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	<title>Weisheit &#8211; LOGON</title>
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	<description>An online magazine with articles about spiritual development</description>
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	<title>Weisheit &#8211; LOGON</title>
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		<title>Der Geist, den die Geschichte nicht zum Schweigen bringen kann</title>
		<link>https://logon.media/de/logon_article/der-geist-den-die-geschichte-nicht-zum-schweigen-bringen-kann/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Heiko Haase]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 27 Jun 2026 06:00:30 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Die verborgene Kontinuität des inneren Weges vom frühen Christentum bis zur Gegenwart Die verborgene Kontinuität Die Menschheitsgeschichte erscheint oft als eine Abfolge von Strömungen, die entstehen, eine Zeit lang gedeihen und dann aus dem Blickfeld verschwinden. Spirituelle Lehren tauchen auf, inspirieren Gemeinschaften und scheinen schließlich unter den wechselnden Strömungen von Kultur und Zivilisation zu verschwinden. [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Die verborgene Kontinuität des inneren Weges vom frühen Christentum bis zur Gegenwart</em></p>
<h3>Die verborgene Kontinuität</h3>
<p>Die Menschheitsgeschichte erscheint oft als eine Abfolge von Strömungen, die entstehen, eine Zeit lang gedeihen und dann aus dem Blickfeld verschwinden. Spirituelle Lehren tauchen auf, inspirieren Gemeinschaften und scheinen schließlich unter den wechselnden Strömungen von Kultur und Zivilisation zu verschwinden. Oberflächlich betrachtet mag es so aussehen, als ginge das tiefere spirituelle Erbe der Menschheit immer wieder verloren oder würde zum Schweigen gebracht.</p>
<p>Doch dieser Eindruck täuscht.</p>
<p>Hinter den sich wandelnden Formen von Religion, Kultur und Geschichte verbirgt sich eine Kontinuität, die nicht unterbrochen werden kann. Die göttliche Ausstrahlung, die den Menschen berührt, gehört nicht zur rastlosen Bewegung der Zeit. Sie entspringt dem ewigen Lebensfeld und bleibt in jedem Zeitalter gegenwärtig.</p>
<p>Was sich im Laufe der Geschichte verändert, ist nicht die Gegenwart des Lichts, sondern die Fähigkeit des Menschen, es zu erkennen und darauf zu reagieren.</p>
<p>Im Inneren des Menschen bleibt ein verborgenes Zentrum bestehen – ein Überbleibsel des ursprünglichen Lebens, das einst der Menschheit gehörte. Das Licht des Geistes berührt es unaufhörlich: die unparteiische Kraft der göttlichen Liebe, die den langen Weg der menschlichen Existenz begleitet.</p>
<p>Wie uns die Psalmen in Erinnerung rufen:</p>
<p><em>„Der Herr wird das Werk seiner Hände nicht lassen.“ (Psalm 138,8)</em></p>
<p>Aus dieser Perspektive betrachtet, offenbart die geistige Geschichte der Menschheit ein wiederkehrendes Muster. In bestimmten Momenten wird die Erkenntnis des inneren Weges sichtbar und offen zum Ausdruck gebracht. Zu anderen Zeiten scheint sie zu verblassen, überschattet von Lehre, unterdrückt durch Macht oder übertönt vom Lärm der Zivilisation.</p>
<p>Doch die tiefere Strömung verschwindet nie; sie wird lediglich verborgen.</p>
<p>Der Geist, der den Menschen zum ursprünglichen Leben zurückruft, berührt in jedem Zeitalter weiterhin das verborgene Zentrum des Herzens.</p>
<h3>Nikaia – Als inneres Wissen zur Lehre wurde</h3>
<p>In den frühen Jahrhunderten des Christentums gab es eine bemerkenswerte Vielfalt an spirituellen Ausdrucksformen. Neben den entstehenden Strukturen der Kirche betonten viele Strömungen die innere Verwandlung des Menschen und die direkte Erfahrung des göttlichen Lebens.</p>
<p>Für viele frühe Suchende war die Botschaft Christi nicht bloß eine Reihe von Glaubenssätzen, die es zu bekräftigen galt. Sie war ein Weg, den es zu leben galt – ein Ruf zur Wiedergeburt, zur inneren Erneuerung und zum Erwachen des göttlichen Lebens im Menschen.</p>
<p>Als sich das Christentum in der gesamten römischen Welt ausbreitete, wurde das Bedürfnis nach Einheit und Stabilität immer dringlicher. Die wachsende Kirche bemühte sich, gemeinsame Lehren zu etablieren, die eine sich ausdehnende und vielfältige Gemeinschaft zusammenhalten konnten.</p>
<p>Das Konzil von Nicäa im vierten Jahrhundert stellt einen bedeutenden Moment in diesem Prozess dar. Sein Ziel war es, die Lehre zu klären und einen gemeinsamen Glaubensrahmen für die christliche Welt zu schaffen.</p>
<p>In vielerlei Hinsicht war diese Entwicklung nachvollziehbar. Ein Glaube, der sich rasch über verschiedene Kulturen hinweg ausbreitete, erforderte Kohärenz und Struktur.</p>
<p>Doch auch etwas Subtiles begann sich zu verändern.</p>
<p>Der Schwerpunkt verlagerte sich allmählich vom inneren Weg der Transformation hin zur Definition des richtigen Glaubens. Was einst durch eine lebendige Vielfalt spiritueller Einsichten zum Ausdruck gekommen war, wurde zunehmend durch theologische Sprache und institutionelle Autorität formuliert.</p>
<p>Die erfahrungsbezogene Dimension des frühen Christentums verschwand zwar nicht, wurde aber innerhalb der offiziellen Strukturen der Kirche weniger sichtbar. Im Laufe der Zeit überlebte sie vor allem in ruhigeren, mystischen Traditionen – unter jenen, die die Worte Christi nicht nur als Lehren verstanden, an die man glauben sollte, sondern auch als Einladung zur inneren Verwandlung.</p>
<p>So floss, selbst als sich die Lehre fest etablierte, die tiefere spirituelle Strömung weiterhin unter der Oberfläche der Geschichte weiter.</p>
<p>Der Geist war nicht zum Schweigen gebracht worden.</p>
<p>Er war lediglich weniger sichtbar geworden.</p>
<h3>Die katharische Strömung – Als der innere Weg wieder auftauchte</h3>
<p>Jahrhunderte später entstanden in der spirituellen Landschaft Europas erneut Bewegungen, die starken Wert auf innere Verwandlung und spirituelle Reinheit legten.</p>
<p>Zu den bemerkenswertesten unter ihnen gehörten die Gemeinschaften der Katharer. Sie blühten im zwölften und dreizehnten Jahrhundert vor allem in Südfrankreich und Norditalien auf und verkörperten eine Form des Christentums, in deren Mittelpunkt Einfachheit, ethische Disziplin und die Befreiung der Seele von den Illusionen der materiellen Welt standen.</p>
<p>Für diejenigen, die ihnen begegneten, verkörperten die Katharer eine spirituelle Ernsthaftigkeit, die tief mit dem Evangelium im Einklang stand. Ihr Leben war geprägt von Demut, Reinheit und der Suche nach innerer Befreiung. Der Weg, dem sie folgten, war nicht bloß eine Frage des Glaubens, sondern eine Lebensweise, die auf spirituelles Erwachen ausgerichtet war.</p>
<p>Ihre Präsenz zeigte, dass die tiefere Strömung innerhalb des Christentums nie verschwunden war. Sie hatte sich still und leise über die Jahrhunderte hinweg fortgesetzt und auf Bedingungen gewartet, unter denen sie wieder sichtbar werden konnte.</p>
<p>Derselbe Strom lässt sich auch in anderen Momenten der Geschichte erahnen – in den Lehren Manis und später im Entstehen der klassischen Rosenkreuzer-Tradition –, die jeweils auf ihre eigene Weise den Ruf zur inneren Verwandlung zum Ausdruck brachten.</p>
<p>Doch das Aufkommen solcher Bewegungen führte auch zu Spannungen mit den etablierten religiösen Strukturen jener Zeit. Die Gemeinschaften der Katharer wurden schließlich als ketzerisch verurteilt, und der gegen sie im frühen 13. Jahrhundert gestartete Feldzug – bekannt als der Albigenser-Kreuzzug – führte zur Zerstörung ihrer sichtbaren Präsenz.</p>
<p>Aus historischer Perspektive scheinen die Katharer abrupt aus der europäischen Landschaft zu verschwinden.</p>
<p>Doch die tiefere Strömung, für die sie standen, lässt sich nicht allein anhand historischer Aufzeichnungen ermessen.</p>
<p>Die Sehnsucht nach Befreiung von der Illusion, die Suche nach spiritueller Wiedergeburt und der Ruf, im Einklang mit einem höheren Leben zu leben, verschwanden nicht mit ihnen. Diese Impulse erwachen immer wieder, wann immer ein Mensch spürt, dass die Welt der Erscheinungen die tiefste Sehnsucht des Herzens nicht stillen kann.</p>
<p>Der Geist, der in Bewegungen wie den Katharern zum Ausdruck kam, gehört nicht zu einem einzigen Moment in der Geschichte. Er gehört zu dem ewigen Ruf, der den Menschen in jedem Zeitalter weiterhin berührt.</p>
<h3>Die Moderne – Wenn die innere Stimme schwerer zu hören ist</h3>
<p>Die Herausforderungen, denen Suchende in der modernen Welt gegenüberstehen, unterscheiden sich von denen früherer Jahrhunderte.</p>
<p>In vergangenen Zeitaltern wurde die tiefere spirituelle Strömung manchmal durch Dogmen verdeckt oder durch institutionelle Macht unterdrückt. Heute ist die Situation subtiler. Der Geist wird selten direkt verfolgt. Stattdessen wird es schwierig, ihn inmitten des wachsenden Lärms des modernen Lebens zu hören.</p>
<p>Die menschliche Zivilisation ist in ein Zeitalter außergewöhnlicher technologischer Errungenschaften eingetreten. Informationen verbreiten sich augenblicklich rund um den Globus. Künstliche Intelligenz kann in Sekundenschnelle Wörter, Bilder und Ideen generieren. Soziale Netzwerke verbinden Millionen von Menschen in einem kontinuierlichen Kommunikationsfluss.</p>
<p>Nie zuvor verfügte die Menschheit über so mächtige Werkzeuge zum Austausch von Informationen.</p>
<p>Doch dieselben Technologien, die die Kommunikation erweitern, können auch die Aufmerksamkeit zersplittern. Der moderne Geist springt rasch von Botschaft zu Botschaft, von Bild zu Bild, von Gedanke zu Gedanke. Der Rhythmus des Lebens beschleunigt sich und lässt wenig Raum für Stille.</p>
<p>In einer solchen Welt kann die leise Stimme des Geistes leicht übersehen werden.</p>
<p>Die göttliche Ausstrahlung, die das menschliche Herz berührt, hat nicht nachgelassen. Sie strahlt weiterhin mit derselben unvoreingenommenen Liebe, die die Menschheit auf ihrer gesamten Reise begleitet hat. Doch um diesen Ruf zu erkennen, bedarf es des inneren In-sich-Hineinhörens – eines Augenblicks der Stille, in dem die tiefere Sehnsucht der Seele spürbar wird.</p>
<p>Und doch ist es paradoxerweise gerade in dieser unruhigen Welt, in der viele Menschen beginnen, eine tiefe Unzufriedenheit mit dem Oberflächlichen zu verspüren.</p>
<p>Eine Sehnsucht erwacht – das Gefühl, dass etwas Wesentliches in dem Leben fehlt, das wir uns aufgebaut haben.</p>
<p>Der göttliche Ruf ist nie verstummt; es ist nur das menschliche Ohr, das manchmal vergisst, wie man zuhört.</p>
<h3>Die Erinnerung des Herzens</h3>
<p>Aus dieser Perspektive betrachtet ist die geistige Geschichte der Menschheit nicht einfach eine Abfolge von Strömungen, die im Laufe der Zeit entstehen und wieder verschwinden. Unter den sichtbaren Veränderungen der Zivilisationen existiert eine tiefere Kontinuität, die nicht unterbrochen werden kann.</p>
<p>Die göttliche Strahlung, die den Menschen berührt, bleibt beständig. Sie geht aus dem ewigen Lebensfeld hervor und berührt weiterhin das verborgene Zentrum im menschlichen Mikrokosmos.</p>
<p>Dieses Zentrum ist der letzte Rest des ursprünglichen Lebens, das einst der Menschheit gehörte. Die Rosenkreuzer-Tradition beschreibt es als das <b>Ur-Atom</b>. Dieser göttliche Kern verbleibt im Herzen als lebendige Möglichkeit.</p>
<p>Im Laufe vieler Inkarnationen sammelt der Mikrokosmos Erfahrungen. Jede Persönlichkeit lebt, kämpft, sucht und lernt. Ein Großteil dieser Erfahrungen wird vom Wachbewusstsein des gegenwärtigen Lebens vergessen. Dennoch bleibt er in der tieferen Struktur des Mikrokosmos bewahrt.</p>
<p>Allmählich beginnt durch die unzähligen Erfahrungen der dialektischen Welt etwas zu reifen.</p>
<p>Die göttliche Strahlung berührt weiterhin dieses verborgene Zentrum und wartet geduldig auf den Moment, in dem der Mensch beginnt, darauf zu reagieren.</p>
<p>Wenn diese Reaktion einsetzt, fühlt es sich oft weniger so an, als würde man etwas Neues entdecken, sondern eher, als würde man sich an etwas erinnern, das schon immer zu uns gehört hat.</p>
<p>Die frühchristlichen Schriften drückten diese Erkenntnis in eindrucksvollen Worten aus:</p>
<p><i>„Wenn du das hervorbringst, was in dir ist, wird das, was du hervorbringst, dich retten.“</i> (Thomas-Evangelium)</p>
<p>Diese Erinnerung markiert den Beginn des Weges.</p>
<p>Die Geschichte mag diesen Ruf für eine gewisse Zeit verschleiern. Zivilisationen mögen ihn vergessen. Der Lärm der modernen Welt mag es erschweren, ihn zu hören.</p>
<p>Doch der göttliche Strahl leuchtet weiter.</p>
<p>Wann immer ein Mensch beginnt, auf diese Strahlung zu reagieren, öffnet sich der uralte Weg erneut – der Weg der inneren Verwandlung, den Christus selbst beschritten hat.</p>
<p>Denn der Geist, den die Geschichte manchmal zum Schweigen zu bringen scheint, wird in Wahrheit niemals wirklich zum Schweigen gebracht.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Heiterkeit &#8211; eine Frucht der Schönheit unserer Seele</title>
		<link>https://logon.media/de/logon_article/heiterkeit-eine-frucht-der-schoenheit-unserer-seele/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Heiko Haase]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 24 Jun 2026 06:00:28 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Die Schönheit der Seele offenbart die Springquelle und Dynamik ihres schöpferischen Spieltriebes. Mit seiner Hilfe kann sie die Gegensätze von Gut und Böse, Licht und Dunkelheit in uns wieder vereinen und uns zur glückseligen Heiterkeit führen. In der Bhagavad Gita (Kap 15) wird das Universum im Bilde eines kosmischen Weltenbaumes dargestellt. Seine Gestalt kann von [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Die Schönheit der Seele offenbart die Springquelle und Dynamik ihres schöpferischen Spieltriebes.</em></p>
<p><span id="more-109490"></span><em>Mit seiner Hilfe kann sie die Gegensätze von Gut und Böse, Licht und Dunkelheit in uns wieder vereinen und uns zur glückseligen Heiterkeit führen.</em></p>
