheus lodert im Menschen, treibt ihn voran, macht ihn zu einem rastlosen Wesen.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe title=\"Spotify Embed: Das Feuer des Prometheus und sein sonnenhafter Ursprung\" style=\"border-radius: 12px\" width=\"100%\" height=\"152\" frameborder=\"0\" allowfullscreen allow=\"autoplay; clipboard-write; encrypted-media; fullscreen; picture-in-picture\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/open.spotify.com\/embed\/episode\/02Qw1dsCe9b8DjsJT5fIWn?si=GdO9rK2MS5GOJyzaGWJKoA&amp;utm_source=oembed\"><\/iframe><\/p>\n<p>Doch in all seiner Aktivit\u00e4t verliert er den Blick f\u00fcr die \u201eLichtung\u201c, das Offene, den Urraum, in dem alles Leben und alle Aktivit\u00e4t stattfinden. Deshalb gilt es, innezuhalten, sich Zeit zu lassen, sich Raum zu geben, beiseitezutreten, damit das Herz weit werden und sich auf das Offene einlassen kann.<\/p>\n<p>Wer dem Ursprung des Feuers in den Mythen nachforscht, der landet unweigerlich bei dem ber\u00fchmten griechischen Titan Prometheus, der durch seine k\u00fchne Tat das himmlische Feuer zu den Menschen auf die Erde brachte. Mehrere Erz\u00e4hlungen berichten davon, woher Prometheus das Feuer nahm. In einer stahl er die Flamme aus der Werkstatt des Hephaistos, in einer anderen raubte er sie vom Herdfeuer des G\u00f6tterpalastes auf dem Olymp und in einer dritten entz\u00fcndete er seine Fackel gar direkt an der Sonne.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Da sich Prometheus beim Feuerraub \u00fcber ein Verbot des Zeus hinweggesetzt hatte, wurde er f\u00fcr seine Tat schwer bestraft. Wie einen Gekreuzigten schmiedete Hephaistos ihn mit Ketten an einem Berggipfel des Kaukasus fest. Dort, in der lebensfeindlichsten Umgebung, musste er lange Zeit in rauer Einsamkeit unbeweglich ausharren. Doch damit nicht genug des Martyriums. Prometheus wurde auch noch jeden Tag von einem Adler angegriffen, der sich mit seinem messerscharfen Schnabel in die Leber des Titanen fra\u00df. Der Teil der Leber, den der Adler am Tage verzehrt hatte, wuchs nachts immer nach, so dass sich die Qualen an jedem neuen Tag wiederholten. Sein Leidensweg fand erst durch Herakles Erl\u00f6sung, der den Adler erlegte und Prometheus schlie\u00dflich vom Felsen befreite. Fortan trug er als Mahnmal einen Ring am Finger, in den ein Stein des Berges eingefasst war, an dem er so lange gelitten hatte.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<h4>Der titanische Rebell<\/h4>\n<p>Kaum eine mythologische Gestalt der Antike wurde von den sp\u00e4teren Dichtern und Denkern gl\u00fchender verehrt. Egal ob Goethe, Herder, Schlegel oder Nietzsche, Bloch und Marx, alle ergreifen sie Partei f\u00fcr Prometheus und stilisieren ihn zum gr\u00f6\u00dften M\u00e4rtyrer und Heilsbringer. Ja, es entsteht geradezu der Eindruck, als w\u00e4re es \u201edie Revolte gegen die G\u00f6tter, die den Menschen erst zum Menschen macht&#8220; <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>. H\u00e4tte sich der titanische Rebell nicht durch seinen Frevel \u00fcber das Gebot des Zeus erhoben, w\u00e4ren wir noch heute uninspiriert, ohne k\u00fcnstlerische Gaben, ohne Kultur, ohne Handwerke, ohne Wissenschaften, ohne intellektuelle Verstandeskr\u00e4fte. So zumindest hat es den Anschein. Doch es gibt einen verschleierten Schatten der Prometheus-Tat, der uns bisher noch nicht denkw\u00fcrdig geworden ist. Ganz gleich, wie einhellig die Meinungen \u00fcber Prometheus auch sein m\u00f6gen, wir sollten uns davor h\u00fcten, den Mythos fortan nur noch durch die Brille der bekannten Interpretationsans\u00e4tze zu betrachten, die uns allesamt nur mit einer Halbwahrheit konfrontieren. Es kann zwar kein Zweifel bestehen, dass Prometheus ein echter Menschenfreund ist und unser tiefes Mitgef\u00fchl verdient. Welche Konsequenzen sich jedoch durch seine Gaben f\u00fcr das Leben, Leiden und Erkennen des Menschen ergeben, kann nur deutlich werden, wenn wir die Bilder des Mythos voraussetzungslos befragen.