<p>In der Bhagavad Gita (Kap 15) wird das Universum im Bilde eines kosmischen Weltenbaumes dargestellt. Seine Gestalt kann von uns nicht wahrgenommen werden. Sie wurzelt in den Höhen geistig-göttlicher Welten von Sein (Sat), Bewusstsein (Cit) und Glückseligkeit (Ananda). Seine Äste und Früchte reichen herab zur Erde und erwecken das Begehren des Menschen. Aber indem dieser nach ihnen greift und an ihnen haftet, schlägt er Wurzeln in der Erde. Er erlebt das ewige Werden der göttlichen Gaben von nun an in den irdischen Gegensätzen von Geburt und Tod, Gut und Böse, Licht und Finsternis. Ihm ist die Umkehr aufgegeben und sich dem göttlichen Weltenbaum anzugleichen, also, von der Erde aus gesehen, ein umgekehrter Baum (arbor inversa) zu werden, der seine wesentlichen Nährstoffe aus dem Himmel bezieht.</p>
<p>Wenn seine Seele die Gaben der ewigen Natur in sich zu befreien vermag, wird sich ihre große Schönheit in ihm kreativ entfalten können. Eine ihrer wertvollsten Früchte wird die wiedergefundene glückselige Heiterkeit sein.</p>
<p>Die Heiterkeit ist heutzutage ein Schönwetterbegriff und bezeichnet eine strahlende Sonne über einem blauklaren und wolkenlosen Himmel. Sie bezieht sich jedoch auch auf die reine Stimmung eines seelischen Gemütszustandes, in dem Innen- und Außenwelt nicht geschieden sind.</p>
<p>Oft erleben wir diesen Zustand, ohne uns seiner ganzen Bedeutung bewusst zu werden.</p>
<p>Ich erinnere mich an Momente, in denen ich den inneren Zustand dieser Heiterkeit erleben durfte:</p>
<p>Ich war es gewohnt, im Sommer im Atlantik zu schwimmen. Er kann sehr gefährlich werden, das wusste ich nur zu gut. Er war auch immer kalt und es brauchte einige Überwindung, um in ihn einzutauchen. An jenen Sommertagen war er von klarem Ozeanblau, auf dem sich der strahlende, wolkenlose blaue Himmel und das Licht der Sonne spiegelten. Ich schwamm in diese blaue Unendlichkeit hinein und fühlte mich in ihr geborgen. Je mehr ich mich vom Festland entfernte, desto leichter konnte ich alle meine inneren Nöte und Anhaftungen loslassen, und inmitten dieser Schönheit und Freiheit regten sich alle meine Glieder, und neue innere Kräfte durchfluteten mich.</p>
<p>Zur Heiterkeit des Himmels gehört, wenn sie sich im Menschen spiegelt, der Zustand eines ganz besonderen Wohlbehagens, das, indem es alle seine Kräfte anregt, eine Vereinigung von innerem Licht, erfrischender Klarheit und freier Beweglichkeit bewirkt.</p>
<p>Das Wort Heiterkeit – mittelhochdeutsch hitari &#8211; bedeutete ursprünglich Klarheit.</p>
<p>Kein Wunder also, dass wir das 18.Jahrhundert die Zeit der Aufklärung nennen und die Franzosen vom siècle des lumières, dem „Jahrhundert der Lichter“ sprechen.  Diese Bezeichnungen beziehen sich auf die regsame, lichte und gedanklich klare (d.h. emotionslose) innere Aufklärung der großen Geister jener Zeit.</p>
<p>Die Heiterkeit unterscheidet sich von anderen Formen eines guten Lebensgefühls. Die Fröhlichkeit zum Beispiel kann lebhaft und geschäftig sein und in lautes Lachen ausbrechen, während der Witz die Entladung einer inneren Anspannung auszudrücken vermag.</p>
<p>In den romanischen Ländern wird der Begriff „Heiterkeit“ von lateinisch serenus (heiter, gelassen) <a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a> abgeleitet und verweist auf die stille und betrachtende Haltung eines Menschen, der mit einer gewissen Gelassenheit heiter und ruhig über den Dingen steht.</p>
<h3>Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst</h3>
<p>Mit diesem Satz endet Schillers Prolog zu seinem Geschichtsdrama Wallenstein. Wallenstein, der erfolgreiche Feldherr des Kaisers während des Dreißigjährigen Krieges und Held des Dramas, ist zerrissen zwischen Pflichterfüllung und freier Rebellion. Er wird schließlich Opfer seiner einfallsreichen  Pläne zur frühzeitigen Beendigung des Dreißigjährigen Krieges und wird ernüchtert feststellen:</p>
<blockquote><p>Doch hier ist keine Wahl, ich muss Gewalt ausüben oder leiden [&#8230;] Der Krieg ernährt den Krieg.</p></blockquote>
<p>Die Heiterkeit ist keine selbstverständliche Gabe, sondern sie ist eine Tugend, die im Kampf mit den dunklen Kräften des Lebens erworben wird.</p>
<p>Schiller stellt ein utopisches künstlerisches Modell vor, das eine „ästhetische Erziehung des Menschen“ vorsieht. Dies bedeutet, dass das ursprüngliche, kreativ- künstlerische Vermögen der menschlichen Seele erweckt wird. Die Seele soll wieder frei werden von der Herrschaft der gegensätzlichen Triebe, die sie belasten: dem Zwang seiner physisch-sinnlichen Natur (dem „Stofftrieb“) einerseits und dem seiner mit Vernunft begabten Natur (dem „Formtrieb“) andererseits. So stehen sich der innere Stoffwille und der Formwille im Menschen gegenüber. Es gibt jedoch noch ein drittes Vermögen in der Seele, das Schiller ihren „Spieltrieb&#8220; nennt..</p>
<p>Ich möchte hier wiederum ein Beispiel aus meiner Kindheit erzählen, das zeigt, wie die Schönheit der menschlichen Seele ihren inneren Spieltrieb beleben und sie zur größten Künstlerin unseres Lebens machen kann.</p>
<p>Da ich gegen Ende des letzten Weltkrieges in die chaotisch-dunklen Nachkriegsjahre hinein geboren wurde, sehnte ich mich schon früh nach lichter Klarheit. Ich lebte umhüllt von Musik und ihren Klängen, da meine Mutter (eine wunderbare Pianistin) tagelang übte &#8211; vor allem romantische Musik. Diese Musik bedrückte mich aber und ich bat sie stets, sie möge bitte Mozart für mich spielen, und zwar seine A-Dur Sonate. Sobald ich diese Musik hörte, hellte sich mein Seelengemüt wieder auf. Was geschah in mir? Mozart, der selbst in seinem Leben durch tiefe seelische Abgründe gehen musste, vermochte es, seine innere Sehnsucht nach Licht schöpferisch zu verarbeiten, und seine Musik wird deshalb meist als heiter beschrieben. „In meinen tiefsten Nöten finde ich immer noch eine schöne Resonanz, die mir Hoffnung gibt&#8220;, sagte er. Mozart erweckte diese Resonanz auch in mir. Jedoch, so erklärte meine Mutter mir später, wer ihn nur heiter spielt, habe ihn nicht verstanden.</p>
<p>Ich erfuhr später, dass seine Heiterkeit die Frucht seines schweren und tragischen inneren künstlerischen Ringens um die ungebrochene Schönheit seiner Seele war.</p>
<p>So ist es die Schönheit der Seele, welche die Springquelle und Dynamik ihres schöpferischen Spieltriebes offenbart.</p>
<p>Sie kann mit seiner Hilfe die Gegensätze von Gut und Böse, Licht und Dunkelheit in uns wieder vereinen und uns zur glückseligen Heiterkeit (Ananda)  führen, welche der wiedergefundenen, überlegenen inneren Ruhe der Seele entspringt. So wurde der Spieltrieb meiner noch offenen kindlichen Seele unbewusst angeregt und ein Prozess in mir stimuliert, in dem ich erlebte, wie sich die gegensätzlichen Kräfte und Eindrücke auf höherer Ebene vereinen können.</p>
<p>So ist die Schönheit der Seele eine Kraft, auf deren Flügeln sie sich wieder nach oben in den Himmel erhebt, und Mozart wird schließlich einmal sagen:</p>
<p>Wie war das Leben schön! Heiteren Sinnes muss man sein, dazu hat uns die Vorsehung bestimmt.</p>
<hr />
<h3>Literatur:</h3>
<p>Friedrich Schiller, Über die ästhetische Erziehung des Menschen &#8211; in einer Reihe von Briefen, Reclam, Ditzingen 2000.</p>
<p>Harald Weinrich, Kleine Literaturgeschichte der Heiterkeit, München 2001</p>
<p>Francois Cheng, Über die Schönheit der Seele, München 2018</p>
<p>Die Zitate von Mozart sind als „Mozart Zitate&#8220; zu finden bei: https/Worldday.de</p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> aus serenus (lat.) entwickelten sich im Französischen sérénité, im Spanischen serenidad und im Portugiesischen sereno.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Bhagavad Gita: Von der Mutlosigkeit zum Mut der Überwindung</title>
		<link>https://logon.media/de/logon_article/bhagavad-gita-von-der-mutlosigkeit-zum-mut-der-ueberwindung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Heiko Haase]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Jun 2026 06:00:55 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Jeder kann ein Arjuna werden und sein Arjuna, ein die Wahrheit suchender Mensch Die Bhagavad Gita ist die Wiedergabe eines Gesprächs zwischen Gott Krishna und dem Königssohn Arjuna. Es findet statt zwischen den Heeren von Arjunas Verbündeten und seinen Feinden, seinen eigenen Halbbrüdern. Es ist eines der am weitesten verbreiteten Bücher der Welt. In unzählige [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Jeder kann ein Arjuna werden und sein</em></p>
<h3><span id="more-117127"></span>Arjuna, ein die Wahrheit suchender Mensch</h3>
<p>Die Bhagavad Gita ist die Wiedergabe eines Gesprächs zwischen Gott Krishna und dem Königssohn Arjuna. Es findet statt zwischen den Heeren von Arjunas Verbündeten und seinen Feinden, seinen eigenen Halbbrüdern. Es ist eines der am weitesten verbreiteten Bücher der Welt. In unzählige Sprachen übersetzt und häufig interpretiert durch Inder, Europäer und andere, ist damit nicht bereits alles gesagt und dokumentiert?</p>
<p>In diesem kurzen Beitrag soll ein Aspekt der Bhagavad Gita beleuchtet werden, der in der Vielzahl der Kommentare eventuell nicht immer klar zum Ausdruck kommt und der doch für jeden spirituellen Sucher bedeutsam ist: Wie wandelt sich die Verzagtheit Arjunas &#8211; „Ich will nicht kämpfen“ (Kapitel 1) – zu dem mutigen Entschluss, den er Krishna gegenüber am Ende der Bhagavad Gita (Kapitel 18) ausspricht:</p>
<blockquote><p>Durch deine Göttliche Macht hast Du, o Unfehlbarer, meine Täuschungen zerstört; nun bin ich wieder gesammelt. Befreit von Zweifel, bin ich jetzt gefestigt und will nach Deiner Lehre handeln. <a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a></p></blockquote>
<p>Neben der historischen Beschreibung (oder Mythe?) des Kampfes um die Herrschaft in einem indischen Königreich zwischen den Pandava-Brüdern, zu denen auch Arjuna zählt, und seinen Verwandten (Halbbrüdern), den Kurus, geht es in der Bhagavad Gita noch um anderes. William G. Judge hebt bereits 1890 im Vorwort der englischen Übersetzung den Aspekt hervor, dass Arjuna nicht nur als ein Königssohn im Kampf um sein Erbe gesehen werden sollte, sondern auch als Prototyp jedes um Erleuchtung und Befreiung suchenden Menschen.</p>
<p>Daneben beschreibt die Bhagavad Gita laut Judge die Evolution eines Volkes in dem Sinne, dass die niederen Instinkte im Kampf um eine höhere Bestimmung überwunden werden können und sollten. In gleicher Weise gilt dies für den einzelnen Menschen, der sich „zur Entfaltung seiner besseren Natur“ entschließt oder diese sucht. Arjuna wird damit zum Beispiel eines individuellen Suchers, wie auch zum Repräsentanten der Menschheit, die sich in einem Such- bzw. Entwicklungsprozess befindet. Die in der Bhagavad Gita beschriebene „Schlacht“ bezieht sich „nicht nur auf den großen Ringkampf, welchen die Menschheit als Ganzes durchführt, sondern auch auf den Kampf, welcher unvermeidlich wird, sobald irgendein einzelnes Mitglied der Menschheitsfamilie den Entschluss fasst, seiner höheren Natur die Führung seines Lebens zu übertragen“<a href="#_ftn2" name="_ftnref2">[2]</a>.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der Bedeutung der Bhagavad Gita für den heutigen Sucher, der nach Befreiung strebt. Wie spielt sich heute dieser innere Kampf des Arjuna um das verlorene Königreich, das Göttliche in ihm, ab? Oder: Wie kommen wir von der Mutlosigkeit und Verzagtheit zum Mut, das Göttliche in uns zu suchen, zu finden und zu leben?</p>
<h3>Das Suchen nach dem Göttlichen in uns</h3>
<p>Die Einführung Arjunas als einen „Königsohn, der sein Königreich verloren hat“ finden wir in vielen Mythen der esoterischen Literatur und in Märchen, die auf eine andere Welt und Gesellschaft hinweisen. So bei Buddha, der als Königssohn Palast, Familie und Thron verlässt, um in der Hauslosigkeit die Befreiung von Leid, Krankheit und Tod zu suchen und anderen auf diesem Weg voranzugehen. Denken wir auch an Parzival, Christian Rosenkreuz und andere.</p>
<p>Das Erkennen eines fundamentalen Verlustes, das daraus entstehende Fragen und Suchen, das Erfahren des „Verbannt-Seins“ in eine unvollkommene Welt sind der Ausgangspunkt jedes Suchens, das aus dem Herzen aufsteigt.</p>
<p>In der Bhagavad Gita wird dieser Zustand als die Verbannung Arjunas in die Fremde und Unwirtlichkeit der Wälder dargestellt. Arjuna und seine Brüder suchen Verbündete, die ihnen in ihrem Kampf zur Wiedererlangung ihres Königreiches beistehen können. Sie finden Helfer auf der physisch-materiellen Ebene, aber auch auf der spirituellen Ebene.</p>
<p>Der Ausgangspunkt für den Weg ist die Unruhe des Herzens. Sie drängt zum Suchen nach dem verlorenen Königtum in uns. Dieses Suchen, so führt die Bhagavad Gita aus, ermöglicht es Arjuna, Krishna als Helfer der Menschheit und Inkarnation der göttlichen Seele zu erkennen, ihm im eigenen Inneren zu begegnen und seine Lehren zu erhalten. Krischna wird in der Bhagavad Gita als eine von Arjuna getrennte Person beschrieben. Er kann aber auch als die mahnende, rufende und belehrende Stimme des Herzens gesehen und kann damit als der zu uns aus dem Innersten sprechende Führer und Guru werden.</p>
<p>Arjuna wendet sich an diesen inneren Führer, die Stimme des Herzens, und bittet um Belehrung. Sein Vertrauen in die Lehren Krishnas ist der Schlüssel, der Arjuna auf den Weg der Erkenntnis bringt, auf dem er als Erstes feststellt, dass seine Gebundenheit an alles, was ihn umgibt, an alle Freunde, Verwandten und irdischen Verlangen, überwunden werden muss. Die Einsicht in die Tatsache der Vergänglichkeit der Welt und die Suche nach dem Göttlichen sind der Ausgangspunkt für den Dialog zwischen Krishna und Arjuna. Arjuna war zunächst mutlos und verzweifelt:</p>
<p>O! wir hätten uns in eine Todsünde gestürzt, wenn wir uns durch den Hunger nach Herrschaft und Freude zum Erschlagen unserer Verwandten hätten verleiten lassen. […] Ich mag sie nicht erschlagen, selbst wenn ich mein eigenes Leben verlieren sollte.<a href="#_ftn3" name="_ftnref3">[3]</a></p>
<p>Auf die Verzweiflung Arjunas antwortet Krishna im zweiten Kapitel:</p>