<\/p>\n<p>Wie Hesiod in seiner Theogonie berichtet, fand einst in Mekone eine Versammlung zwischen G\u00f6ttern und Sterblichen statt, eine Art Ur-Opfer, als ma\u00dfgebliches Vorbild f\u00fcr alle zuk\u00fcnftigen Opfergaben.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Es war ein feierliches Schiedsgericht, das bezeugen sollte, in welchem Verh\u00e4ltnis die Menschen zu den G\u00f6ttern standen und auch in Zukunft stehen w\u00fcrden. Bei diesem Opferfest trat Prometheus als Stellvertreter der Menschheit auf und opferte einen Stier, wobei er listig den gr\u00f6\u00dferen Teil mit den guten Fleischst\u00fccken den Menschen zuschanzen wollte. Die G\u00f6tter hingegen versuchte er mit den ungenie\u00dfbaren Resten abzuspeisen, die zwar auf den ersten Blick gr\u00f6\u00dfer und pr\u00e4chtiger wirkten, aber in Wahrheit nur aus Haut und Knochen bestanden. Prometheus war nicht an einer gerechten Aufteilung interessiert, geschweige denn an einem gro\u00dfz\u00fcgigen Dankesopfer. Im Gegenteil, er stellte sich unmissverst\u00e4ndlich auf die Seite der Menschen und beanspruchte den besten Teil f\u00fcr seine Sch\u00fctzlinge. Zeus durchschaute jedoch den Opferbetrug und \u00fcberlegte, wie er f\u00fcr die Freveltat Rache nehmen konnte. Zornig beschloss er, das Feuer zur\u00fcckzuhalten, damit die Menschen es nie entz\u00fcnden w\u00fcrden. Wobei nirgends gesagt ist, dass Zeus seit jeher vorhatte, den Menschen das Feuer zu verwehren und sie auf ewig in ein unbewusstes Dunkel zu h\u00fcllen. Er trifft seinen Entschluss erst aufgrund des verweigerten Opfers. Prometheus h\u00e4tte gar nicht zum heldenhaften Feuerbringer werden k\u00f6nnen, wenn er nicht zuvor durch den Opferbetrug den Ansto\u00df f\u00fcr die fortw\u00e4hrende Verbergung des Feuers gegeben h\u00e4tte. An den Handlungen des Prometheus entz\u00fcndet sich ein doppelb\u00f6diges Spiel. Als Reaktion auf seine Tat wird den Menschen das Feuer \u00fcberhaupt erst verwehrt, nur um dann ausgerechnet durch ihn selbst doch schlie\u00dflich zu den Erdbewohnern gebracht zu werden. Wir haben es mit einem sonderbaren Paradoxon zu tun, dessen Doppelantlitz uns den Schl\u00fcssel zur Deutung in die Hand gibt. Alles im Prometheus-Mythos zerf\u00e4llt in eine widerspr\u00fcchliche Zweiheit: Erhellendes und Verdunkelndes, Anwesendes und Abwesendes, Entborgenes und Verbergendes, Geschenktes und Verweigertes.<\/p>\n<h4>Der himmlische Herkunftsort des Feuers<\/h4>\n<p>Prometheus entbirgt das Feuer f\u00fcr die Menschen, aber zugleich verbirgt das Feuer auch etwas. Das Feuer verh\u00fcllt seinen eigenen Urquell, den himmlischen Herkunftsort, die Sonne. Indem der sonnenhafte Ursprung des Feuers in Vergessenheit ger\u00e4t, schwindet auch das Gedenken an die G\u00f6tter. Und ohne das Gedenken erlischt ebenso das Bedanken. Und in dem Ma\u00dfe, in dem die Dankbarkeit abnimmt, steigt auch der Machtanspruch. In der Folge bleiben schlie\u00dflich die Opfergaben aus. Die Menschen teilen alles nur noch selbstherrlich unter sich auf, ohne die Sonnen-Herkunft ihrer Gaben zu erkennen, geschweige denn zu w\u00fcrdigen. Wobei \u201eOpfergabe&#8220; in diesem Sinne kein blutiges Schlachtopfer meint, sondern \u201eOpfer&#8220; bedeutet, gem\u00e4\u00df der Etymologie des Wortes: ein Werk (lat. opus\/opera) darbringen (lat. offerre) <a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>. \u00a0Das ist eben das Entscheidende, dass der Mensch, der mit der Macht des Feuers begabt ist, die Werke, die er damit erschafft und die Erkenntnisfr\u00fcchte, die er dadurch erringt, nicht f\u00fcr die eigenen Zwecke missbraucht, sondern in all seinem Tun mit bedenkt, wie seine Errungenschaften der ganzen Sch\u00f6pfung dienen k\u00f6nnen. Doch der ungefesselte Prometheus verweigert das Opfer. Analog dazu beginnt der von seinen eigenen F\u00e4higkeiten berauschte Mensch, die Natur auszubeuten und mit ihr auch seine Schwestern und Br\u00fcder. Begierig verlangen die Menschen nach dem Feuer der hemmungslosen Selbsterm\u00e4chtigung, verweigern aber das gesunde Ma\u00df und seinen sorgf\u00e4ltigen Einsatz.<\/p>\n<p>Das ist die Gefahr, die sich aufdr\u00e4ngt, wenn wir den Mythos recht bedenken und zugleich die Aufgabe, die sich im Zeichen des Feuers stellt. Und das ist schlie\u00dflich auch der Grund, warum Prometheus im Auftrag des Zeus an den Felsen geschmiedet werden muss. Die Qual, die Prometheus zu erdulden hat, wirkt ungerecht und emp\u00f6rend. W\u00fcrden wir sie aber nicht als herrische Strafma\u00dfnahme moralisch verurteilen, sondern als tiefes Sinnbild verstehen, k\u00f6nnte von ihr ein dringender Weckruf ausgehen. Die Fesselung an den Kaukasus ist ein notwendiges Ma\u00df f\u00fcr den prometheischen Geist, der sich ohne die Begrenzung ins Uferlose ausbreiten und alles in ein verh\u00e4ngnisvolles Vergessen tauchen w\u00fcrde. Das Vergessen ist zun\u00e4chst gewiss notwendig und unvermeidbar. Prometheus r\u00fchmt sich denn auch in der Trag\u00f6die des Aischylos damit, den Menschen den Blick \u201ein ihr Schicksal&#8220; geschlossen und ihnen stattdessen die &#8222;blinde Hoffnung&#8220; eingepflanzt zu haben.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>\u00a0 Dass die Menschen ihr Geschick nicht im Voraus kennen, dass ihnen die Stunde ihres Todes unbekannt ist, all das mag ein hoffnungsvoller Trost sein, welcher das Erblinden als Geschenk erscheinen l\u00e4sst. Es kann jedoch nicht geleugnet werden, dass die Linderung, die die Menschen durch den geschlossenen Schicksalsblick erfahren, einen m\u00e4chtigen Schatten wirft, der im Verborgenen auf seine Erhellung harrt. Der aufrichtige Wahrheitsblick in die Schicksalszusammenh\u00e4nge, in die Seelentiefen, in die Schattenabgr\u00fcnde, in die Urspr\u00fcnge, all das darf nicht auf ewig verschlossen bleiben. Daher will Zeus durch die Fesselung ein Wieder-Erinnern vorbereiten, das aufgeht in einem beherzten Fragen, einem lauschenden Innehalten, einer gereinigten Wahrnehmung, einer besonnenen Denkkraft, einer hingebungsvollen Opferbereitschaft.<\/p>\n<h4>Urbild des rastlosen Menschen<\/h4>\n<p>Der Name Prometheus bedeutet \u00fcbersetzt: \u201eder Vorausdenkende&#8220;. Hier zeigt sich der blinde Fleck des Titanen, da er als Immer-nur-Voraus-Denkender nie inneh\u00e4lt, um \u00fcber die Wirkung seiner Taten zu reflektieren. Prometheus wird so zum Urbild des getriebenen und rastlosen Menschen, der sinnigerweise den Sonn(en)tag vergisst, den 7. Sch\u00f6pfungstag, an dem Gott ruhte. Prometheus (bevor er der einsichtig gewandelte Titan wird) ruht nie aus freiem Willen, er bleibt unerm\u00fcdlich seinem Schaffensdrang ausgeliefert. Ohne Begrenzung w\u00fcrde er wie im Rausch von Tat zu Tat hetzen, von Idee zu Idee, von Gedanke zu Gedanke. Deshalb kann er erst dann durch die Heldentat des Herakles vom Felsen gel\u00f6st werden, wenn er das apollinische Ma\u00df verinnerlicht hat und sein Feuer sich nicht l\u00e4nger der Sonne verdunkelnd in den Weg stellt. In diesem Sinne ist der Adler zu verstehen, der Prometheus jeden Tag aufs Neue schmerzlich an der Leber nagt. Es ist die unerkannte, aush\u00f6hlende Aggression seines eigenen ungez\u00fcgelten Gedankenfluges, die das Entgiftungsorgan bef\u00e4llt. Da die Leber im Altertum als Sitz der Lebenskraft galt, gemahnt un s der Adler auch daran, wie das ma\u00dflose Feuer im Begriff ist, die kostbaren Lebenskr\u00e4fte zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Prometheus will alles mittels des Feuers ausleuchten und bew\u00e4ltigen und bemerkt gar nicht, was der destruktive Schatten dabei anrichtet. Daher ruft auch sein F\u00fcrsprecher Okeanos ihm zu: \u201eErkenn&#8216; dich