<blockquote><p>Du trauerst um jene, die nicht betrauert werden sollen […] Wer in spirituellen Dingen weise ist, trauert weder um die Toten noch die Lebenden […] ES ist unteilbar, ewig, universal, unsichtbar […] Einige betrachten den innewohnenden Geist als ein Wunder, während andere mit Verwunderung darüber sprechen, […] aber niemand erkennt ihn.<a href="#_ftn4" name="_ftnref4">[4]</a></p></blockquote>
<p>Wenn wir die Verzweiflung Arjunas auf den heutigen Menschen übertragen, der nach Befreiung aus den Bindungen an diese Welt ringt, so ist der bevorstehende Kampf ein Ringen im Inneren eines solchen Menschen, und die „Gegner“ bzw. die zu Tötenden versinnbildlichen seine Verbindungen und Anhaftungen an diese Welt. Das Aufnehmen dieses Kampfes erfordert Mut: den Mut, alle Gewohnheiten und Gebundenheiten an diese Welt loszulassen.</p>
<p>Hierzu gibt Krishna den Rat: Lass dir Vergnügen und Schmerz, Gewinn und Verlust, Sieg und Niederlage ganz gleich sein und tritt so in den Kampf ein. Entsage jedem Verlangen nach Vorteilen und jeder Angst vor Fehlschlägen. Ringe um Gleichmütigkeit in deinen Handlungen. Bleibe in der Hingabe an mich. Mit diesen und weiteren Erläuterungen über den Weg, der zur Erkenntnis der Wahrheit führt, d.h. mit dem Hören auf die Stimme des Herzens, beginnt Arjuna, wie jeder andere Sucher, den Weg zurück in das „ursprüngliche Königreich, das nicht von dieser Welt“ ist, wie das Neue Testament das Ziel des Pfades bezeichnet. Dieses „Hören“ der inneren Stimme erfordert ein konsequentes Loslassen aller (irdischen) Wünsche, Begierden und Gebundenheiten an diese Welt. Mit dem Hören und Lauschen nach innen geht eine Kraftübertragung einher. Sie schenkt den Mut zur Verwirklichung der übertragenen Impulse. Erleben wir in uns diesen Mut?</p>
<h3>Der Weg der Erkenntnis</h3>
<p>In den folgenden Kapiteln (Kapitel 2 -14<a href="#_ftn5" name="_ftnref5">[5]</a>) der Bhagavad Gita erläutert Krishna die wichtigsten Schritte und das Wissen über den Pfad zur Befreiung. Alle heiligen Schriften beschreiben die Etappen der zunehmenden (Selbst-) Erkenntnis. Auf diesem Weg nähert sich der Sucher mehr und mehr Krishna und erkennt ihn als den ihm wohnenden „Höchsten Geist“.  Durch die erneute Verbindung mit diesem Höchsten Geist, dem „ES“, das nicht erklärbar oder beschreibbar ist und allen Verstand übersteigt und Zeit und Raum vergehen lässt, überwindet Arjuna seine Mutlosigkeit, Niedergeschlagenheit und Zweifel.</p>
<p>Im 15. Kapitel spricht Krishna zu Arjuna über die Erkenntnis des Höchsten Geistes (des ES):</p>
<blockquote><p>Ich wohne in den Herzen aller Menschen [&#8230;] weil ich über dem Zerstörbaren und selbst auch über dem Unzerstörbaren stehe, deshalb werde ich sowohl in der Welt wie in den Veden der Höchste Geist genannt. Wer nicht in Täuschung befangen ist, der erkennt mich als den Höchsten Geist, weiß alle Dinge und verehrt mich in jeder Form und in jedem Zustand. So habe ich dir […] diese heilige Wissenschaft erklärt. […] Wer sie versteht […] wird ein weiser Mann und der Vollbringer von allem, was geschehen muss. <a href="#_ftn6" name="_ftnref6">[6]</a></p></blockquote>
<h3>Was kann das für den heutigen Menschen bedeuten?</h3>
<p>Wir leben heute in einer Welt des Kampfes, sind von Umweltkatastrophen, Kriegen und neuen Krankheiten bedroht. Die Gesellschaft ist gespalten; viele Familien und Freundschaften wurden in der Coronakrise zerrissen. Alte Dogmen, Gewohnheiten, Glaubensgrundsätze gelten nicht mehr. Wohin führt dies alles? Was erwartet uns in der Zukunft? Könnten wir nicht wie Arjuna verzagen und mutlos werden? Haben wir das Glück, wie er, die Erinnerung an unser Innerstes, das nicht von dieser Welt ist, noch nicht ganz verloren zu haben, so dass wir den Kampf um unser innereigenes Königreich noch führen können?</p>
<blockquote><p>Woher kommt dir deine Verzagtheit, sagt Krishna zu Arjuna, sie ist entwürdigend. Verlasse du … diese verächtliche Herzensschwäche und erhebe dich<a href="#_ftn7" name="_ftnref7">[7]</a>.</p></blockquote>
<p>Erkennen wir unsere ganze Gebundenheit an diese Welt, unsere Ängste, Sorgen, unsere Begierden und Wünsche als unsere Feinde, die Feinde unseres wahren Selbstes? Dann können wir uns bereit machen für den Pfad, der zur Befreiung führt! Wir alle sind, wie die Bibel uns nachdrücklich zuruft, Kinder Gottes und zur Freiheit gerufen. Krishna, Christus und alle Großen im Geist zeigen uns den Weg, und in der größten Not können wir ihre Stimme in uns, die „Stimme der Stille“, hören, denn</p>
<blockquote><p>ES ist jetzt! ES ist unteilbar, unverzehrbar […] ewig, universal, unsichtbar. ES ist ohne Geburt und kennt keinen Tod. Lass dir Vergnügen und Schmerz, […] Sieg oder Niederlage ganz gleich sein[…] Mache dich gleichmütig gegen Erfolg oder Fehlschlag, […] denn jene, welche Belohnung für ihre Taten außer Acht lassen, werden auf Erden nicht wiedergeboren und gehen in jenen ewigen glücklichen Zustand ein, der frei ist von allen Schwierigkeiten.<a href="#_ftn8" name="_ftnref8">[8]</a></p></blockquote>
<p>Das Suchen nach der „Stimme der Stille“ in uns bringt uns zur Erkenntnis und ermöglicht es uns, den Pfad zu gehen. Hören wir auf sie, so empfangen wir von ihr den Mut, den Lehren, die wir empfangen, zu folgen, so wie Arjuna am Schluss der Bhagavad Gita.</p>
<hr />
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a>Die Bhagavad Gita (BG), Das Buch der Ergebenheit, <a href="https://www.theosociety.org/pasadena/gita/bg-eg-hp.htm">Bhagavad-Gita&#8220; and WQ Judge &#8222;Essays on the Gita</a>; (Deutsche Übersetzung durch Theosophische Gesellschaft, ohne Datum), Kapitel XVIII, S. 92</p>
<p><a href="#_ftnref2" name="_ftn2">[2]</a>BG: Einführende Worte von W.G. Judge 1890, S. VII</p>
<p><a href="#_ftnref3" name="_ftn3">[3]</a>BG, Kapitel 1: Die Verzagtheit des Arjuna, S.5</p>
<p><a href="#_ftnref4" name="_ftn4">[4]</a>BG, Kapitel 2: Ergebenheit auf Grund der spekulativen Lehren, S 9/1.0</p>
<p><a href="#_ftnref5" name="_ftn5">[5]</a> Eine Beschreibung der verschiedenen Kapitel würde das Format und das Ziel dieses Artikels sprengen, es wird hierzu auf die verschiedenen ausführlichen Betrachtungen der Bhagavad Gita verwiesen, z.B.: <a href="https://vedanta-yoga.de/bhagavad-gita/bhagavad-gita-buch-empfehlung/">Bhagavad Gita Buch Empfehlung Übersetzung und Kommentar</a></p>
<p><a href="#_ftnref6" name="_ftn6">[6]</a>BG, Kapitel 15: Ergebenheit durch die Erkenntnis des Höchsten Geistes, S. 75/76</p>
<p><a href="#_ftnref7" name="_ftn7">[7]</a>BG, Kapitel 2: Ergebenheit auf Grund der Spekulativen Lehren, S.7</p>
<p><a href="#_ftnref8" name="_ftn8">[8]</a>BG, Kapitel 2: Ergebenheit auf Grund der spekulativen Lehren, S.9</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Parzival, der tumbe Tor</title>
		<link>https://logon.media/de/logon_article/parzival-der-tumbe-tor/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Heiko Haase]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 Jun 2026 06:00:46 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Nie hätte Parzival den Gral gefunden, wenn er nicht immer wieder in seiner Seele zu dem Ursprung (dem „Welten-Ei“) zurückgekehrt wäre und sich daran erinnert hätte, dass die Offenheit im Herzen seine größte Gabe ist. Viele Schöpfungsmythen erzählen uns, dass Himmel und Erde aus einem Welten-Ei entstanden sind. Aus dem Einen, in dem potentiell alles [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Nie hätte Parzival den Gral gefunden, wenn er nicht immer wieder in seiner Seele zu dem Ursprung (dem „Welten-Ei“) zurückgekehrt wäre und sich daran erinnert hätte, dass die Offenheit im Herzen seine größte Gabe ist.</em></p>
<p><span id="more-114155"></span></p>
<p><em>Viele Schöpfungsmythen erzählen uns, dass Himmel und Erde aus einem Welten-Ei entstanden sind. Aus dem Einen, in dem potentiell alles angelegt ist, entwickelt sich die schöpferische Vielfalt in ihren schillernden Gestaltungen. Noch in der Theorie vom Urknall finden wir einen Abglanz dieses Mythos wieder. Die Astronomen nehmen an, dass sich das Universum aus einem einzigen, hochverdichteten „Punkt“ (oder, wie manche heute sagen: einer „Raum-Blase im Quantenformat“) immer weiter ausgedehnt hat. Die Aspekte unseres Daseins haben sich im Laufe der Zivilisationsentwicklung ausdifferenziert und werden wissenschaftlich erforscht, aber das Urbild dahinter hat sich über die Jahrtausende erhalten. Ganz gleich also, ob wir die alten Mythen oder die moderne Naturwissenschaft befragen, überall stoßen wir auf den Gedanken, dass die Vielfalt von einer Einfalt herrührt und mit dieser in einem ursprünglichen Zusammenhang steht.</em></p>
<h3><strong>Rückbesinnung auf den ersten Impuls</strong></h3>
<p>Die Evolution erhält folglich ihren allerersten Impuls aus einem Einheitszustand, der nur leider in der heutigen Kulturwelt kaum mehr Beachtung findet. Doch was geschieht, wenn sich das Eine in der Vielheit immer weiter zerstreut und es nicht mehr zu einer Rückbesinnung auf den Ursprung kommt? Der Entwicklungsgedanke verkommt dann zum Dogma, wird zur Besessenheit, zum Optimierungswahn. Entwicklung meint nur noch Steigerung und Vermehrung, und alles, was von diesem Maßstab abweicht, wird als Rückschritt gewertet. Insbesondere wenn es um Macht und Kapital geht, soll der Zuwachs unendlich sein, auch wenn das ein völlig unnatürliches Prinzip ist. Die auflösenden Prozesse von Welken und Vergehen, die die dunkle Jahreszeit wie einen Schleier über die Natur legt, könnten uns an das kosmische Welten-Ei erinnern, zu dessen Keim-Stadium alles zurückkehrt. Jede Entfaltung muss sich irgendwann in die Stille eines Rückzugsraumes kehren, der zur Brutstätte für das Kommende wird. Darin versammeln sich die Kräfte zu ihrer Regeneration, um schließlich aufs Neue auszuströmen, wenn die Zeit dafür reif geworden ist.</p>
<p>Das Welten-Ei liegt also keineswegs irgendwo in einer fernen Vergangenheit, die uns nichts mehr angeht. Es ist immerwährend da und öffnet von Zeit zu Zeit neue Räume, stößt neue Entfaltungsreigen an, deren Tänze wir allerdings nur mitfeiern können, wenn wir Kind bleiben oder wieder werden wie die Kinder. Wir sind dazu aufgerufen, eine ganz untypische Entwicklung zuzulassen, die gar nicht linear verläuft und auch nicht unersättlich nach einem Besser, Schneller, Höher oder Weiter strebt. Die Entwicklung, von der ich hier spreche, zeichnet sich vielmehr durch Schonung und Sensibilisierung aus. Entscheidend ist die Wiederentdeckung einer angeborenen Fähigkeit und kein nimmersattes Übertrumpfen-Wollen oder Ausbeuten der Schöpfung. Entwicklung also als Hebammendienst, als Ausbildung und Verfeinerung eines bereits in uns existierenden Sensoriums, das als Keimzelle vorhanden ist und immer wieder neue Geburten anstoßen möchte.</p>
<h3><strong>Offen für die Welt</strong></h3>
<p>Martin Heidegger spricht von der „Welt-Offenständigkeit&#8220; und bezeichnet sie als „Grundverfassung des menschlichen Existierens&#8220;. „Die Offenständigkeit für das Anwesende ist der Grundzug des Menschseins.&#8220;<a href="#_ftn1" name="_ftnref1"><sup>[1]</sup></a> Wenn wir in diesem Sinne von Entwicklung sprechen, dann kommt es vor allem darauf an, wieder durchlässig zu werden, ähnlich wie ein kindliches Gemüt, das in staunender Offenheit der Welt begegnet und sich mit allen Dingen verbunden fühlt. Der offenständige Mensch widersetzt sich der Entwicklungs-Tyrannei, weil er ahnt, dass jede Entfaltungssehnsucht im tiefsten Grunde eine Sehnsucht nach Offenheit ist. Unsere Offenständigkeit ist das Eingangstor, durch das die bunte Vielfalt der Welt einströmen kann, um sich mit uns in einem Beziehungsgefüge zur Einheit zu versammeln.</p>
<p>Was ich hier versucht habe, in philosophisch-poetischen Worten anzudeuten, findet sein anschauliches Abbild in dem Parzival-Mythos. Parzival wird ja als der &#8222;tumbe Tor&#8220; bezeichnet und auch wenn er selbstverständlich eine Entwicklung durchmacht, so bleibt doch unverkennbar, dass er sich bis in seine Reifejahre hinein eine Prise Wildheit bewahrt und sich nie ganz von seinem ungestümen Wesen bzw. seiner Herzensintuition lossagt. Ein Teil seines Reifeprozesses ist also gerade dadurch charakterisiert, dass er all den Erziehungsmaßnahmen abschwört, um sich seine Unvoreingenommenheit zu erhalten (bzw. um sie wieder zu erringen). Schon in der ganzen Art seines Aufwachsens wird deutlich, dass Parzival am Ende nie vollständig zu zähmen sein wird. Er wird im Versteck des wilden Ödlands von Soltane erzogen, in einem Reich, über das seine Mutter Herzeloyde herrscht und in dem er allen weltlichen Einflüssen entzogen ist. Da Herzeloyde ihren Mann Gachmuret durch einen blutigen Ritterkampf verloren hat, will sie den Sohn um jeden Preis vor einem ähnlichen Schicksal bewahren. Allen Behütungsversuchen zum Trotz entwickelt sich Parzival zu einem munteren, offenherzigen Jungen, der immer dann Kummer empfindet, wenn der Gesang der Vögel ihm süß ins Herz dringt und seinen Freiheitsdrang weckt. Doch Herzeloyde wünscht sich, dass ihr Sohn niemals flügge wird und er immer in ihrer Obhut bleibt. Daher beginnt sie ihre grausame Fehde gegen die Vögel und befiehlt den Bauern und Knechten sie zu fangen und zu erdrosseln. Parzival ist bestürzt über die dunklen Absichten seiner Mutter und bittet sie inständig, die Vögel zu schonen. Da kommt Herzeloyde zur Besinnung und bereut ihre Tat: „Wie käme ich dazu, seine Ordnung umzukehren, der doch der höchste Gott ist? Sollen denn um meinetwillen Vögel nicht mehr fröhlich sein?&#8220;<a href="#_ftn2" name="_ftnref2"><sup>[2]</sup></a></p>
<h3><strong>Die schwarz-weiße Gottesvorstellung</strong></h3>
<p>Der Dialog zwischen Mutter und Sohn entspinnt sich weiter und sie kommen auf Gott zu sprechen. Herzeloyde sieht eine günstige Gelegenheit, um dem Sohn ihre schwarz-weiße Gottesvorstellung einzuverleiben: „So zeigte sie den Unterschied zwischen Finsternis und Licht&#8220;, woraufhin Parzival die Flucht ergreift und „weit weg&#8220; rennt, als wollte er sich möglichst deutlich von der einseitigen Ideologie der Mutter distanzieren. Parzival erträgt die moralische Rede nicht und nimmt Reißaus. Trotz aller Warnungen begehrt er auf und will sogar in seinem Übermut den Teufel herausfordern: „Ach käme doch jetzt der Teufel her mit seinem Zorn und seiner Wut – den besieg ich, ganz bestimmt! Die Mutter sagt, er sei zum Fürchten – ich glaub, sie hat den Mut verloren.&#8220;<a href="#_ftn3" name="_ftnref3"><sup>[3]</sup></a> Von Anfang an zeigt sich die Opposition Parzivals gegen das traditionelle kirchliche Weltbild und seine eisernen Abschirmungsversuche. Alles in Parzival ist darauf angelegt, diese Einseitigkeit aufzuheben und dagegen zu rebellieren. Er will nicht in dem alten Streit der zweiwertigen Polaritäten stecken bleiben. Ganz gemäß dem berühmten <em>Elsterngleichnis</em> aus dem Prolog hat er gleichermaßen „am Himmel wie der Hölle&#8220; Teil.<a href="#_ftn4" name="_ftnref4"><sup>[4]</sup></a> Für den Gralssucher Parzival gilt es, die Mitte in diesem Kräftespiel zu finden und sich nicht mehr auf eine Seite zu schlagen (und dabei in Feindschaft zur anderen zu geraten), wie es ihm seine Mutter vorlebt.</p>
<p>Im walisischen <em>Peredur</em> (einer „Romanze“ aus dem 12./13. Jh.) wird die wilde Natur Parzivals noch deutlicher sichtbar. Er ist so schnell, kraftvoll und wendig, dass er als einziger die Rehe und Wildziegen mit bloßen Händen einfangen kann, was sonst niemandem gelingt. Peredur strotzt nur so vor ungezähmter Kraft, und es mag sein, dass es dieser Charakterzug war, der Herzeloyde besonders in Ängste versetzte. Doch obwohl Parzival in der Wildnis aufwächst, ist sie ihm kein Ort der Selbstentfaltung. Es ist eine allseits gefährdete Wildnis, in der ihm jederzeit die Stutzung seiner Flügel droht. Daher nennt Wolfram von Eschenbach Soltane immer „waste&#8220;, wie das <em>Waste Land</em>. Zwar gibt es in Soltane Wiesen, Wälder und Flüsse, aber die Ödnis dieser Gegend ist Abbild einer trügerischen inneren Freiheit. Die Welt-Offenständigkeit ist hier ständig bedroht. Die schwarz-weiße Gottesvorstellung lässt die Seele auf Dauer austrocknen, da sie an alle Erscheinungen sogleich einen Bewertungsmaßstab anlegt, wodurch es unmöglich wird, die Phänomene unvoreingenommen in ihrem So-Sein wahrzunehmen. Wirklich offen zu sein bedeutet ja auch, einfältig zu sein, d.h. das Begegnende in seinen offenen Armen einzufalten, wozu es auch einen Schuss Unbekümmertheit braucht, die sich freimachen kann von all den trennenden Vorurteilen und Herabwürdigungen.</p>
<h3><strong>Ritter und Gralssucher</strong></h3>
<p>Als Parzival auf einem seiner Streifzüge zum ersten Mal Rittern begegnet, fühlt er sich so angezogen von den geheimnisvollen Männern, die „mehr als Gott geglänzt&#8220; haben, dass er ihnen nacheifern und selbst ein Ritter werden will. Nicht länger hält es ihn in der Ödnis von Soltane, die er Hals über Kopf verlässt. Wäre er ins Grübeln gekommen, hätte ihn wohl der Wankelmut übermannt und wieder von seinem Entschluss abgebracht. Doch die Abenteuerlust ist stärker und lockt Parzival von seiner Mutter fort, die ihn zum Abschied wie einen Narren einkleidet, in der Hoffnung, dass er viele Hänseleien erdulden muss und sich zurück in ihre schützenden Arme flüchtet: „Die Leute spotten allzu gern – Torenkleider soll mein Sohn auf seinem schönen Körper tragen. Wenn er geknufft, geschlagen wird, kommt er vielleicht zu mir zurück.&#8220;<a href="#_ftn5" name="_ftnref5"><sup>[5]</sup></a> Doch der arglistige Plan erfüllt sich nicht. Parzival bricht frohen Mutes auf, woraufhin seine Mutter mit gebrochenem Herzen tot zusammenbricht. Allerdings geht Herzeloydes Plan doch zu einem gewissen Grad auf – aber ganz anders, als sie es sich dachte. Denn Parzival legt zwar schon bald die äußeren Torenkleider ab, aber innerlich sucht er immer wieder den Kontakt zu seiner Toren-Seite, was sich noch als Segen herausstellen wird.</p>
<p>Die Mutterwelt wirkt in Parzival noch lange nach, denn sie hat ihm nicht nur die Narrenkleider auferlegt, sondern ihm obendrein allerlei Ratschläge und Benimmregeln mit auf den Weg gegeben, die er alle in naiver Weise befolgt und die ihn später von einem Fettnäpfchen in das nächste stolpern lassen. Im dritten Buch von Wolframs Parzival wird der Gralssucher neunmal als „tumbe&#8220; bezeichnet, was so viel heißt wie einfältig, töricht, unverständig, unwissend, ungebildet oder unerfahren.<a href="#_ftn6" name="_ftnref6"><sup>[6]</sup></a> Daher erhält er noch im selben Buch eine vorbildliche höfische Erziehung durch seinen Lehrer Gurnemanz: „Ich habe wohl gesehen, dass ihr Belehrung nötig habt. Von nun an lasst schlechtes Benehmen seiner Wege gehen.&#8220;<a href="#_ftn7" name="_ftnref7"><sup>[7]</sup></a> Um Parzival das gute, kultivierte Benehmen beizubringen, soll ihm zuallererst seine „tumpheit&#8220; ausgetrieben werden. Er soll sich zurücknehmen, seine Neugier zügeln, auf diese und jene Etikette achten und nicht mehr so viele Fragen stellen. Doch wie wir aus dem Gang der Handlung wissen, wird Parzival genau diese Erziehungsregel zum schmerzlichen Verhängnis. Bei seinem ersten Besuch auf der Gralsburg (als alles darauf ankommt) versäumt er es, die Frage nach der Verwundung des Fischerkönigs zu stellen, wodurch er dessen Leidenszeit verlängert und das ganze Land in Trauer stürzt. Parzival hat sich als unwürdig für das Gralskönigtum erwiesen. All die guten Manieren und sittsamen Konventionen sind ihm letztlich keine Hilfe auf der Gralssuche, im Gegenteil, sie verwirren ihn mehr, als dass sie ihm nutzen. Wäre er einfach seiner Intuition gefolgt, dem spontanen Impuls des Erstaunens über das Wunderbare, dann hätte er gefragt, aber diese kindliche Offenheit war ihm abtrainiert worden, und so musste er erst wieder lernen, der eigenen Stimme zu vertrauen und unbefangen durch die Welt zu gehen.</p>
<h3><strong>Einfältig weiter suchen</strong></h3>
<p>Als Parzival nach vielen beschwerlichen Irrfahrten an einem Karfreitag bei seinem Onkel Trevrizent in der Klause am Wildquell ankommt, erfährt er dort wieder Orientierung und Aufrichtung. Der weise Eremit klärt Parzival über die geistigen Zusammenhänge des Weltenlaufs auf und enthüllt ihm wichtige biographische Hintergründe über seine Sippschaft. Nach der vorigen Mutter- und Gurnemanz-Episode erhält Parzival nun seine dritte „Erziehung&#8220; und reift zu einem verständigen und einsichtigen Menschen heran. Gleichwohl wird er in einer Sache dennoch in die Irre geführt und bekommt zum wiederholten Mal einen verhängnisvollen Ratschlag. Trevrizent legt Parzival nahe, die Gralssuche aufzugeben und betont: „Ihr sagt, Ihr sehnt Euch nach dem Gral – oh Unverstand! Ihr tut mir leid! Denn niemand kann den Gral erringen, den der Himmel nicht (&#8230;) zum Gral beruft.&#8220;<a href="#_ftn8" name="_ftnref8"><sup>[8]</sup></a> Im mittelhochdeutschen Original nennt der Eremit hier Parzival ausdrücklich einen „tumben man&#8220;.<a href="#_ftn9" name="_ftnref9"><sup>[9]</sup></a> Doch diesmal schert sich Parzival nicht mehr um die Ratschläge, die von allen Seiten auf ihn eindringen und strebt unbeeindruckt weiter nach dem Gral, wie unvernünftig und aussichtslos es auch erscheinen mag. Er findet den Gral also später nur deshalb, weil er sich trotz aller weisen Lehren ein Stück “tumpheit&#8220; bewahrt. Parzival lässt sich seine Einfalt nicht austreiben, sondern entdeckt in ihr gerade die Lösung des brennenden Konflikts.</p>
<p>Am Ende bekennt Trevrizent, dass er Parzival belogen hat: <strong>„</strong>Um euch vom Grale abzulenken, beschrieb ich Euch sein Wesen falsch; lasst mich diese Sünde büßen.&#8220;<a href="#_ftn10" name="_ftnref10"><sup>[10]</sup></a> Damit gesteht Trevrizent ein, dass die Gralssuche eine unergründliche Quest ist, die nicht allein durch Einhaltung moralischer Grundsätze oder idealer Entwicklungsstufen zu bestehen ist. Um den Gral, den heiligen Kelch des Herzens, zu finden, stellt sich als entscheidend heraus, dass Parzival seiner innersten, kindlichen Stimme vertraut und diese sogar wichtiger nimmt als die Worte seines weisen Ratgebers. Durch diesen beherzten Schritt in die Autonomie befreit er sich von den hemmenden Lehrmeinungen und öffnet wieder den Ort der Einfalt im Innern der Seele. Es ist nur auf den ersten Blick ein Ort der äußersten Vereinzelung, denn in dem nackten Zurückgeworfen-Sein auf sich selbst wird Parzival wieder zu dem Welt-Offenständigen, der er schon damals, als spielendes Kind in Soltane war, wo ihn der Gesang der Vögel ans Herz rührte und die Ritter ihm wie Götter erschienen. Nie wäre er ohne diese träumerische Empfindsamkeit in die Welt aufgebrochen, nie hätte er sich später mit seinem schwarz-weiß gescheckten Halbbruder Feirefiz versöhnt, nie hätte er am Ende den Gral gefunden und den Fischerkönig erlöst, wenn er nicht immer wieder in seiner Seele zu dem Ursprung (zu dem Welten-Ei) zurückgekehrt wäre und sich daran erinnert hätte, dass die Offenheit im Herzen seine größte Gabe ist.</p>
<hr />
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> Martin Heidegger, <em>Zollikoner Seminare</em>, S. 292 &amp; S. 94</p>
<p><a href="#_ftnref2" name="_ftn2">[2]</a> Wolfram von Eschenbach, <em>Parzival</em>, Buch 3, 119</p>
<p><a href="#_ftnref3" name="_ftn3">[3]</a> <em>Parzival</em>, Buch 3, 119-120</p>
<p><a href="#_ftnref4" name="_ftn4">[4]</a> <em>Parzival</em>, Buch 1, 1,9 („wie in den zwei Farben der Elster“)</p>
<p><a href="#_ftnref5" name="_ftn5">[5]</a> <em>Parzival</em>, Buch 3, 126</p>
<p><a href="#_ftnref6" name="_ftn6">[6]</a> vgl. <em>Parzival</em>, Buch 3, 155, 19; 159, 10; 161, 17; 161, 20ff.; 161, 25; 162, 1; 162, 27f.; 163, 24; 166, 6</p>
<p><a href="#_ftnref7" name="_ftn7">[7]</a> <em>Parzival</em>, Buch 3, 171</p>
<p><a href="#_ftnref8" name="_ftn8">[8]</a> <em>Parzival</em>, Buch 9, 468, 10-14</p>
<p><a href="#_ftnref9" name="_ftn9">[9]</a> ebenda: &#8222;ir sent iuch umben grâl: / ir tumber man, daz muoz ich klagn&#8220;</p>
<p><a href="#_ftnref10" name="_ftn10">[10]</a> <em>Parzival</em>, Buch 16, 798, 6f.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Wir sind Kinder des Kosmos</title>
		<link>https://logon.media/de/logon_article/wir-sind-kinder-des-kosmos/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Heiko Haase]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 30 May 2026 06:00:53 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Das Leben Konstantin Ziolkowskis – Durch Dornen zu den Sternen Die Beobachtung der Himmelskörper ist nicht nur wissenschaftlich aufregend, sondern vor allem seelisch berührend und faszinierend. Die Unendlichkeit des Weltalls berührt unser Inneres und weckt Ehrfurcht und den Wunsch, Teil eines größeren Ganzen zu werden. Konstantin Ziolkowski (1857–1935), ein russischer Visionär und Wegbereiter der Raumfahrt, [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Das Leben Konstantin Ziolkowskis – Durch Dornen zu den Sternen</em></p>
<p><em><span id="more-125485"></span>Die Beobachtung der Himmelskörper ist nicht nur wissenschaftlich aufregend, sondern vor allem seelisch berührend und faszinierend. Die Unendlichkeit des Weltalls berührt unser Inneres und weckt Ehrfurcht und den Wunsch, Teil eines größeren Ganzen zu werden. Konstantin Ziolkowski (1857–1935), ein russischer Visionär und Wegbereiter der Raumfahrt, war von der Vorstellung ergriffen, dass das menschliche Wesen immer wieder aufs Neue in den Kosmos eintritt, um sich zu vervollkommnen.</em></p>
<blockquote><p><em>Ich wende mich an dich, Ursache allen Seins!</em></p>
<p><em>Du hast uns in den Himmel entrückt, ehe wir es merkten. Der Himmel ist unsere Heimat. Er wird es auch in Zukunft bleiben, nur wird der Himmel dann anders aussehen. Das ganze Sonnensystem wirst du uns schenken.<a href="#_ftn1" name="_ftnref1"><strong>[1]</strong></a> </em></p></blockquote>
<p><em>[…] </em></p>
<blockquote><p><em>Doch es gibt einen anderen Himmel – einen metaphysischen, höheren, mentalen –, den wir betreten werden, wenn wir diese physische Hülle verlieren.</em> <em>Es gibt eine andere Welt – eine geistige –, die sich uns erschließen wird, wenn wir unsere Lebensreise vollendet haben. Diese Welt ist unseren Sinnen unzugänglich, doch sie wird zu gegebener Zeit vor uns erscheinen, wenn wir vor ihr stehen. Der Traum unseres Lebens wird unterbrochen, wir werden unsere geistigen Augen reiben und sehen, woran wir jetzt nicht denken.<a href="#_ftn2" name="_ftnref2"><strong>[2] (</strong></a></em><em>Konstantin Ziolkowski)</em></p></blockquote>
<p>Wenn ich in klaren Nächten den Blick zu den Sternen erhebe, erlebe ich oft ein tiefes Staunen und verspüre Demut angesichts der unendlichen Weite. Schon als Kind habe ich stundenlang am Fenster gesessen, um das Funkeln der fernen Himmelskörper zu bewundern – damals wie heute empfinde ich eine stille, fast ehrfürchtige Verbundenheit mit dem sternenfunkenden Nachthimmel. Es ist, als wären diese leuchtenden Punkte am Himmel Himmelsaugen, die mich anschauen und einladen, über die Grenzen des eigenen Daseins hinauszudenken.</p>
<p>Die Beobachtung der Himmelskörper ist nicht nur wissenschaftlich aufregend, sondern vor allem seelisch berührend und faszinierend. Die Unendlichkeit des Weltalls berührt unser Inneres und weckt Ehrfurcht und den Wunsch, Teil eines größeren Ganzen zu werden. Konstantin Ziolkowski (1857–1935), ein russischer Visionär und Wegbereiter der Raumfahrt, war von der Vorstellung ergriffen, dass das menschliche Wesen immer wieder aufs Neue in den Kosmos eintritt, um sich zu vervollkommnen. Er pflegte freundschaftliche Beziehungen zu Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft in Kaluga &#8211; möglicherweise gehörte er ihr selbst an &#8211; und beschäftigte sich mit dem Werk <em>Die Stimme der Stille</em> von H.P. Blavatsky. Die Suche nach Wahrheit und Vollkommenheit trieb ihn um. Die kosmischen Körper entstehen aus der schöpferischen Kraft des Universums, einer Kraft, der er mit Hilfe der Imagination nachspürte. Ziolkowski befasste sich mit den Evangelien und war begeisterter Leser der Werke Jules Vernes. Nach und nach entwickelte er sich zu einem wissenschaftlich Forschenden, der die Wunder der Außenwelt auf der Basis der Innenwelten zu begreifen trachtete. Das Äußere – so seine Überzeugung – wird vom Inneren hervorgebracht und transformiert.</p>