selbst; gestalte neu zu neuer Art dich um&#8220; <a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>. Prometheus erkennt sich erst wahrhaft, wenn er den Schatten des Feuers (der ihn in Gestalt des Adlers anfliegt) mit bedenkt und dadurch sein eigenes Wesen wandelt. Das \u201eErkenne dich selbst&#8220; wird erst durch die M\u00e4\u00dfigung des Feuers menschenm\u00f6glich. Und M\u00e4\u00dfigung hei\u00dft in diesem Fall nichts anderes, als einen Schritt beiseite zu treten. Erst wenn das Feuer den Raum frei gibt und die Menschenaugen nicht mehr mit seinem vorwitzigen Licht blendet, \u00f6ffnet sich die gereinigte Wahrnehmung und l\u00e4sst das Sonnenmysterium aus der Verborgenheit ins Offene treten. Erst dann kann der Ruf des Okeanos nach Umgestaltung wirklich h\u00f6rbar werden, ein Wandlungsruf, der an uns alle gerichtet ist.<\/p>\n<h4>Die \u201eLichtung\u201c finden, das Offene<\/h4>\n<p>Blicken wir zusammenfassend noch einmal auf das schwer zu fassende Paradox: Durch das Feuer wird gleichzeitig Licht entz\u00fcndet und Licht gel\u00f6scht. Je mehr sich dieser Zwiespalt entschleiert, desto n\u00e4her r\u00fcckt uns das Losungswort des Apollon \u201eErkenne dich selbst.&#8220; Oder um es in den Worten Martin Heideggers zu sagen<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Durch das Feuer tritt das Seiende in die Unverborgenheit. Alles Seiende wird als Anwesendes sichtbar, aber das Sein selbst ger\u00e4t in Vergessenheit, es bleibt unbedacht und folglich in der Verborgenheit. Dabei ist das Sein bereits vor der Tat des Prometheus gelichtet. Nur bleibt es \u2013 obwohl gelichtet \u2013 gerade aufgrund des Feuers verborgen. Das Licht kann n\u00e4mlich in die Lichtung, in ihr Offenes, einfallen und in ihr die Helle mit dem Dunkel spielen lassen. Aber niemals schafft das Licht erst die Lichtung. Die Lichtung ist das Offene f\u00fcr alles An- und Abwesende. <a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>Die Lichtung existiert, bevor das Licht des Feuers die Lichtung je bescheint. Das Feuer l\u00e4sst das in der Lichtung Anwesende (das Seiende) sichtbar werden, aber es schafft selbst nicht die Offenheit. Die Offenheit tritt \u2013 da sie zu heftig beschienen wird \u2013 hinter das Seiende zur\u00fcck und bleibt darum unbedacht. Das Seiende wird erst in seinem Sein er\u00f6ffnet, wenn die Lichtung wieder als Offenes f\u00fcr uns wahrnehmbar wird. Darauf deutet auch H\u00f6lderlin, wenn er dichtet: \u201eKomm! ins Offene, Freund!&#8220;.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Damit sich diese ersehnte Bewegung ins Offene ereignen kann, bedarf es \u2013 in den Bildern des Mythos gesprochen \u2013 der Unterscheidung zwischen dem prometheischen Feuer und seinem sonnenhaften Ursprung. Die mythische Sonne ist nicht einfach eine Lichtquelle, die das Seiende erscheinen l\u00e4sst, sondern sie weist auf den gelichteten, offenst\u00e4ndigen Urraum, sie r\u00e4umt die Lichtung ein, macht sie frei und leicht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wer bewusst ins Offene hinaustritt, der erf\u00e4hrt sich mit den Dingen in einem gemeinsamen Welt-Raum. Das prometheische Feuer alleine gen\u00fcgt nicht, um diese Erfahrung zu erm\u00f6glichen. Das Herz ist der Sitz der Sonne im Menschen. Was bedeutet es daher, besonnen zu sein? Es bedeutet, sich Zeit zu lassen, sich Raum zu geben, innezuhalten, beiseitezutreten, sich hinzugeben, damit das Herz weit werde und in seiner Ausdehnung das Offene erhellend durchf\u00fchlt. Nur wer das Sonnenorgan in dieser Weise zum empfindungsvollen Denken einsetzt, erl\u00f6st Prometheus vom Felsen und nimmt ihm sein Opfer ab. Alle Dinge sind in Gefahr, doch im besonnenen Anblicken k\u00f6nnen sie geborgen und verwandelt werden, immer dann also, wenn wir mit unserem Herzensblick die Dinge nicht mehr als isoliert voneinander wahrnehmen, sondern als Dinge, die