<p>Ziolkowski war von Kindheit an von den Himmelskörpern fasziniert und widmete sein Leben der Erforschung des Weltraums. In der Erkundung des Weltalls sah er den nächsten Schritt in der Evolution. Seine kosmische Philosophie umfasste den Glauben an eine höhere, kosmische Intelligenz, die das Universum lenkt. Er war davon überzeugt, dass die Menschheit dazu bestimmt sei, das Weltall zu erforschen und dabei zu verstehen, welchen Geheimnissen und Unterweisungen der kosmischen Intelligenz sie folgen muss, um ihre Vervollkommnung zu erreichen. Trotz seiner Visionen blieb er bescheiden angesichts der Größe und Grenzenlosigkeit des Alls und betonte, dass alles menschliche Wissen ein Nichts sei im Vergleich zu dem, was das Universum in sich berge.</p>
<p><strong>Himmelsaugen</strong></p>
<p>Die Augen des Menschen können zu „Himmelsaugen“ werden. Sie können tief ins All blicken, durch Teleskope verstärkt, und Licht und andere Strahlungen auffangen und zur Pforte des Menschen zum Kosmos werden. Sie öffnen ihn für die Einwirkungen von Planeten, Sternen und unfassbar weit entfernten Galaxien. Zugleich können ihm die materiellen Ursprünge des Kosmos vor Augen treten, das „Chaos“, das Ungeordnete.</p>
<p>Neben den äußeren Augen gibt es die inneren, die seelischen. Sie sind in besonderem Maße „Himmelsaugen“, denn sie vermögen die Tiefe der göttlichen Ordnung zu erforschen und den offenen Himmel im eigenen Inneren zu entdecken.</p>
<p>Die inneren Augen laden uns ein, nicht nur mit wissenschaftlicher Neugier, sondern auch mit seelischer Offenheit zu blicken. Sie können sich zum Spiegel des offenen Himmels bilden, Licht empfangen und Licht aussenden. Ihre Strahlungskraft berührt tiefere Schichten in uns, in unserem kleinen „Kosmos“, und weckt die Sehnsucht nach inniger Verbundenheit mit dem Unendlichen, dem unbekannten großen Kosmos. Beim Anblick der Sterne spüren wir oft eine stille Freude: Unser eigenes inneres Suchen und die Weite des Universums kommen miteinander in Berührung, verweben sich ineinander. Die Betrachtung des Himmels kann Trost spenden, Hoffnung schenken und uns helfen, der Sinn unseres Lebens zu entdecken.</p>
<p><strong>Zwei Einweihungswege</strong></p>
<p>Rudolf Steiner weist auf zwei Initiationswege hin, die sich im Menschen vereinen können:</p>
<p>Während bei der ägyptischen Einweihung der Kandidat aus dem Zusammenhang mit der äußeren Welt ganz hinausstieg, um in seine Seele einzugehen, wurde der Schüler der nordischen Mysterien in die kosmischen Welten hinaufgerückt.</p>
<p>Bei der nordischen Einweihung ergoss sich das Innere ins All, bis zum Zodiak, der Zwölfheit, so dass der Eingeweihte die Sternenschrift, das Weltenwort als eine Wahrheit lesen und erleben konnte. Er erhob sich durch Imagination und Inspiration zur kosmischen Intuition, um die feinen göttlich-geistigen Vorgänge im Kosmos in sich aufzunehmen. So erwachte er in den ätherischen Welten, und indem sich seine Seele in den Kosmos ergoss, erfuhr sie diesen in seiner Größe und Umfänglichkeit.<a href="#_ftn3" name="_ftnref3">[3]</a></p>
<p><strong>Ziolkowskis geistige Schau </strong></p>
<blockquote><p><em>Ich möchte Sie für die Betrachtung des Universums begeistern, für das Schicksal, das auf alle wartet, für die wunderbare Geschichte der Vergangenheit und Zukunft jedes Atoms.<a href="#_ftn4" name="_ftnref4"><strong>[4]</strong></a></em></p></blockquote>
<p>Ziolkowski erlitt in seinem Leben mehrere Schicksalsschläge: Ab dem 9. Lebensjahr verlor er nach einer Scharlacherkrankung sein Hörvermögen; später musste er den Tod seiner vier Söhne hinnehmen, u.a. den Suizid von Ignat, der ein vielversprechender Wissenschaftler war und den Ziolkowski sich als seinen geistigen Erben erhofft hatte. Hinzu kamen Zeiten bedrückender Armut. Bei all dem aber verklärte der Geist diesen Menschen und rüstete ihn für seine Aufgaben:</p>
<blockquote><p><em>„Dieses Unglück hat mein Herz erweicht, meinen Charakter zumindest ein wenig gezähmt, meine Gedanken zum Himmel, zur Zukunft, zur Unendlichkeit gelenkt und mich vielleicht vor vielem Unheil bewahrt. Ohne dieses Leiden hätte ich meine ‚Ethik‘ nicht geschrieben.“</em> 5</p></blockquote>
<p>Jede Lebensphase vergrößerte seinen Wirkungsradius, eröffnete ihm neue Horizonte und verschaffte ihm tiefere Erkenntnisse. Sein Lebensmotto war: <em>„Das Leben nicht umsonst leben, die Menschheit voranbringen.“</em> In der Besiedlung des Weltraums sah er eine moralische Pflicht, die der Vollendung des menschlichen Geistes dient. Er ging von der Möglichkeit aus, den Tod zu überwinden und das Leben im Universum zu verbreiten.</p>
<p>Ziolkowski schuf das System einer geistigen Lehre, die in ihrem Kern Betrachtungen zur Symmetrie von Geist und Materie enthielt und die Polaritäten von „Oben und Unten“ sowie Innen und Außen zur Übereinstimmung zu bringen suchte: Die Tiefe der Materie entspricht danach den höheren kosmischen Kreisen. In dem Maße, in dem wir in die Höhe des geistigen Kosmos aufsteigen, gehen wir ein in die Tiefe der Materie. Zwischen der Höhe des geistigen Kosmos und der Tiefe des materiellen Kosmos gibt es eine Schnittfläche: den Geist-Seelen-Menschen. Er besitzt neben seiner materiellen Form eine geistig-seelische Gestalt, die aus geistigen Atomen besteht, kleinsten Teilchen einer geistigen DNA, die die Grundlage seiner Entwicklung und sein großes Potenzial ist. Er vereint den materiellen Kosmos mit dem geistigen und vermag alles Materielle zu transzendieren.</p>
<p>Ziolkowski suchte das Wissen aus dem Ur-Quell, den er den kosmischen Christus nannte. Der Ehebund zwischen ihm und seiner Frau, die begeistert mitwirkte bei der Erforschung der kosmischen Unendlichkeit, entsprach für ihn dem geistigen Prinzip der Zweieinheit des Männlichen und Weiblichen. Beide studierten gemeinsam die Evangelien<sup>6</sup> und gelangten zu Einsichten, die einen Weg der Befreiung aufzeigen, der den Menschen von kirchlichen Dogmen und angstvollen Stereotypen loslöst. Ziolkowski zeugte davon, dass nicht die kirchliche Religion die Grundlage für Verbindung zum Geist ist, sondern innere Erkenntnis – Gnosis.</p>
<p>Die Begründung unserer Existenz im unendlichen kosmischen Raum geht einher mit der Sehnsucht nach Gnosis – nach tiefer innerer Erkenntnis. Diese Sehnsucht war auch für Ziolkowski der Wegweiser, der den langen Weg zur Transzendierung der Materie durch den Geist weist. Die Verwandlung findet in der Seele und durch die Seele <em>des</em> Menschen statt, der sich auf den Weg der Vervollkommnung begibt. Seine Seelenkraft wird zu einem „Fahrzeug“, das in der Lage ist, die Wände des Kerkers der materiellen Existenz zu durchzubrechen und zum lebendigen Teil des offenen Himmels zu werden. Ein solcher Mensch verwirklicht für sich und andere das hermetische Prinzip „Wie oben, so unten“.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Aus einer Widmung an Konstantin Eduardovich Ziolkowski von seinem Schüler A.L. Chizhevsky</em></p>
<blockquote><p>Wir blicken mit erhobenem Kopf in die nächtliche Weite</p>
<p>und wollen im Schein der Sterne die Gesetze der Welt begreifen,</p>
<p>sie mit dem Schicksal des Lebens vereinen</p>
<p>und die Seile von uns bis zum Altair [Stern im Sternbild Adler] spannen.</p>
<p>Ich, wie du, schaue auf den strahlenden Chor.</p>
<p>[…]</p>
<p>Für uns ist alles eins: im Kleinen wie im Großen.</p>
<p>Gemeinsames Blut fließt durch die Adern des gesamten Universums.</p>
<p>Du bist zu mir gekommen, und wir denken zu zweit,</p>
<p>in inspirierter Freude</p>
<p>außerhalb aller irdischen Zeiten</p>
<p>und außerhalb irdischer Räume.</p>
<p>[…]</p>
<p>Wir sind Kinder des Kosmos,</p>
<p>und unser Heimatort</p>
<p>ist so sehr durch Gemeinsamkeit verbunden und unzerbrechlich,</p>
<p>dass wir uns zu einer Einheit verschmolzen fühlen,</p>
<p>dass an jedem Punkt die Welt, die ganze Welt, konzentriert ist &#8230;</p>
<p>Leben – überall ist Leben in der Materie,</p>
<p>in den Tiefen der Substanz, von einem Ende zum anderen</p>
<p>fließt es feierlich im Kampf mit der großen Dunkelheit,</p>
<p>leidet und brennt, ohne jemals zu verstummen.</p></blockquote>
<hr />
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> Diese Notiz ist auf das Jahr 1923 datiert. Das Autograf wird im Archiv der Russischen Akademie der Wissenschaften aufbewahrt, F. 555. Op.1. D.431. Bl. 2-4, veröffentlicht in der Sammlung: K. E. Ziolkowski, <em>Kosmische Philosophie</em>. Moskau, 2001. S. 271 (in russischer Sprache)</p>
<p><a href="#_ftnref2" name="_ftn2">[2]</a> Konstantin Ziolkowski, <em>Die Theorie der kosmischen Zeitalter</em>, 1932 (1977)</p>
<p><a href="#_ftnref3" name="_ftn3">[3]</a> Rudolf Steiner, <em>Das Johannesevangelium</em>, Archiati Verlag, 2006, S.115-116; s. auch <a href="https://logon.media/de/logon_article/the-spiritual-development-of-the-celtic-folk-soul-part-3/">Die Trotten ein geheimnisvolles Volk – LOGON</a></p>
<p><a href="#_ftnref4" name="_ftn4">[4]</a> Konstantin Ziolkowski, <em>Der Monismus des Universums</em>, 1925 (in russischer Sprache)</p>
<p>[5] Waleri Nikititsch Demin, Ziolkowski. <em>Leben bemerkenswerter Menschen. Eine Reihe von Biografien</em>, Molodaja Gvardija Verlag, 2005, Moskau, SS.79-80, 119-122 (in russischer Sprache)</p>
<p>[6] van Ivanov (Pseudonym von K. Ziolkowski), <em>Der Zimmermann aus Galiläa. Das Wesen der evangelischen Überlieferungen,</em> 1924–1926, ARAS. F.555. Op.1. D.438. L.32–61 (in russischer Sprache)</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Das Exil als Vorbereitung</title>
		<link>https://logon.media/de/logon_article/das-exil-als-vorbereitung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Heiko Haase]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 May 2026 06:00:18 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Das Exil wird nicht auferlegt, es wird gewählt. Manche Menschen gehen mit einem subtilen Gefühl der Distanz durchs Leben – einem stillen Bewusstsein, dass sie nicht ganz mit der Oberfläche der Welt übereinstimmen. Das bedarf keiner Erklärung. Die Teilnahme fällt leicht genug. Man lernt zu sprechen, zu arbeiten, äußerlich dazuzugehören. Doch selbst in Momenten der [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Das Exil wird nicht auferlegt, es wird gewählt.</em></p>
<p><em><span id="more-127243"></span>Manche Menschen gehen mit einem subtilen Gefühl der Distanz durchs Leben – einem stillen Bewusstsein, dass sie nicht ganz mit der Oberfläche der Welt übereinstimmen. Das bedarf keiner Erklärung.</em></p>
<p>Die Teilnahme fällt leicht genug. Man lernt zu sprechen, zu arbeiten, äußerlich dazuzugehören. Doch selbst in Momenten der Leichtigkeit bleibt etwas leicht abseits – aufmerksam statt vertieft. Man betritt die Welt, bewohnt sie jedoch nie ganz.</p>
<p>Diese Distanz wird oft missverstanden. Sie ist keine Unzufriedenheit und entspringt keiner Ablehnung. Sie beinhaltet kein Urteil über die Welt und kein Gefühl der Überlegenheit. Wenn überhaupt, schärft sie die Aufmerksamkeit. Das Leben ist vorläufig, bedeutungsvoll, doch in sich selbst nie vollständig.</p>
<p>Allmählich drängt sich ein Wort auf: Exil. Nicht als Strafe oder Klage, sondern als Zustand – eine Art, im Leben zu stehen, ohne sich seinen Annahmen vollständig zu unterwerfen. Eine innere Verschiebung, die keinen Groll, sondern nur Achtsamkeit in sich trägt.</p>
<p>Dieses Exil kündigt sich nicht an. Es birgt kein Drama. Es drückt sich durch eine stille Sensibilität für Schwellen aus – Momente, in denen die Welt dünner erscheint, in denen etwas Wesentliches nahekommt. Der Fremde sucht nicht nach diesen Momenten; sie kommen unaufgefordert.</p>
<p>Was als Distanz erscheint, ist eine Form der Achtsamkeit. Ein Zögern, Bedeutung in Unmittelbarkeit zusammenfallen zu lassen. Eine Weigerung, dem Sichtbaren zu erlauben, das Reale zu definieren.</p>
<p>Diese Lebensweise hat eine bestimmte Textur. Die Zeit entfaltet sich weniger als ein Zeitplan voller Anforderungen, sondern eher als ein Feld, in dem sich die Aufmerksamkeit bewegt. Das Bedürfnis, Bedeutung schnell zu definieren oder für sich zu beanspruchen, dominiert nicht. Momente bleiben offen, unvollendet. Das ist keine Unentschlossenheit, sondern eine Zurückhaltung – ein intuitives Gespür dafür, dass das, was am wichtigsten ist, nicht in Klarheit gepresst werden kann, ohne an Wert zu verlieren.</p>
<p>Das Leben verläuft still neben diesem Bewusstsein, gewöhnlich und undramatisch, doch aus einem leichten Winkel betrachtet, als ob etwas Wesentliches direkt jenseits der Grenze des Ausdrucks wartete.</p>
<p>Manche Orte erkennen diesen Zustand, bevor er benannt wird. Sie erklären oder lösen ihn nicht – sie begegnen ihm. Und in dieser Begegnung mildert sich das Gefühl der Distanz. Nicht weil es verschwindet, sondern weil es nicht länger falsch gedeutet wird.</p>
<p>En Gedi gehört zu einer anderen Ordnung von Orten. Eine Oase, die sich aus Wüstenstein erhebt. Wasser, das fließt, wo es nicht fließen sollte, Grün, das sich in Hitze und Fels drängt. Der Ort gibt keine Erklärung ab. Er besteht fort. Und in diesem Fortbestehen wird etwas still erkannt.</p>
<p>Lange bevor er zu einem Reiseziel oder Symbol wurde, gehörte diese Landschaft denen, die die Nähe zur Stille, zur Disziplin und zu dem wählten, was sie als göttlich verstanden. Ihre Präsenz verweilt. Ob benannt oder nicht, sie bleiben.</p>
<p>Steht man an diesem Ort, fühlt man sich angesprochen – nicht von der Geschichte, sondern von etwas, das in dem Land selbst noch lebendig ist. Ein Gefühl, dass es versteht, was es bedeutet, innerlich lebendig zu bleiben, während man äußerlich exponiert ist. Israel ist in diesem Sinne keine Idee oder Identität, sondern Land – Licht auf Stein, uralte Pfade und Nähe über Schichten der Zeit hinweg.</p>
<p>An solchen Orten nimmt das Exil eine andere Qualität an. Es fühlt sich nicht mehr wie Trennung an. Es wird zur Orientierung. Der Fremde ist kein Durchreisender. Er wird stillschweigend anerkannt.</p>
<p>Das Land der Katharer bietet eine Parallele auf einer anderen Ebene – nicht allein durch Ausdauer, sondern durch Klang, Stille und Verborgenheit. Diese Landschaften wurden durch Weitergabe geprägt – durch das Bedürfnis, etwas Lebenswichtiges zu bewahren, ohne es preiszugeben, nicht durch Verkündigung, sondern durch Atmosphäre.</p>
<p>Hier spielte Musik eine Rolle. Die Troubadoure predigten nicht. Sie sangen. Was als Aussage nicht Bestand haben konnte, fand Zuflucht in Ton, Rhythmus und Kadenz. Bedeutung wurde gewoben statt behauptet. Wer sie hören konnte, tat es – wer nicht, blieb unbeeindruckt.</p>
<p>Die Höhlen waren nicht nur Zufluchtsorte – sie waren Schwellen. Akustisch lebendig, empfänglich für Stille. Das Hören intensivierte sich an diesen Orten, geschärft durch die Trennung. Dies waren keine Fluchten vor der Welt, sondern Wege, sie innerlicher wahrzunehmen.</p>
<p>In diesen Räumen sammelt sich Klang, anstatt sich zu zerstreuen. Musik verweilt, wiederholt sich, faltet sich zurück zu dem, der zuhört. Stille wird zu ihrer eigenen Präsenz. Diese Räume lehren eine andere Ökonomie – eine, in der weniger mehr bedeutet und das Zurückgehaltene an Bedeutung gewinnt.</p>
<p>Die Weitergabe hängt hier nicht von Erklärung ab, sondern von Resonanz. Was Bestand haben soll, tut dies durch Schutz, durch eine Art innerer Reifung jenseits der Reichweite der Außenwelt.</p>
<p>Exil wird hier zu einer Geste des Schutzes – einem bewussten Zurücktreten, um das zu bewahren, was innerlich wahr ist. Der Fremde erkennt dies nicht als Ausflucht, sondern als Treue.</p>
<p>Was im Land der Katharer verbleibt, ist keine Lehre, sondern eine Atmosphäre – aufgeladen durch Leben, die in stiller innerer Ausrichtung gelebt wurden. Die Kluft zwischen Innen und Außen wird nicht aufgelöst – sie wird gewürdigt.</p>
<p>Schließlich erhält das Muster einen Namen: Patmos. Nicht einfach eine Insel oder ein Mythos, sondern ein Zustand – eine Form der Einsamkeit, die den Blick klärt. Hier lässt die Dringlichkeit nach. Forderungen treten in den Hintergrund. Die Seele wird still genug, um wieder wahrzunehmen.</p>
<p>En Gedi, die Katharerhöhlen, Patmos – dies sind keine Orte des Rückzugs, sondern der Verfeinerung. Ihre Abgeschiedenheit ist keine Flucht, sondern ein Weg, die Wahrnehmung zu vertiefen.</p>
<p>In diesen Zustand einzutreten bedeutet nicht, die Welt aufzugeben. Es bedeutet, ihr neu zu begegnen, ohne Ablenkung. Der Lärm geht weiter – er bestimmt einfach nicht mehr die Realität. Eine subtilere Art der Aufmerksamkeit erwacht.</p>
<p>In diesem Sinne wird das Exil nicht auferlegt. Es wird gewählt. Nicht, um der Welt auszuweichen, sondern um einen Raum zu schaffen, von dem aus sie wirklich gesehen werden kann. Hier wächst die Sicht – nicht allein durch den Rückzug, sondern durch die Klarheit, die die Stille ermöglicht.</p>
<p>Der Fremde nimmt Patmos nicht als Theorie an. Es fühlt sich vertraut an – ein Zustand, in dem man klar sieht und die Ausrichtung bewahrt, ohne sie erklären zu müssen.</p>
<p>Aus dieser Klarheit heraus verändert sich auch die Teilhabe. Man tritt vollständiger ins Leben ein, jedoch ohne Besitz. Präsenz ersetzt Anhaftung. Das Engagement vertieft sich.</p>
<p>Mit der Zeit entdeckt man Orte, an denen diese Ausrichtung bereits gelebt wurde, an denen der Zustand des Exils keiner Rechtfertigung bedarf. Dies sind keine Zufluchtsorte, sondern Tempel – erbaut nicht durch Doktrin, sondern durch stille Wiederholung und innere Treue.</p>
<p>Ein Tempel ist in diesem tieferen Sinne nicht von oben auferlegt. Er wächst organisch, durch nach innen gewandte Leben, durch gemeinsame Achtsamkeit, durch unsichtbare Arbeit.</p>
<p>Solche Orte überzeugen nicht. Das müssen sie auch nicht. Ihre bloße Anwesenheit reicht aus. In ihnen fühlt sich der Fremde weniger fremd – nicht weil er ein Zuhause gefunden hat, sondern weil seine Distanz verstanden wird.</p>
<p>Hier zählt Hingabe, nicht Glaube – Beständigkeit, nicht Gewissheit. Ein Leben, das beständig auf das ausgerichtet ist, was tiefer liegt als der Augenblick oder die Stimmung.</p>
<p>Das Exil löst sich hier nicht auf – es klärt auf. Die Distanz bleibt, aber ihre Qualität verändert sich. Was sich einst wie Abwesenheit anfühlte, wird zur Freiheit. Was sich einst wie Verlust anfühlte, wird zur Perspektive.</p>
<p>So zu leben bedeutet, leichtfüßig zu gehen. Zu lieben, ohne zu besitzen. Teilzuhaben, ohne zu ergreifen. Die Welt bleibt drängend, doch ihre Forderungen haben nicht mehr die totale Macht.</p>
<p>Der Fremde lässt das Leben nicht hinter sich. Er bleibt darin – auf andere Weise. Und in diesem Unterschied, einmal erkannt, braucht nichts mehr gesagt zu werden.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die Legende vom unerschütterlichen alten Mann und dem kleinen Zweig</title>
		<link>https://logon.media/de/logon_article/the-legend-of-the-unshakable-old-man-and-the-little-twig/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Wiesia]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 13 Jan 2026 06:00:28 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Freiheit liegt nicht in Reinheit, sondern in der vollständigen Akzeptanz jedes Windes, jedes Zweigs, jedes Chaos – ohne inneren Widerstand oder persönliche Vorlieben. Teil Eins Ich habe diese Parabel vor etwa sechs oder sieben Jahren zum ersten Mal gehört. Seitdem taucht sie immer wieder in Gesprächen auf – ich erzähle sie gerne meinen Freunden und [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Freiheit liegt nicht in Reinheit, sondern in der vollständigen Akzeptanz jedes Windes, jedes Zweigs, jedes Chaos – ohne inneren Widerstand oder persönliche Vorlieben.</em></p>
<p><span id="more-124577"></span></p>
<h3>Teil Eins</h3>
<p>Ich habe diese Parabel vor etwa sechs oder sieben Jahren zum ersten Mal gehört. Seitdem taucht sie immer wieder in Gesprächen auf – ich erzähle sie gerne meinen Freunden und Angehörigen. Und als sie mir an Heiligabend wieder in den Sinn kam, beschloss ich, sie aufzuschreiben.</p>
<p>In einem der Bergtäler Chinas lebte ein alter Mann. Man sagte, sein Geist sei so ruhig wie die Oberfläche eines Bergsees: Kein Sturm konnte das Spiegelbild des Himmels in seinen Tiefen stören. Er war kein Lehrer, hatte keine Schüler und strebte nicht nach Ruhm – er lebte einfach, wie diejenigen, die es nirgendwo eilig haben.</p>
<p>Später erfuhr ich, dass diese Geschichte oft Bodhidharma (Damo) zugeschrieben wird, dem ersten Patriarchen der Chan-Schule, der im 6. Jahrhundert die Lehre der direkten Einsicht in das Wesen des Seins von Indien nach China brachte. Es handelt sich hierbei nicht um eine kanonische Biografie, sondern um eine im Laufe der Zeit entstandene Volksparabel – eine Geschichte über die letzte und schwierigste Prüfung auf seinem Weg.</p>
<h3>Die erste Prüfung – Diebe</h3>
<p>Eines Nachts brachen Diebe in seine Behausung ein. Der alte Mann, der in Meditation versunken war, beobachtete ruhig, wie sie seine mageren Besitztümer mitnahmen.</p>
<p>„Nehmt alles mit“, sagte er mit ruhiger Stimme. „Macht nur nicht zu viel Lärm.“</p>
<p>Beeindruckt von seiner Gelassenheit, gingen die Diebe verwirrt davon.</p>
<h3>Die zweite Prüfung – Verrat</h3>
<p>Als der alte Mann einmal nach Hause kam, fand er seinen Nachbarn – einen jungen Mann – mit seiner Frau vor. Er nickte nur leicht, sein Gesichtsausdruck blieb unverändert.</p>
<p>„Verzeih mir, dass ich deine Ruhe gestört habe“, sagte er und ging, als hätte er sich in der Tür geirrt.</p>
<h3>Die dritte Prüfung – Verbannung</h3>
<p>Seine Söhne, für die Ehre und Status alles bedeuteten, erklärten:</p>
<p>„Du bist schwach. Du bringst Schande über unsere Familie. Geh.“</p>
<p>„Wie ihr wünscht, meine Kinder“, antwortete der alte Mann ruhig. Er verbeugte sich, nahm seinen Stab und seine Almosenschale und machte sich auf den Weg in die Berge, zu einem Kloster.</p>
<h3>Das Kloster</h3>
<p>Der alte Mann kam im Kloster an. Er wurde aufgenommen, bekam eine Unterkunft und die Aufgabe, den Hof zu kehren.</p>
<p>Er verbrachte seine Tage damit, den Hof zu fegen, Blätter und Staub zu entfernen, seine Bewegungen waren bedächtig und vertraut. Das Fegen wurde zu einem Ritual – einer Meditation in Aktion. Er fegte nicht Steine, sondern seinen eigenen Geist, und mit jedem Strich wurde es in seinem Inneren leerer und heller. In seiner Freizeit zog er sich tiefer in den Hof zurück, setzte sich unter einen Baum und meditierte, beobachtete seinen Atem und die Bewegungen seines Geistes.</p>
<p>Und in dieser Ruhe, in einer Stille, die ewig zu dauern schien, begann der alte Mann, leises Rascheln und subtile Bewegungen um sich herum wahrzunehmen. Schatten sammelten sich dort, wo noch nie ein Gedanke der Angst gewesen war. In dem flackernden Licht tauchten kaum erkennbare Bildfragmente auf – die ersten Vorboten der Maras. Im Buddhismus, wie auch in der europäischen und slawischen Mythologie, ist dies der Name für Dämonen, die sich von menschlichen Anhaftungen ernähren.</p>
<h3>Der Angriff der Maras</h3>
<p>Die Maras begannen, sich deutlicher zu manifestieren, nahmen furchterregende Gestalten an und flüsterten von der Vergangenheit, um den alten Mann von seiner Arbeit und Meditation abzulenken. Der alte Mann seufzte nur leise, wie gewohnt, bei jedem Schwung mit dem Besen.</p>
<p>Dann änderten sie ihre Gestalt, erschienen in strahlender Pracht und erklärten ihn zum größten Heiligen aller Zeiten, um Stolz und das Verlangen nach Anerkennung in ihm zu wecken, doch der alte Mann lächelte nur innerlich und fegte weiter.</p>
<p>Eines Tages, nachdem er seine Arbeit beendet hatte, setzte er sich unter eine alte Kiefer. Der Hof war sauber. Eine leichte Brise bewegte einen Ast, und ein winziger trockener Zweig fiel auf den Stein zu seinen Füßen. Ein Schatten huschte über das Gesicht des alten Mannes: eine kleine Irritation, eine kaum wahrnehmbare Vorliebe für Ordnung und Sauberkeit.</p>
<p>Die Maras heulten triumphierend: Sie hatten keine Leidenschaft und keine Angst gefunden, sondern die subtilste Vorliebe – seine verborgene Zuneigung. In diesem Moment entfesselten sie einen heftigen Sturm über dem Hof, der Kiefernnadeln, Staub und Schmutz in einen tobenden Wirbel hob und seine makellose Arbeit in Sekundenschnelle zunichte machte.</p>
<p>Der alte Mann trat vor, seine Hände erhoben sich in stummer Verzweiflung.</p>
<p>Die innere Harmonie zerbrach – nicht größer als ein winziger heruntergefallener Zweig. Er identifizierte sich mit dem, was geschah.</p>
<p>Er hatte verloren.</p>
<h3>Teil Zwei – Bedeutung</h3>
<p>In dieser Geschichte geht es nicht um die Niederlage von Bodhidharma (denn laut Überlieferung hat der Patriarch sein Ziel tatsächlich erreicht). Sie offenbart die letzten Fallen auf dem Weg zur Freiheit. Genau diese Niederlage legt die empfindlichsten Ketten offen, die unser „Selbst” fesseln, und deshalb ist sie so wichtig. Betrachten wir dies einmal genauer.</p>
<h3>1. Söhne und Ehefrau – Anhaftung an die Welt der Formen</h3>
<p>Die Söhne verkörpern das soziale Ego: Ansehen, Status, Familie, Ehre, öffentliche Meinung. Der alte Mann lässt dies leicht los – er sieht darin nur Etiketten, nicht sein Wesen. Sein Exil ist ein Akt der vollständigen Loslösung von sozialen Verträgen.</p>
<p>Die Frau und der Nachbar symbolisieren sinnliche Bindung, Besitz und Eifersucht. Der alte Mann identifiziert sich nicht mit dem Körper oder mit Beziehungen im gewöhnlichen, weltlichen Sinne.</p>
<h3>2. Dämonen (Maras) – Die Personifizierung des Ego-Verstandes</h3>
<p>Dies sind keine äußeren Wesen, sondern Kräfte der eigenen Unwissenheit:</p>
<p>Angst, Abneigung, Wut (niedere Dämonen) – die ersten Hindernisse, die ein Suchender überwinden muss.</p>
<p>Stolz, Verlangen nach Anerkennung, spirituelle Arroganz – dies sind subtilere Feinde. Der alte Mann besteht auch diese Prüfung und zeigt, dass selbst die Vorstellung von der eigenen Heiligkeit eine Illusion ist.</p>
<p>Die letzten und am schwersten fassbaren Dämonen sind die Gewohnheiten des Geistes: eine mechanische, fast unbewusste Vorliebe.</p>
<h3>3. „Der kleine Zweig“ – Der letzte Anker des Selbst</h3>
<p>Die letzte Anhaftung ist winzig, kaum wahrnehmbar – eine winzige Falle des Bewusstseins. Selbst nachdem man Familie, Reichtum, Angst und Stolz aufgegeben hat, zieht sich der Geist zu einem mikroskopisch kleinen Identifikationspunkt zusammen. Dies kann folgende Formen annehmen:</p>
<ul>
<li>Anhaftung an Sauberkeit und Ordnung.</li>
<li>Heimliche Freude an der eigenen Nicht-Anhaftung.</li>
<li>Eine leichte Irritation durch ein Geräusch, einen Ton, das Wetter.</li>
<li>Eine unbemerkte Vorliebe für Komfort – Stille, Geschmack, Rituale.</li>
</ul>
<p>Dieser „Zweig“ ist gefährlich, weil er unschuldig, ja sogar tugendhaft erscheint. In ihm verbirgt sich der letzte Funke des Dualismus: „Ich existiere hier, und dies – dieser Zweig, diese Unordnung – sollte in meiner Welt nicht existieren“.</p>
<h3>4. Hurrikan – Das Leben, wie es ist</h3>
<p>Das Leben ist unvorhersehbar und unkontrollierbar. Es stört ständig unsere innere und äußere Welt. Die letzte Prüfung besteht nicht darin, unter idealen Bedingungen Ruhe zu bewahren, sondern gelassen zu bleiben, wenn die Realität selbst die Ordnung stört – und somit wirklich frei zu sein.</p>
<h3>Fazit</h3>
<p>Die Geschichte endet nicht mit einem Sieg, sondern mit einer Niederlage. Doch diese Niederlage ist der beste Lehrmeister. Sie ruft uns zu:</p>
<p>„Bleibe bis zum Ende wachsam. Schau nicht auf die Stürme – höre auf das kaum hörbare Flüstern in deiner eigenen Seele. Freiheit liegt nicht in der Reinheit, sondern in der vollständigen Akzeptanz jedes Windes, jedes Zweigs, jedes Chaos – ohne inneren Widerstand oder persönliche Vorlieben.“</p>
<p>Und wo versteckt sich dein kleiner Zweig?</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die Vielfalt der Welt und die Einheit des Geistes</title>