nur sind und sein k\u00f6nnen, weil sie \u2013 wie alles und wir alle \u2013 in der gelichteten Offenheit des Daseins wurzeln. Darin liegt das Geheimnis des Sonnenfeuergeistes, der alles und uns alle ins Dasein ruft. Erst wenn uns dieser Gedanke in einem zarten Morgenlicht im Herzen aufd\u00e4mmert, beginnen wir zu ahnen, welche ungeheuren, aber zugleich wunderbaren Kr\u00e4fte in dem Feuer schlummern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<blockquote><p>Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gew\u00fcnschte<br \/>\nWir beginnen und erst unsere Zunge gel\u00f6st,<br \/>\nUnd gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist,<br \/>\nUnd von trunkener Stirn\u2019 h\u00f6her Besinnen entspringt,<br \/>\nMit der unsern zugleich des Himmels Bl\u00fcthe beginnen,<br \/>\nUnd dem offenen Blick offen der Leuchtende seyn.<br \/>\n(aus H\u00f6lderlin, Der Gang aufs Land)<\/p><\/blockquote>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Karl Ker\u00e9nyi, Die Mythologie der Griechen, Band I: Die G\u00f6tter- und Menschheitsgeschichten DTV, M\u00fcnchen 1966, S.171<br \/>\n<a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Welche Rolle in diesem Zusammenhang Prometheus&#8216; Bruder Epimetheus, Pandora, Achilleus, Chiron, Dionysos und Persephone spielen, kann im Rahmen dieses Artikels nicht auseinandergesetzt werden. Auch die Rolle des Prometheus als Erschaffer der Menschen muss unbeleuchtet bleiben. Es sei nur erw\u00e4hnt, dass es die G\u00f6ttin Athene war, die die irdenen K\u00f6rper belebte und ihnen Seele und Geist einhauchte. Vgl. dazu: Martin Spura, Das verweigerte Opfer des Prometheus, Kapitel 2<br \/>\n<a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> NZZ 2.12.2020, Thomas Ribi, Am Anfang der menschlichen Kultur stand ein Frevel<br \/>\n<a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Hesiod, Theogonie, \u00dcbersetzt und erl\u00e4utert von Raoul Schrott, Fischer Verlag, Frankfurt am Mai 2016, S.30, Vers 535<br \/>\n<a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Zum \u201eWesen des Opfers&#8220; vgl. Martin Spura, Das verweigerte Opfer des Prometheus, Kapitel 4.2<br \/>\n<a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Aischylos, Der gefesselte Prometheus, Vers 24<br \/>\n<a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Aischylos, a.a.O., Vers 309 f.<br \/>\n<a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> vgl. Martin Spura, a.a.O., vor allem Kapitel 2 &amp; 4.3.1 &amp; 7<br \/>\n<a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Martin Heidegger, Zur Sache des Denkens, Das Ende der Philosophie und die Aufgabe des Denkens, Max Niemeyer, T\u00fcbingen 1969, S. 72<br \/>\n<a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> H\u00f6lderlin, Der Gang aufs Land, An Landauer.<\/p>\n","protected":false},"author":925,"featured_media":100389,"template":"","meta":{"_acf_changed":false},"tags":[],"category_":[110075],"tags_english_":[],"class_list":["post-100317","logon_article","type-logon_article","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","category_-livingpast-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article\/100317","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/logon_article"}],"about":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/logon_article"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/925"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100389"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=100317"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=100317"},{"taxonomy":"category_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/category_?post=100317"},{"taxonomy":"tags_english_","embeddable":true,"href":"https:\/\/logon.media\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags_english_?post=100317"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}