		<link>https://logon.media/de/logon_article/die-vielfalt-der-welt-und-die-einheit-des-geistes/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Heiko Haase]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 15 Dec 2025 06:00:40 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://logon.media/?post_type=logon_article&#038;p=114003</guid>

					<description><![CDATA[Nach Platon besitzt der Mensch drei Seelen. Der nach Einheit strebende Teil entwickelt eine Einfalt, die dem Menschen die Augen für die Fülle des Geistes wieder öffnet. Die Vielfalt ist das erste, was wir erblicken, wenn sich die Augen öffnen. Alles, was sich bewegt oder uns fremd erschein, erregt unsere Aufmerksamkeit erzeugt Emotionen, Gedanken und [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Nach Platon besitzt der Mensch drei Seelen. Der nach Einheit strebende Teil entwickelt eine Einfalt, die dem Menschen die Augen für die Fülle des Geistes wieder öffnet.</p>
<p style="text-align: center;"><span id="more-114003"></span></p>
<p>Die Vielfalt ist das erste, was wir erblicken, wenn sich die Augen öffnen. Alles, was sich bewegt oder uns fremd erschein, erregt unsere Aufmerksamkeit erzeugt Emotionen, Gedanken und Reaktionen. Doch schon jede Reaktion auf das Wahrgenommene ist individuell, und das setzt sich fort Während der eine neugierig das Objekt seiner Aufmerksamkeit betrachtet, in die Tiefen seines Wesens vorzudringen versucht und vielleicht mit Fragen die Neugierde lebendig erhält, verliert ein anderer schnell wieder sein Interesse und wendet sich neuen Eindrücken zu. So steht hier auf der einen Seite der Sprung von einem Eindruck zum anderen, wie eine Biene, die fleißig von Blüte zu Blüte fliegt und auf der anderen Seite die Vertiefung in einen Eindruck oft über viele Jahre hinweg.</p>
<p>Im Thomasevangelium Logion 5 sagt Jesus:</p>
<blockquote><p>Erkenne, was vor deinem Angesicht ist, und das, was dir verborgen ist, wird offenbart werden. Denn nichts, was verborgen ist, wird nicht offenbart werden.</p></blockquote>
<h3><strong>Die Materie als eine lebendige Welt</strong></h3>
<p>Die materielle Welt ist ein Lebewesen, dass sich durch Vielfältigkeit und Veränderung in Form, Farbe, Geruch und Haptik ausdrückt. In dieser veränderlichen, lebendigen Welt der tausend Dinge ist unsere sinnliche Wahrnehmung darauf ausgelegt, besonders Veränderungen wahrzunehmen. Ein Geruch, der länger anhält, verflüchtigt sich wieder aus unserer Wahrnehmung. Ebenso stehlen sich die Geräusche und Gegenstände, die immer gleich, am gleichen Ort auftreten, schnell aus unserer Aufmerksamkeit davon. Unsere Kultur  ist ständig darum bemüht, neue Zusammenhänge, neue Form-, Klang- und Farbkomposition zu entwickeln, um den Menschen erneut ihre Aufmerksamkeit zu entlocken. Das magische Wort in vielen Lebensbereichen ist „Neu“. Mit ständiger Veränderung von Formen, Farben, Tönen und Bewegungen versucht die materielle Welt, den Menschen in ihre geheimnisvollen Tiefen zu locken und sinnesorganisch zu binden. Sie hat eine äußere Formenseite, die lebendig ist und sich ständig verändert und eine verborgene innere Seite, zu der man durchdringen kann und die eine geistige Dimension hat.</p>
<p>Das Lebendige ist das, was die Seele ausmacht. Platon bezeichnete alles „Lebendige“ als Seele, im griechischen als Psyche. Für ihn war auch der Kosmos lebendig bzw. beseelt, da er aus einer materiellen Struktur besteht, die immer in Bewegung ist. Die Beschäftigung mit dem, was er Seele nannte, war ein zentraler Punkt seiner philosophischen Überlegungen. Die Quelle aller Lebendigkeit und Entwicklung war für ihn als höchste geistige Struktur die Welt der Ideen. Die Seele war für ihn notwendig als Vermittler zwischen den abstrakten Ideen und dem Menschen, der in der Materie lebt.</p>
<h3><strong>Es wohnen drei Seelen in jedem Menschen</strong></h3>
<p>Für Platon besitzt der Mensch drei Seelen. Die höchste ist die unsterbliche Vernunftseele. Ihr Wohnort ist der Kopf und ihr Lebensraum die göttliche Ideenwelt. Der abstrakte Gedanke, der sich in der Vernunftseele spiegelt, ist für den Menschen die  Möglichkeit, an den „Ewigen Ideen“ Anteil zu erhalten. Um gleichzeitig in der göttlichen Ideenwelt zu schauen und in der Materie wirken zu können, besitzt der Mensch noch zwei weitere sterbliche Seelen. Da ist zum einen die „Mut-artige“ Seele und zum anderen die „materielle Seele“. Die materielle oder naturhafte Seele ist triebgesteuert wie ein wildes Tier und kann höchstens gezähmt werden. Ihre Überwindung besteht letztlich in einer Unterordnung unter die Vernunftseele und einer unterordnenden Handreichung an die Mut-artigen Seele. Sie wird nie in der Lage sein, sich nach oben zu richten bzw. sich zu vergeistigen. In einem beständigen Reinigungsprozess kann sie aber ihre Bindung an die Erde mindern. Die Mut-artigen Seele versucht das vernünftig erkannte gegen die Widerstände der materiellen Seele durchzusetzen. Nach Johann Wolfgang von Goethe hat Mut Genie, Kraft und Zauber in sich. Sie ist zwar sterblich, kann sich aber nach oben richten und mit der Vernunftseele verbinden. Die Vernunftseele und die Mut- artige Seele Platons verschmelzen über viele Inkarnationszyklen zu einer unsterblichen Einheit.</p>
<h3><strong>Der geflügelte Streitwagen</strong></h3>
<p>Diese drei Seelen sind während des Lebens unabhängig voneinander und können auch miteinander streiten oder gegeneinander kämpfen. Platon benutzt für das Zusammenspiel dieser drei Seelenbereiche das Bild eines geflügelten Streitwagens mit der Vernunftseele als Wagenlenker und zwei sehr unterschiedlichen Pferden. Das wilde und ungestüme Pferd ist immer versucht, den Streitwagen nach unten zu ziehen, während der Mensch mit dem „Mut-artigen“ Pferd versuchen kann, den Streitwagen himmelwärts zu richten. Am glücklichsten ist derjenige, der in der Lage ist, den Streitwagen so zu führen, dass sich das wilde ungestüme Pferd zähmen lässt und der Vernunft unterordnet und das Mut-artige sich in beständiger Anstrengung himmelwärts richtet und an der Hand der Vernunftseele läuft.</p>
<p>Die drei Seelen haben nach Platon ihren festen Sitz im Körper des Menschen. Die Vernunftseele arbeitet mit den abstrakten Gedanken der ewigen Ideenwelt. Alles in dieser Welt erkennbare können wir nur wahrnehmen wenn es ein Urbild dazu in der Welt der Ideen gibt. Das Urbild eines Tisches sorgt in der Sinnenwelt dafür, dass wir jeden Tisch auch als solchen erkennen. Die Mut-artigen Seele versucht nun die sinnlichen Erfahrungen in der materiellen Welt mit den „ewigen Ideen“ abzugleichen, um im Leben eine vernünftige Lebensführung zu entwickeln, also den Streitwagen von der Erde zu lösen und himmelwärts zu führen. Die Aufgabe des Philosophen ist es, dem Menschen bei der Ausrichtung seines Streitwagens behilflich zu sein, so dass er durch Harmonisierung der drei Seelen in die Lage versetzt wird, sein Wesen über die materielle Welt zu erheben. Die Mut-artige Seele erfährt dabei eine tiefe Transformation. Sie bekommt zunehmend die Fähigkeit, integrativ zu wirken und im Menschen Besonnenheit und Gerechtigkeit zu entwickeln. Sie wohnt in der Brust des Menschen, ihre treibende Kraft ist der Mut.</p>
<p>Platon nennt das Philosophieren ein Sterben-lernen. Je umfangreicher der Mensch lernt, sich von der Vernunftseele leiten zu lassen, desto leichter fällt es ihm, sich in einem „Sterbeprozess“ von dem materiellen Körper zu lösen und ungehindert in die ewige Ideenwelt aufzusteigen. Die Bezeichnung „Mut-artige Seele“ ist heute eher ungewohnt und wir könnten eher von einer „Kulturseele“ sprechen, einem Mischgefäß, in dem die Auseinandersetzung zwischen Geist und Materie stattfindet. Sie besitzt die Freiheit, sich mit der Zeit oder der Ewigkeit zu verbinden. Verbindet sie sich stärker mit der materiellen Seele, die ihren Sitz im Bauch hat, dann übernimmt die materielle Seele die Führung und bindet den Menschen fest an die materielle Welt, so dass er seinen geistigen Ursprung vergisst. Das hat zur Folge, dass er sich nach dem Tod seines Körpers nicht vollkommen aus der materiellen Welt lösen kann und in einer erneuten Inkarnation weiter an die Materie gebunden bleibt. Für Platon ist die Seelenwanderung durch mehrere Körper zentraler Bestandteil seiner philosophischen Überlegungen und notwendig für die Entwicklung des Menschen zu seiner ursprünglichen Göttlichkeit.<strong> </strong></p>
<h3><strong>Das Zusammenspiel der drei Seelen</strong></h3>
<p>Anhand den bisherigen Gedanken zeigt sich eine Polarität, die zwischen der Einfältigkeit der einzelnen Idee und der Vielfältigkeit in der Welt der tausend Dinge besteht. Nehmen wir als Beispiel einen Tisch. Hier in unserer Welt gibt es unendlich viele Tische, die sich in Form, Farbe und ihren unterschiedlichen Funktionen unterscheiden. In der abstrakten Welt des Geistes gibt es nur den Tisch. So steht die Vielfalt in dieser Welt des Werdens über die Vernunftseele in direkter Beziehung mit der Einfalt in der Welt des Seins.</p>
<p>Hier stellt sich nun die Frage, wie der Mensch aus der Vielfalt während seines Leben in eine bewusste Beziehung zu seinem Urgrund gelangen kann. Vielleicht wird nach den bisherigen Gedanken klar, dass der Mut-artigen Seele hier eine entscheidende Rolle zukommt. Es ist das Vorrecht des Philosophen, wie ihn Platon versteht, den Weg einer tiefen Transformation der Mut-artigen Seele zu gehen. Er beschreibt die Aufgabe des Menschen, sich von der Materie zu befreien, während er noch in der Materie lebt und sich dann erneut der Welt zuzuwenden, um anderen zu helfen, sich zu befreien.</p>
<p>Die Mut-artige Seele ist in diesem Prozess wesentlich, da sie dem Menschen durch ein entsprechend tugendhaftes Leben die Möglichkeit gibt, sich immer wieder nach oben oder nach innen zu richten, um das Wahre, Gute und Schöne zu erkennen. Die Vernunftseele ist ihr dabei behilflich, da sie die Wissbegier, den unermüdlichen Forscherdrang und die Sehnsucht nach wahrer Erkenntnis stimuliert. In harmonischem Zusammenspiel kompensieren sie ihre jeweiligen Schwächen. Die Vernunftseele kann nur wirken, wenn sie mit den anderen Seelenbereichen in Kontakt und Austausch tritt. Die Mut-artige Seele muss den Mut haben, sich von täglicher Gewöhnung zu lösen und immer wieder die Hand der Vernunftseele zu ergreifen, um sich nach oben bzw. nach innen auszurichten. Sie muss lernen, sich nur so weit auf die naturhafte Seele einzulassen, wie es für die Erfahrung und Entwicklung von Tugenden notwendig ist. Die materielle Seele tendiert dazu, sich in der Welt der tausend Dinge zu verlieren und mit ungezähmter Macht die Bindung an die Materie so zu verstärken, dass ein tugendhaftes Leben unmöglich wird. Sie entgeht dieser Gefahr, indem sie sich der Vernunftseele und der Mut-artigen Seele unterordnet.</p>
<h3><strong>Die Vielfalt und die Einfalt</strong></h3>
<p>Im Thomasevangelium. Log. 5 wie Anfangs angedeutet ist der Werdegang der Seele vorgezeichnet. Wenn die Seele ihren Weg durch die Welt der Sinne beginnt dann kann sie einfältig im Sinne von unerfahren sein. Mit jeder Erfahrung wird sie vielfältiger oft mit der Gefahr sich in der Vielfältigkeit zu verlieren. So, wie sie durch ihre Erfahrungen das verborgene hinter der sinnlichen Welt erkennt, beginnt sie eine neue Einfalt zu entwickeln. Sie gleicht sich der Welt an, in der sie die ewigen Ideen im Sinne Platons schauen kann. Deren höchste Ideen die des wahren guten und schönen sind. Sie bekommt damit Zugang zu einer Welt, die schon immer ihrem innersten Wesen entsprach.</p>
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		<title>Der Kranich spiegelt sich im Wasser</title>
		<link>https://logon.media/de/logon_article/der-kranich-spiegelt-sich-im-wasser/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Heiko Haase]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Dec 2025 06:00:17 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Derjenige, in dem Tao wirkt, weiß um die Einheit aller Dinge in Tao. In seinem Innern erlebt er, dass das wahrgenommene fragmentierte Leben in Wirklichkeit eine Einheit ist. Er lässt die Situationen in ganzer Schärfe und so vollständig wie möglich auf sich wirken und gibt ihnen in seinem Herzen Raum für ein Heilsein in Tao. [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Derjenige, in dem Tao wirkt, weiß um die Einheit aller Dinge in Tao. In seinem Innern erlebt er, dass das wahrgenommene fragmentierte Leben in Wirklichkeit eine Einheit ist.</p>
<p><span id="more-113582"></span></p>
<p>Er lässt die Situationen in ganzer Schärfe und so vollständig wie möglich auf sich wirken und gibt ihnen in seinem Herzen Raum für ein Heilsein in Tao.</p>
<p>Die alten taostischen Weisen machten einen deutlichen Unterschied zwischen dem alltäglichen Bewusstsein des Menschen und einem Bewusstsein, das von Tao erfüllt ist. Sie kannten ein einfaches, aber sehr eindrückliches Bild:</p>
<blockquote><p>Ein Kranich fliegt über den Weiher. In einem kleinen Augenblick spiegelt sich der Kranich vollständig in seiner ganzen Pracht im Wasser.</p></blockquote>
<p>Hier wird ein ganz besonderer Zustand des Herzens beschrieben. Die Taoisten gingen davon aus, dass der gewöhnliche Mensch in seiner Mitte besetzt ist. Das bedeutet, dass sein Herzzentrum nicht frei ist für das Wirken von Tao. Das Herz ist gefüllt mit Begierden, Zielen, Gewohnheiten und Vorstellungen.</p>
<p>Wenn ein Mensch jedoch eine freie, das heißt offene, empfangsbereite Mitte hat, in der keinerlei Willenswirksamkeit stattfindet, kann sich die im Moment vorhandene Lebenssituation in Tao spiegeln. Dies kann prinzipiell in einem Moment der inneren Einkehr und selbstlosen Hingabe an Tao geschehen. Das persönliche Wünschen und Wollen tritt zur Seite und überlässt einer sehr viel größeren Wirksamkeit den inneren Raum. Der Kranich spiegelt sich im Weiher.</p>
<p>Der Kranich – so könnte man das Bild deuten – steht für das ganze Leben, für seine Einheit in Tao.  In manchen Augenblicken sehen wir sie klar, und dann verschmilzt die ganze Vielfalt einer Situation mit ihren Problemstellungen, Beziehungen und Verflechtungen zu einer einzigen Wahrnehmung, zu einem Ein-Druck in der Stille des Herzens. Das Unvollkommene hat sich in Tao gespiegelt, wurde durch Tao erkennbar, war in Tao aufgehoben. Dadurch wurde Tao in eine wirksame Aktivität gebracht. Womöglich enststanden daraufhin neue Gedanken und Empfindungen, in einer scheinbar ausweglosen Situation tat sich plötzlich eine Lösung auf, ein Buch oder eine Textstelle gab uns einen entscheidenden Hinweis oder eine unerwartete Begegnung fand statt. Es kann auch sein, dass eine ungeahnte Kraft oder eine Heiterkeit fei wurde, eine schicksalhafte Situation anzunehmen wie sie ist.</p>
<p>Normalerweise versucht der Mensch in einer Situation, sei sie schwierig oder angenehm, sofort irgendetwas damit zu machen. Er will sie nach seinen Vorstellungen und seinem Willen formen, verändern oder einordnen. Meist will er etwas loswerden oder an etwas festhalten.</p>
<p>Derjenige, in dem Tao wirkt, tut hingegen zunächst einmal nichts. Er steht im Wu Wei, praktiziert das Nicht-Tun. Er greift nicht ein auf der Ebene der „zehntausend Dinge“, wie Lao-tse es nennt. Er will den Vogel weder fangen, vertreiben, noch mit einem Spiegel oder einer Kamera hinter ihm herlaufen. Vielmehr lässt er den „Kranich fliegen“ und nimmt keinerlei Wertungen vor bezüglich irgendwelcher Aspekte seines Verhaltens. Er nimmt seinen eigenen Willen völlig heraus aus der Situation und lässt geschehen, was geschieht.</p>
<p>Ein solcher Mensch nimmt nichts weg und fügt nichts hinzu. Er weiß um die Einheit in Tao. In seinem Innern erlebt er, dass das wahrgenommene fragmentierte Leben in Wirklichkeit eine Einheit ist. Er lässt die Situation in ganzer Schärfe und so vollständig wie möglich auf sich wirken und gibt ihr in seinem Herzen Raum für ein Heilsein in Tao. Er lässt dabei die tiefe Sehnsucht nach der heilenden Verbindung mit Tao in seine erlebte Realität hineinströmen.</p>
<p>Diese Haltung des Geschehen-lassens, die auf der Bereitschaft basiert, dem Lauf der Dinge keinen Widerstand entgegenzusetzen wird in der chinesischen Literatur durch ein weiteres Bild ausgedrückt: Die Kiefer und die Weide im Schnee. Der Ast der Kiefer ist starr und bricht unter der Last, während der Ast der Weide dem Gewicht nachgibt und der Schnee dabei abgleitet. Die Kiefer steht für das gewöhnliche anhaftende Bewusstsein, das mit Gegendruck und Kampf arbeitet. Die Weide kann hingegen nachgeben und sich flexibel anpassen. Sie steht für den Menschen des Tao, der so neutral und objektiv wie möglich auf sich und sein Leben schaut. Er lässt es zu, dass die Dinge sich im Schauen aus dem inneren Wesensgrund heraus entfalten und zeigen können.</p>
<p>Er nimmt scheinbare Niederlagen genauso an wie Erfolge. Denn er weiß, dass die beiden Pole zusammengehören. Yin und Yang bedingen sich gegenseitig. Da er sich verbunden weiß mit der Einheit Taos, lebt er die Freude des inneren Ungebunden-seins &#8211; was auch im äußeren Leben geschehen mag.</p>
<p>Doch dieses innere Handeln durch „Nicht-Eingreifen“ fühlt sich nicht unbedingt erhaben oder stark an. Oft werden gerade dadurch Ängste, Trauer, Wut und die eigene Unzulänglichkeit spürbar. Doch gerade in der empfundenen Ohnmacht und im Erkennen der eigenen Kleinheit kann die Ergebung gegenüber der Weisheit und Kraft Taos stattfinden. Nun können die Kräfte Taos fließen. Eine Verschiebung des inneren Handlungszentrums vom Ich zu Tao findet statt.</p>
<p>Der Wille und die Intelligenz Taos lassen die mögliche Lösung aufleuchten. Und nicht nur das. Im Herzen des Menschen, in dem Tao wirkt, gehen die Dinge eine Wiederverbindung ein mit ihrem ureigenen inneren Quell. Der Impuls zu einer tiefen inneren Verwandlung kann wirksam werden. Daher waren die Taoisten im alten China bekannt dafür, besonders heiter und ge-lassen zu sein. Sie nahmen sich selbst nicht allzu ernst, sie ließen sich und ihre Anhaftungen los.</p>
<p>Wu-Wei heißt allerdings nicht, dass man sich nur zurücklehnt und denkt, Tao wird es schon richten. Natürlich ist in der „Welt der zehntausend Dinge“ auch äußeres Handeln gefragt. Es ist jedoch abgestimmt auf den höheren Lebenssinn, auf die Impulse Taos. Es ist die Kunst, im richtigen Moment am richtigen Ort das Richtige zu tun. Dies kann nicht gewollt oder erzwungen werden. Vielmehr passiert es einfach, wenn der Mensch im „Mitbewegen“ mit der freien Mitte steht.</p>
<p>Tao als Schöpfer allen Lebens und die konkrete Lebenssituation berühren sich. Die unergründliche Tiefe des Seins, der Schöpfer, der Ursprung begegnet der Schöpfung, der Manifestation im menschlichen Herzen. Ein Verschmelzen findet statt, ein Erwachen aneinander. Der Sinn leuchtet auf, starke transformative und evolutive Impulse werden ausgelöst, die für den Einzelnen wie auch für die Menschheit und die Natur insgesamt bedeutsam sind.</p>
<p>Unser alltägliches Bewusstsein gleicht einem Weiher voll unruhigen Wassers. Es kann den Kranich nur zerstückelt und als „zehntausend Dinge“ widergeben. Hier finden wir keinen Frieden, kein tieferes Verstehen von Zusammenhängen, keine Einheit.</p>
<p>Der Weg zur Einheit ist der Weg des Herzens. Unsere besetzte Mitte für diesen Weg frei zu machen, bedeutet Menschsein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<blockquote><p>„Schaffe Leere bis zum Höchsten!<br />
Wahre die Stille bis zum Völligsten!<br />
Alle Dinge mögen sich dann zugleich erheben.<br />
Ich schaue wie sie sich wenden.<br />
Die Dinge in ihrer Menge,<br />
ein jedes kehrt zurück zu seiner Wurzel.<br />
Rückkehr zur Wurzel heißt Stille.“</p>
<p>Laotse, Tao te king, Kap. 16</p></blockquote>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Kairos – oder die Kunst des richtigen Moments in den vielen Falten der Zeit</title>
		<link>https://logon.media/de/logon_article/kairos-oder-die-kunst-des-richtigen-moments-in-den-vielen-falten-der-zeit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Heiko Haase]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Nov 2025 06:00:22 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[In der Vielfalt der Möglichkeiten das Eine, Stimmige, Schöne, Gerechte und Gute zu denken und zu tun und zu fühlen, ist eine Kunst, in der wir uns wohl alle üben. Es geht darum, den richtigen Moment der Ewigkeit beim Schopf zu packen – in einem tanzenden Universum. Mit Kairos entsteigen wir, hinaus aus der gemaßregelten [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><em>In der Vielfalt der Möglichkeiten das Eine, Stimmige, Schöne, Gerechte und Gute zu denken und zu tun und zu fühlen, ist eine Kunst, in der wir uns wohl alle üben.</em></p>
<p><span id="more-113769"></span></p>
<p>Es geht darum, den richtigen Moment der Ewigkeit beim Schopf zu packen – in einem tanzenden Universum. Mit Kairos entsteigen wir, hinaus aus der gemaßregelten Zeit in die unermessliche Zeitenfülle des Universums.</p>
<p>Jedoch steht Chronos-Saturn an der Schwelle, der uns verschlingt, wenn wir seine Chronologie nicht beachten und zur falschen Zeit, am falschen Ort das Falsche tun, oder das Richtige am falschen Ort, oder am richtigen Ort das Falsche. Falsch erscheint mir schon der Begriff „falsch“. Das kann ich aber nicht mal denken, ohne den Begriff selbst zu benutzen. Kann man sich den Göttern durch Denken nähern? Können Denken und Sprache, können Worte Lebenswirksamkeit erzeugen? Welches Wort war am Anfang? Wir sind immer noch auf dem Weg in die Zeit, in die Vielfalt, wohl mit etlichen Zwischenaufhenthalten auf dem Turm von Babel.</p>
<p>Kairos und Chronos sind die Götter der Zeit. Chronos ist die Zeit, die wir messen können, während sie vergeht. Dabei wird unsere ganze Chronologie der Inkarnationen in unseren Körper, in unsere Gene, in unser Blut und Hirn geprägt. Da  wir das meiste davon vergessen, erscheint es uns als Schicksal oder Hüter der Schwellen. Kairos ist die ursprüngliche Zeit, die ewig ist. Er wird zum Tor in unserem Herzen, wenn wir mit der hingebungs- und machtvollen und liebevollen Tat das „Sesam öffne dich“ sprechen.</p>
<p>So nähere ich mich an diesem strahlenden Morgen, im Frühverkehr, unaufhaltsam meinem Schicksal, was momentan Zahnarzt bedeutet. Es könnte etwas anderes sein, mein Schicksal. Ich denke an die vielen Schicksale, die sich im selben Moment auf der Welt erfüllen: der Beginn eines entscheidenden Arbeitstages, die Begegnung mit lieben Kollegen oder gestressten Kollegen, eine OP in einem Krankenhaus, die Geburt eines Kindes, der Beginn einer neuen Liebe, die Explosion einer Bombe, der erste Schultag, die Angst vor anderen Kindern. Ich spüre gerade ein bisschen Angst um meine Zähne. Dann öffnet sich wie in einem Korridor mein Blick auf meine eigenen Schicksalsschläge und Problemchen. Einige knirschen wie Sand auf den Zähnen, einige pochen dunkel irgendwo im Körper, andere lassen mich erröten, andere leuchten wie Sterne am Himmel, wie strahlende Blumenwiesen oder kleine unendlich heiße Sonnenkügelchen in meinem Herzen.</p>
<p>Schicksalsschläge? Den Zahnarzt habe ich mir selbst eingebrockt. Gibt es etwas, das ich mir nicht selbst eingebrockt hätte? Bei der Wahl meines Geburtsortes oder den steuerlichen Verpflichtungen bin ich nicht so sicher. Außerdem habe ich gewisse Ungerechtigkeiten erlebt. Oder mein Körper – bin ich das?</p>
<p>In der Vielfalt der Möglichkeiten das Eine, Stimmige, Schöne, Gerechte und Gute zu denken und zu tun und zu fühlen ist eine Kunst, in der wir uns wohl alle üben. Vielfältig sind die Aspekte, die wir einbeziehen müssen. Eine optimale Strategie habe ich dafür noch nicht gefunden. Um einen Überblick zu bekommen, scheint mir das Abhaken erfolgloser Strategien immerhin sinnvoll, weshalb ich hier einige anspreche, darunter auch Erfolg versprechende:</p>
<p>Das <em>Hamsterrad</em>: es bedeutet mehr zu haben, zu sehen, zu wollen und zu tun, und zu diesem Zweck sich auf einen bestimmten Bereich zu beschränken, zu spezialisieren. Als Lohn dafür winken Lob und Anerkennung einer Leistungsgesellschaft, eventuell Wohlstand und Selbstbestätigung.</p>
<p>Das <em>Uhrwerk</em>: Kontrolle und Perfektionismus. Im Bestreben, gut zu sein, überprüfe ich und plane ich mein Leben und das meiner Angehörigen. Als Belohnung erhalte ich dasselbe wie mit dem Hamsterrad und noch eventuell Macht dazu.</p>
<p><em>Kämpfen</em>: Für etwas oder gegen etwas. Daraus entstehen zum Beispiel Kunst, Krieg oder Selbstbeherrschung. Wir können Hindernisse überwinden, unsere Familie materiell und geistig ernähren, die Welt fruchtbar und strahlend werden lassen, wenn wir achtsam mit dem Leben umgehen.</p>
<p><em>Das Fähnchen im Wind</em>: Vielleicht will ich es allen recht machen, Konflikte und Schmerz vermeiden. Vielleicht die Menschen, lieben, Wahrheit und Liebe suchen, alles ausprobieren, um diese zu verwirklichen. Vielleicht ist es Flucht. Der Lohn ist Flexibilität, Verständnis für andere Menschen, Toleranz, eventuell Vielseitigkeit, eventuell Flüchtigkeit.</p>
<p><em>Die Auster</em>: Sie umfängt das störende Sandkorn mit Liebe und Fürsorge, bis es eine Perle wird. Sie hat eine harte Schale und ein sanftes Herz. Wer kennt ihren Lohn? Vielleicht Sanftmut, Schönheit, oder etwas Verborgenes.</p>
<p><em>Transhumanismus, Schönheits-OP, Kultur, Konsum und Technik</em>, etc.: Ich will über das Menschliche hinaus, denn ich kann mir Schöneres vorstellen als das, was ich im Moment bin und was die anderen sind. Das Absolute, Schöpferische, Wunderbare erscheint mir, oder meiner verborgenen Seele, als Wirklichkeit. Ich bin Mann und Frau, wunderbar wie ein Engel und dies versuche ich mit allen Mitteln im Leben zu manifestieren.</p>
<p><em>Wanja</em>: Der Held des russischen Märchens schläft sieben Jahre lang hinter dem Ofen, während seine Brüder die ganze Arbeit erledigen. Es bleibt seiner Wirklichkeit treu und nach sieben Jahren, als sein Moment, sein Kairos erscheint, rettet er die Situation für alle. Hier heißt es, nicht einzuschlafen oder einzurosten, die Hitze und an den Einzelgänger gerichtete Kritik zu ertragen, und wachsam von jedem Augenblick zu lernen.</p>
<p><em>Der Derwisch</em> ist in seinem Ich gestorben, leer und offen für das Leben geworden, gleichzeitig Zentrum und Vielfalt. Sterne, Welten, Menschen und Farben, Musik und Gedanken, strahlende, bunte, liebevolle Universen sieht er mit seinen offenen Augen kreisen.</p>
<p>Wir können in uns einen Schalter umlegen, um von der einen in die andere Zeit zu gelangen. Der Schalter ist, wie bei einem komplexen Roboter, in unseren Hirnzellen, im Blut, in den Genen verkabelt. Die Gebrauchsanweisung besitzen wir, jeder für sich selbst und sie ist so geschrieben, dass wir sie verstehen können. Im System liegt auch ein mehr oder weniger großes Quäntchen absoluter Freiheit verborgen. Sieben Welten müssen wir bereisen, sieben Brücken überqueren und sieben Fesseln entbinden, bevor wir frei den Weg der Sterne gehen können, so steht es geschrieben.</p>
<p>Annehmen, erkennen was ist und in Freiheit lieben wäre ein gutes Rezept. Wenn ich etwas annehme, erkenne ich es, liebe ich es. Oft jedoch will ich das Geliebte behalten, dann lehne ich das Gegenteil ab, dann bremse ich den Lauf der Zeit, das Zirkulieren der Gegensätze und der Sterne, es entsteht so etwas wie ein Sandkorn im Getriebe, im Uhrwerk des Chronos. Es gibt keine Lösung, meine Augen sind vorne am Kopf, ich sehe immer nur eine Seite der Münze, oder gar nur die Kante, falls ich versuche, gerecht zu sein.</p>
<p>Die Frage ist, wie ich mit der Vielfalt, in den vielen Falten der Zeit, umgehe. Ich brauche Zeit dazu. Chronos und Kairos sind unsere Hüter. Die Zeit wurde uns geschenkt, damit wir die Vielfalt zum Blühen bringen.</p>
<p>Chronos schreibt in mir, in der Welt, in der Zeit, unzählige Geschichten. Was wollen sie? Was will ich damit? Hinaus ins Leben, in die Freiheit, in die Fülle, mit dem Herzen, mit den Flügeln des Herzens und der Lunge, den Füßen und in den Händen halte ich die Waage, meine Augen sehen die Polaritäten und begleiten sie achtsam und wachsam. Während mein Geist den richtigen Moment der Ewigkeit beim Schopf packt, im tanzenden Universum.</p>
<p>Kairos sei mit uns.</p>
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